Gaucks Besuch bei der kaputten Freiheitsglocke

6. Oktober 2015, 19:52
28 Postings

Der deutsche Präsident ist in den USA zu Gast, am Mittwoch trifft er Barack Obama

Bei aller Rührung, einen Hinweis zur Hausordnung möchte Cynthia MacLeod ihrem Gast dann doch geben. "Nur sachte berühren", bittet sie, bevor Joachim Gauck seine Hand auf die Freiheitsglocke legt. Normalerweise darf sie gar niemand mehr anfassen, die berühmte Glocke, die im Liberty Bell Museum in Philadelphia hängt wie in einem Schrein, wenn auch in einem modernen, einem mit lichtdurchfluteten Hallen. Beim deutschen Bundespräsidenten lässt die Nationalpark-Rangerin Cynthia MacLeod eine Ausnahme zu. Nur eben: bitte sachte.

Die Glocke hat einen Sprung, seit sie, 1751 in London gegossen, in Pennsylvania zum ersten Mal läuten sollte. Es ist wohl der berühmteste Riss, der sich irgendwo auf der Welt durch ein Stück Metall zieht. Wie das sein könne, eine Glocke mit Makel als Freiheitssymbol, stellt Frank Trommler, ein US-amerikanischer Germanistikprofessor, der die Rolle des Erklärers übernimmt, eine rhetorische Frage. "Ich weiß eine Antwort", erwidert Gauck. "Die Freiheit ist nie vollkommen", man müsse immer an ihr arbeiten, sie gleichsam ständig reparieren.

Die Freiheit, sagt Gauck auch am Dienstag vor Studenten der University of Pennsylvania, sei das Band, das Amerikaner und Deutsche verbinde. Wer sich die gemeinsame Geschichte vor Augen führe, mitsamt ihren Mühen und Konflikten, den werde nicht wundern, dass es auch heute zuweilen geräuschvoll zugehe im bilateralen Verhältnis. "Offene Gesellschaften sind Konfliktgesellschaften. Sie entwickeln sich fort durch Kontroverse und schließlich Kompromisse, im Inneren wie untereinander."

Vertrauensverlust

Ihn beunruhige das Amerikabild, das sich in Teilen Europas und auch in Deutschland entwickle. Datensammlung und Abhörtätigkeit der NSA hätten dazu beigetragen, dass die Bundesbürger den Vereinigten Staaten weniger vertrauten. Auch könne er nachvollziehen, dass sich mancher US-Amerikaner frage, warum die Deutschen, statt sich zu erregen, nicht selbst mehr zur Abwehr des Terrorismus täten, sich im Zweifel lieber auf die amerikanischen Dienste verließen, nur um sie am Ende zu kritisieren.

"Aber erlauben Sie mir umgekehrt die Frage, warum Telefonverbindungsdaten deutscher Minister, offenbar auch von Landwirtschaftsministern, in Listen amerikanischer Dienste auftauchen und was das mit Terrorismusabwehr zu tun hat." Gerade der gute Freund genieße ja das zweifelhafte Privileg einer besonderen moralischen Fallhöhe, sagt Gauck. "Wir erwarten von einem Schurken weniger als von einem Bannerträger der Demokratie", fügt er hinzu und spricht von seinem Vertrauen in die Selbstkorrektur, wie sie aus der Mitte einer offenen Gesellschaft komme.

Besuch bei Obama

Am Mittwoch wird er von Barack Obama empfangen, er ist seit 18 Jahren der erste deutsche Bundespräsident im Weißen Haus. Als Roman Herzog 1997 zu Gast bei Bill Clinton war, gab es noch keine NSA-Affäre und keine nahöstliche Flüchtlingskrise. Und Letztere ist eindeutig das Thema, das den Zuhörern im Flaggensaal der Uni zu Philadelphia unter den Nägeln brennt. Ob Deutschland das schaffen werde, ob es den Zustrom der Fliehenden verkraften werde, will eine Studentin von Joachim Gauck wissen. In seiner Rede hatte er hervorgehoben, dass die aus Syrien Flüchtenden dieselben Gefühle hegen wie "unsere eigenen Vorfahren, als sie auf dem Schiff der Freiheitsstatue in New York entgegengesegelt sind: Sie betreten ein Land der Hoffnung und der Chancen, der Freiheit und der Demokratie." Sich angesichts der Fluchtbewegung einzuigeln, sei keine Option, keine Lösung mehr – nicht für Europa, nicht für Amerika. In der Fragestunde redet er dann Tacheles.

Deutschland habe über Jahrzehnte gelernt, etwas zu sein, was es eigentlich gar nicht sein wollte – ein Einwanderungsland. Was in den USA oder Kanada selbstverständlich sei, stoße mancherorts in Deutschland auf kulturelle Vorbehalte, abgesehen von den konkreten, kommunalen Sorgen, etwa bei der Unterbringung der vielen Menschen. Nun, er sei ja nun in Amerika, und da hätte er es gern, wenn das Gespräch über Flüchtlinge nicht nur ein europäisches bleibe. Die Amerikaner, sagt er unter Anspielung auf den Irakkrieg, hätten im Nahen Osten ja auch bestimmte Aktivitäten betrieben, und die hätten sicher nicht zu einer Entschärfung des Flüchtlingsproblems beigetragen. "Da beißt die Maus nun mal keinen Faden ab", sagt er. Und grinst. Wie die Dolmetscherin das wohl ins Englische übersetzt – es ist jetzt nicht sein Problem. (Frank Herrmann aus Philadelphia, 6.10.2015)

  • Joachim Gauck und die Glocke.
    foto: apa/epa/kumm

    Joachim Gauck und die Glocke.

Share if you care.