Reden in der Sauna

8. Oktober 2015, 15:00
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Nur keine falsche Zurückhaltung

foto: reuters / ints kalnins

Pro
von Margarete Affenzeller

Bei den Finnen, den Saunakönigen aller Länder, gibt es nur eine Regel: Brich ja keinen Streit vom Zaun. Das ist wichtig, denn zugleich darf bei den Nordmenschen Bier in die heiße Stube mitgenommen werden. Eine gesellige, die Stimmung lockernde Praxis.

Mit Redeverbot ist dies schwerlich in Einklang zu bringen, es könnte vor lauter Zurückhaltung beim Birkenzweigenpeitschen dann Verletzungen geben.

Das will ja niemand. Darum lasst euch im Schweiße eures Angesichts das Reden nicht verbieten!

Es mag aufs Erste befremdlich wirken, im entkleideten Zustand das Wort aneinander zu richten. Insbesondere in den gepflegten Saunawelten der mitteleuropäischen Wellnessindustrie.

Doch in Wahrheit ist das Schwitzschwätzchen für alle Beteiligten eine Win-win-Situation. 1. Man wird beim Zuhören unversehens und ohne jegliches Zutun Experte für die Tücken von Induktionsherden. 2. Man wird beim Zuhören unversehens und ohne jegliches Zutun Experte fürs Knopfbatterienwechseln. 3. Die russische Wirtschaft bleibt auch im Lot.

Kontra
von Eric Frey

Journalisten, die Volkes Stimme hören und Volkes Seele erforschen wollen, fahren entweder Taxi oder gehen in eine öffentliche Sauna. Trotz gestiegener Eintrittspreise ist die Recherche beim Saunieren immer noch günstiger als das Taxifahren – und das Geschimpfe der Taxler kennt man zur Genüge. Deshalb sollte ein ehrgeiziger Reporter gerade im Wiener Wahlkampffinale genügend Zeit in der Sauna des Amalienbads auf dem Reumannplatz verbringen und dort mit anderen Badegästen viel reden. Da erfährt er was.

Aber das geht nur gut, wenn er die freundlichen Zeitgenossen auch sehen kann. Mit -8,5 Dioptrien Kurzsichtigkeit geht das in der Sauna nicht. Ich sitze oder liege halb blind auf der Pritsche und kann gerade noch Männchen von Weibchen unterscheiden. Mit Kontaktlinsen brennen die Augen, wenn der Schweiß hineinrinnt. Und als ich einmal meine Brille aufgelassen hatte, hatte ich bald Brandwunden im Gesicht.

Da bleibe ich lieber blind und stumm und hoffe, dass auch die anderen verschwommenen Figuren schweigen. Die große Wiener Saunareportage überlasse ich den Kollegen. (RONDO, 8.10.2015)

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