Kasachstan: Leitungswasser kann tückisch sein

Blog28. Oktober 2015, 12:04
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Schon vor Zhympity zeigt der Tacho 4.000 Kilometer Wegstrecke an. Ungeplant geht die Reise mit Bus und Zug weiter nach Aktobe und Astana.

Wir verlassen Mütterchen Russland und radeln zum kasachischen Grenzposten. Dort geht die Einreise recht schnell und relativ unkompliziert vonstatten. Schon heißt es von mehreren Seiten: "Welcome to Kazakhstan!" Doch gleichzeitig ist es zwei Stunden später, denn in Kasachstan ticken die Uhren anders.

alexandra zöchner

Bereits nach wenigen Kilometern im neuen Land meldet sich der nächste Patschen. Der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein. Es ist schon sehr heiß und wir haben es eilig, um nach Ural, zu unseren potenziellen Gastgebern zu kommen. Also erst einmal Reifen flicken. Dann starten wir abermals und es geht recht gut dahin, auch wenn anfangs einige Hügel am Weg sind und die Straße später so schlecht wird, dass sogar die Autofahrer sich eine alternative Route suchen. Gegen 18.30 Uhr erreichen wir schließlich Ural.

Mithilfe von Supermarkt-Security Waleri rufen wir Jana und Wiktor an, die uns bald darauf mit einem Lieferwagen abholen. Ihr Haus liegt etwas abseits. Welch eine Oase! Es ist ein wunderschön renoviertes Landhäuschen mit paradiesischem Garten. In der Laube werden wir von der ganzen Familie mit Essen und Wodka verwöhnt. Wir unterhalten uns nett – glücklicherweise kann die Großmutter Englisch.

Am nächsten Tag hilft Wiktor sogar noch bei der Registrierung, die wir innerhalb unserer ersten fünf Tage in Kasachstan durchführen müssen. Er schenkt uns ein Astana-Radfahrtrikot, seine Schwiegermutter gibt uns Gemüse aus dem eigenen Garten mit. Und zum Schluss will Wiktor uns mit unseren Rädern unbedingt noch mit dem Auto außerhalb der Stadt absetzen – sicher ist sicher. Wir sind noch ganz benommen vor Freude über die Gutmütigkeit, doch nun sind wir wieder uns selbst überlassen in diesem fremden Land.

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Wir erleben, wie freundlich und interessiert die Kasachen sein können – und sie lieben Fotos. Immer wieder bleiben Leute stehen, um mit uns zu plaudern, Hilfe oder etwas zu trinken anzubieten. So geht es auch an diesem Tag weiter.

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Als wir am Abend bei einem Café (Cafezi) Wasser kaufen wollen, füllen die Männer dort unsere Flaschen gratis mit trinkbarem Wasser auf – und schon haben wir einen Wasservorrat von etwa 20 Litern.

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Wir campen abseits der Hauptstraße. Am nächsten Tag geht es schon früh los, um der Mittagshitze zu entgehen. Auf dem Weg nach Zhympity zeigt unser Tacho 4.000 Kilometer an, juhu!

In Zhympity angekommen sind wir wieder einmal eine Attraktion. Fast jeder wollte Fotos mit uns machen. Leider war es im Cafezi zur Mittagszeit beinahe noch heißer als auf der Straße. Wir brechen die Pause jedoch zu früh ab – ich hätte beim Weiterradeln fast einen Hitzschlag bekommen. 47 Grad zeigt Stefans Tacho an und dass ein paar Bauern neben der Straße brandroden, macht es nicht unbedingt besser.

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Sieht gefährlich aus – Brandrodung in Kasachstan!

Gegen Abend finden wir ein sehr gemütliches Cafezi mit WiFi und wir bekommen zwei kalte Kwas spendiert. Leider wird es dunkel, bevor wir einen Zeltplatz finden konnten. So schlagen wir unser Lager in einer scheinbar ungenutzten Einfahrt unweit der Straße auf. Plötzlich fährt ein Auto sehr schnell in die Einfahrt. Wir schreien. Das Auto stoppt kurz vor unseren Rädern. Heraus springt ein wütender Polizist. Er will wissen, was wir hier treiben. Er hatte uns wohl für jemand anderen gehalten und meint, es sei hier nicht sicher zu campen – wegen der "Banditi", wir sollten besser nach Aktobe fahren, dort gebe es Unterkünfte. Aber hunderte Kilometer am Abend mit den Fahrrädern, das ist nicht mehr zu schaffen. Wir bleiben nervös zurück. Die Nacht ist verständlicherweise etwas unruhig und kurz. Aber um 5 Uhr morgens sind wir schon wieder auf den Beinen.

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Wie schön ist das Radeln im Sonnenaufgang, wenn die Luft noch frisch und kühl ist. Im Laufe des Tages ziehen allerdings Wolken auf – wir pausieren nicht und radeln so weit es geht. Nach etwa 70 Kilometern machen wir es uns bei einer Bushütte mit unseren Campingsesseln gemütlich und kochen Fertignudeln. Dann sagt ein Passant, dass nur wenige Kilometer entfernt ein Cafezi sein soll.

