Kokain, Kohle und Knarren: Lasst uns über "Narcos" reden

Blog9. Oktober 2015, 05:30
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Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar in Serie: Das ist "Narcos". Aber wie gelungen ist das Ganze?

Die Lkws, vollgestopft mit Erdäpfeln und Kokain, fahren durch die Berge Kolumbiens. Mittendrin: Pablo Escobar, Drogenbaron número uno in den 1980er-Jahren, Anführer des Medellín-Kartells in Kolumbien, Multimillionär, Mörder – und jetzt auch Serienheld von bisher zehn Episoden der ersten Staffel der Netflix-Serie "Narcos". Das Serienreif-Quartett ist sich jedenfalls nicht einig, ob wir Pablito und "Narcos" wahnsinnig gut finden oder eher nicht so. Aber lesen Sie selbst. Und diskutieren Sie mit.

Spoilergefahr besteht nur für jene, die noch nie etwas von Pablo Escobar gehört haben.

Daniela Rom: Nach zehn Folgen "Narcos" weiß ich tatsächlich immer noch nicht, ob ich es gut finde oder eher nicht so. Deswegen mal die Einstiegsfrage, liebe Kolleginnen, "Narcos": Plata o plomo? Silber oder Blei? Gut oder schlecht?

Julia Meyer: Es hat mir Spaß gemacht, die Serie zu schauen, aber ich finde sie nicht unbedingt gut. Ich finde sie gut produziert, aber ich habe Probleme mit einigen Perspektivenentscheidungen. Und ich weiß nicht, ob ich den lakonischen Grundton lässig oder nervig finden soll. Für eine radikale Entscheidung à la Escobar muss also zunächst eine andere vortreten!

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Der offizielle Trailer zur Serie. Hauptdarsteller Wagner Moura hat für die Rolle extra viel gegessen. Und Spanisch gelernt.

Doris Prisching: Plata, und zwar ziemlich eindeutig. Die Figur des Pablo Escobar würde ich sogar mit Tony Soprano vergleichen: Er ist wirklich ein ganz unglaublicher Bösewicht, brutal und rücksichtslos – auf der einen Seite, auf der anderen ein Pate der alten Schule, der auf die Mitglieder seiner Familie schaut und sie behütet, solange sie loyal sind. Aber wehe, wenn nicht!

Daniela Rom: Eigentlich ist die ganze Serie recht platt und einseitig. Das muss nicht einmal heißen, dass sie schlecht ist. Aber mir fehlt ein wenig die Vielschichtigkeit. Klar, die Geschichte ist nun einmal die, die sie ist: Die Drogenbarone Kolumbiens haben mit Kokain den Markt in den USA erobert. Damit es leichter geht, schließen sie sich zusammen und terrorisieren das Land währenddessen. Und die Amerikaner kommen dann, um das Land zu retten, und tun fast nichts Böses dabei. Ja, eh. In den Charakteren geht es dann so weiter, die Drogenchefs sind – bis auf Escobar – sehr simpel und eindimensional, nämlich dumme, brutale Drogenverchecker. Und der DEA-Agent ist ein Supertyp, quasi immer. Platt, das ist einfach platt. Also nicht plata.

Doris Priesching: Kann man nicht einfach auch "trashig" sagen, und dann wär's schon wieder gut?

Michaela Kampl: Für Trash ist es dann wieder zu gut, aber eben nicht richtig gut. "Narcos" hat eigentlich viel, das eine Serien haben muss, damit ich sie mag: keine völlige Fiktion, nicht nur Englisch. Irgendwie auch was, das verführt zu glauben, es wäre eine Geschichtslektion. Aber genau da beginnt auch mein Problem. Was die DEA da warum genau macht, wird so beantwortet: Die bösen Kolumbianer schicken tausende Kilo Drogen in die USA – und das ist urböse. Dass die in den USA Abnehmer brauchen, also dass auch auf Nachfrageseite ein Problem existiert, wird nicht thematisiert. Und auch nicht, dass die USA nicht immer die Guten sind. Es ist eben keine Doku, suggeriert das aber erzählerisch und auch visuell mit den realen Fernsehbildern, die immer wieder zwischengeschnitten werden.

foto: daniel daza/netflix via ap
Dies ist kein Dokumentarfilm.

