Profianleger entdecken ihre Liebe zu Wien

13. Oktober 2015, 11:04
8 Postings

Der Besitzanteil von Österreichs institutionellen Anlegern an den Unternehmen der Wiener Börse ist kräftig gestiegen

Wien – Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Frei nach dieser Redensart, die übrigens an ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe angelehnt ist, haben Österreichs institutionelle Investoren im ersten Halbjahr kräftig an der Heimatbörse Wien zugelangt. Dadurch ist ihr Besitzanteil an den Unternehmen des ATX Prime Index deutlich in die Höhe geschnellt und liegt per Ende Juni bei 25,8 Prozent – das sind um 6,7 Prozentpunkte mehr als noch zu Jahresende 2014. Damit rütteln heimische Profiinvestoren bereits an der Dominanz ihrer US-Kollegen, deren Anteil mit 26,4 Prozent um fast zwei Prozentpunkte zugelegt hat.

Im Gegenzug haben die Investoren vieler europäischer Länder wie Deutschland, Frankreich oder der Schweiz von Jänner bis Ende Juni tendenziell Kapital abgezogen, wie eine Erhebung der Wiener Börse ergibt. Institutionelle aus Fernost, konkret China und Japan, haben ihre Positionen in ATX-Prime-Unternehmen halbiert.

Schwungvoll hat sich der Aktienhandel in Wien im dritten Quartal entwickelt. Die Umsätze sind gegenüber der Vorjahresperiode um fast ein Fünftel angestiegen. Seit Jahresbeginn wurden an der Wiener Börse mehr als sechs Millionen Aufträge abgewickelt, ein Anstieg um 40 Prozent.

Außerbörslicher Handel

Trotz dieses Umsatzanstiegs dürfte die Wiener Börse weniger erfreut über ihren sinkenden Anteil bei Aktientransaktionen sein, wie in der aktuellen Studie angemerkt wird. Belastbare Daten lassen sich jedoch nicht ermitteln, da sowohl außerbörslicher Handel sowie alternative Handelsplattformen, sogenannte Dark Pools, nicht denselben Publizitätsvorschriften unterliegen wie offizielle Börsen. Mit diesem Problem steht der heimische Aktienmarkt jedoch nicht allein da, auch international besteht ein kontinuierlicher Trend zu vermehrtem außerbörslichem Handel.

Ganz im Gegensatz zur Wertentwicklung: Denn obwohl die Wiener Börse heuer wieder etwas Boden gutmachen konnte – aktuell stehen beim ATX Prime mehr als acht Prozent Kurszuwachs zu Buche -, ist das heimische Börsenbarometer in der Entwicklung seit der Finanzkrise merklich hinter großen Aktienmärkten wie Frankfurt zurückgeblieben. Dabei haben sonst in Europa seit 2009 kleinere und mittelgroße börsennotierte Unternehmen, die in Wien den Handel dominieren, deutlich besser abgeschnitten als Large Caps, wie die großen internationalen Börsengiganten auch bezeichnet werden.

Gemäß einer Studie des Forschungsinstituts MiddleNext haben die ganz Großen von Anfang 2000 bis Ende 2014 nur rund halb so viel Performance erzielen können wie die kleinen und mittleren Unternehmen. Demnach haben die sogenannten Nebenwerte auch eine entscheidende Bedeutung für die europäische Wirtschaftsdynamik, zumal die Hälfte der heutigen Large Caps im Jahr 2000 noch zu den kleinen oder mittleren Vertretern zählte.

Didier Le Menestrel, Chef der Fondsgesellschaft La Financière de l'Echiquier, bricht eine Lanze für die Nebenwerte: "Es kommt darauf an, die Vitalität des Segments zu fördern, damit der europäische Aktienmarkt auch künftig dynamisch und attraktiv bleibt." Ein Schrumpfungsprozess dieses Teilbereichs würde das "Ökosystem Börse erheblich bedrohen".

Ein Megatrend erfasst nun auch den von Nebenwerten dominierten Wiener Markt immer stärker – nämlich jener Trend zu passiven Anlageformen wie Indexfonds, die ohne einen Fondsmanager aus Fleisch und Blut starr ein Börsenbarometer abbilden. Deren Anteil an den ATX-Prime-Unternehmen ist im ersten Halbjahr um beinahe zwei Prozentpunkte auf einen Höchstwert von 16,1 Prozent geklettert.

Passive Anlageprodukte

Simon Klein von der Deutschen Bank erwartet, dass 2015 für passive Fondsprodukte generell ein Rekordjahr wird, was er auf die derzeit hohe Schwankungsfreudigkeit der Aktienbörsen zurückführt: "In solchen Marktphasen wollen Anleger schnell reagieren und suchen Einstiegschancen über liquide, transparente Produkte", lässt sich Klein, Leiter des passiven Geschäfts in Europa, vom Handelsblatt zitieren.

Aber diese Entwicklung wird auch kritisch betrachtet, etwa von prominenten Investmentexperten wie Tim O'Neill von Goldman Sachs: "Potenzielle Börsenblasenmaschine" nennt er die passiven Anlegeprodukte. Sobald deren Anteil am Handel eine gewisse Größe erreicht habe, sei auch der Gesamtmarkt nicht mehr funktionsfähig. Wo genau diese kritische Grenze zu ziehen ist, ließ O'Neill jedoch offen. (Alexander Hahn, 13.10.2015)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.