Ein kaltes Getränk ist verlockend. Und tatsächlich gibt es das Cafezi, doch leider keinen Strom, also auch kein kaltes Getränk. Dafür viel Tee und Leitungswasser, das man laut dem Besitzer problemlos trinken könne. Die Hitze macht durstig. Und dass man Leitungswasser hier nicht trinken kann, erfahren wir auf die harte Tour. Stefan langt gleich ordentlich zu und trinkt eine ganze 1,5-Liter-Flasche aus. Während ich mich noch mit anderen Gästen unterhalte, fühlt sich Stefan immer schlapper und unwohler. An ein weiterfahren ist nicht zu denken – und die nächste Stadt mit Krankenhaus leider mehr als 70 Kilometer entfernt.

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Der Sohn des Cafezi-Besitzers, Ruslan, bringt uns mit seinem russischen Auto zur Nahversorgerin im drei Kilometer entfernten Ort. In einem kleinen Häuschen, das typisch für das ländliche Kasachstan ist, macht eine Frau gerade Blinis. Sie tauscht die Schürze kurzerhand gegen einen Arztkoffer und schon versorgt sie den am Boden liegenden Stefan mit zwei nagelneuen Spritzen. Dann kaufe ich noch etwas kaltes Wasser und Cola bei ihr – und schon geht es zurück ins Cafezi. Dort müssen wir die Nacht verbringen.

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Der erschöpfte Stefan und seine Ärztin.

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Ruslan ist immer gut gelaunt.

In seinem Zimmer können wir auf einer harten Holzpritsche mit Teppichüberzug liegen, inmitten von zig Fliegen, neben dem dröhnenden Stromgenerator und dem Fernseher, der bis zwei Uhr morgens läuft. Dennoch ist es sehr interessant zu sehen, wie der 33-jährige Ruslan und sein Vater so leben. Viel haben sie nicht, aber Ruslan scheint dennoch recht zufrieden, wissbegierig und interessiert zu sein. Über die Mundharmonika, die ihm Stefan als Dank für seine Hilfe schenkt, freut er sich sehr. Das hilft gegen die Langeweile, die trotzdem manchmal aufkommt.

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Auf nach Aktobe!

Der Bus fährt einmal täglich. Ruslan hilft uns noch einmal beim Anhalten und Einsteigen und schon fahren wir gratis mit – der Busfahrer will netterweise unser Geld nicht annehmen.

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Nach Aktobe reisen wir mit Huber Reisen.

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In Aktobe angekommen bemerken wir, dass mit dem Hinterreifen meines Fahrrads etwas nicht stimmen konnte, er eiert extrem. In der Stadt mit mehr als 300.000 Einwohnern können wir aber kein Fahrradgeschäft ausfindig machen. Aber ein Mitglied des Aktober Fahrradvereins will versuchen, das Fahrrad zu reparieren. Auch dieser nette Mensch heißt Ruslan. Er verbringt einen ganzen Tag mit uns, arbeitet am Fahrrad, macht oder kauft uns sogar etwas zu essen, und als alle Reparaturarbeit nichts hilft, besorgt er uns Zugtickets nach Astana, Kasachstans Hauptstadt.

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Der Aktober Fahrradverein schaut extra vorbei.

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Ruslans Mutter steckt uns ein paar Fressalien zu.

Ruslan selbst kommt am nächsten Tag nochmals mit zum Bahnhof und sorgt dafür, dass wir auch tatsächlich unsere Fahrräder mitnehmen können. Gegen einen schwarz bezahlten Aufpreis dürfen sie im Maschinenraum mitfahren.

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Züge in Kasachstan können übrigens sehr gut und komfortabel sein – 19 Stunden Zugfahrt vergehen schnell. Natürlich sind wir auch traurig, dass wir nicht die gesamte Strecke radeln konnten. Andererseits war der Abschnitt so eintönig und langweilig, dass wir auch ein bisschen erleichtert sind.

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In Astana wartet bereits Asset, ein Freund Ruslans, um uns zum besten Fahrradgeschäft Astanas zu bringen. Asset chauffiert uns den ganzen Tag durch Astana und übersetzt die Kommunikation zwischen uns und dem Fahrradmechaniker. Übrigens ein guter Freund und ehemaliger Chefmechaniker von Alexander Winokurow, dem bekannten kasachischen Rennradfahrer. Und glücklicherweise konnte er die Nabe austauschen, sodass das Hinterrad wieder so gut wie neu ist.

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Die Kasachen lieben Pferde – auch auf dem Teller.

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Die größte Moschee Kasachstans, die Hazrat-Sultan-Moschee.

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Astana – im Bild das Wahrzeichen, der Bajterek-Turm – ist eine Stadt voller seltsamer, moderner Gebäude, die den Reichtum Kasachstans zur Schau stellen sollen. Denn an Öl mangelt es dem Land nicht, folglich gibt es hier auch sehr reiche Menschen. Eine interessante Stadt, wenn auch viele Ecken vollkommen unbewohnt wirken.

Der Nachteil des zur Schau gezeigten Prunks ist, dass für den Rest des Landes wenig Geld übrigbleibt. Der Graben zwischen dem Reichtum der Hauptstadt und der Armut am Land ist riesig. Dennoch können wir nicht anders, als uns in Astana wohl zu fühlen und genießen die Zeit dort sehr. (Alexandra Zöchner, Stefan Jahrmann, 28.10.2015)

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