Doris Priesching: Über die USA als Abnehmerland spricht, glaube ich, Murphy. Dieser Erzählmodus ist übrigens das Einzige, was mir schwer auf den Geist geht. Für meine Begriffe wird zu viel gequasselt, und das ist auch eine Schwachstelle: wenn mir ein Erzähler einreden will, was ich sehen soll. Wenn er zum Beispiel sagt, dass Escobar immer unnahbarer wurde: Wie kann er das wissen, obwohl er zu dem Zeitpunkt noch gar keinen Kontakt hatte? Und warum kann ich mir davon nicht selber ein Bild machen? Dass das ein Stilmittel ist, ist schon klar, aber es ist zu viel, und es geht sich oft nicht aus.

Daniela Rom: Ja, es ist ein komplexes Thema. Ja, es ist nicht alles schwarz oder weiß. Aber das zeigt man mir nicht in "Narcos". Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das auch nicht ganz leicht ist. Und die Serie ist ja den Erinnerungen des DEA-Agenten nachgezeichnet. Da habe ich mich dann auch gefragt, ob das irgendwer anderer hinkriegt. Und mir ist recht schnell "The Americans" eingefallen. Spionage in den USA während des Kalten Krieges ist auch ein megakomplexes Thema und sehr vielschichtig. "The Americans" bekommt das aber auch hin, nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild zu zeigen, vielschichtige Charaktere auch außerhalb der beiden Hauptdarsteller gibt es da zuhauf. "Narcos" schrammt an der Oberfläche dahin und lässt keinen Zweifel an der Intention der Macher: zu zeigen, dass die Amis recht hatten. Das mit dem Schwarz-Weiß-Malen ist entweder Faulheit, oder man will es in eine gewisse Richtung drehen. Dann kann ich es einfach nicht super finden.

Julia Meyer: Das Bild des realen, toten Escobar hat ja gewissermaßen ikonischen Wert. Ist kinderleicht googelbar. Über dem toten, dicken, ausgestellten Körper kniet der DEA-Agent. Und diese historische Bildinszenierung, der plakativ ausgestellte Sieg über das Böse, scheint dann auch in den fiktiven Bildern immer wieder als Vorbild durch. Und auch der Beginn ist schon heftig und gibt gewissermaßen eine US-amerikanische Marschrichtung vor, das meinte ich eingangs mit "schwieriger Perspektivenentscheidung". Die Vorgeschichte wird ja quasi mit der Erschießung von chilenischen Drogenproduzenten auf Befehl Pinochets eingeleitet und von dem lapidaren Hinweis begleitet: "Auch böse Menschen können Gutes tun." Pinochet, von den US-Amerikanern unterstützt, als Bastion gegen den Drogenhandel. Schwierig. Und durch den quasidokumentarischen Charakter noch schwieriger.

Michaela Kampl: Pinochet war in Chile nach dem CIA-gesteuerten Putsch gegen den Sozialisten Allende 1973 auch der Garant gegen die Machtübernahme linker Bewegungen in Süd- und Lateinamerika. Aber "Narcos" will ja vielleicht gar nicht Geschichte erzählen, sondern nur unterhalten. Und ich mag ja den "Narcos"-Escobar. Es ist immer ein gutes Zeichen für eine Serie, wenn der Bösewicht nicht eindimensional ist. Wie er da in einem Moment seinem Sohn erklärt, wie wichtig Familie ist und dann übers Telefon Mordaufträge erteilt. Das ist gut. Also das macht die Serie zu einer besseren Serie.

Julia Meyer: Ja, absolut. Unter anderem deswegen geht ja auch die US-amerikanische Heldengechichte irgendwie nicht zu 100 Prozent auf. Der Mann ist ein verrückter Massenmörder, dessen Wahnsinn gegen Ende hin ja auch immer greifbarer wird, aber dabei bleibt er, tja, irgendwie sympathisch. Da stellt sich aber auch schon die Frage, ob der Serie da nicht eine ganz deutliche Fiktionalisierung des Stoffes besser getan hätte.

Michaela Kampl: Der Grat zwischen Fiktion und Realität ist bei "Narcos" schmal und kann Menschen wie mich – mit gefährlichem Zweidrittelwissen über die USA, Drogen, CIA, Antikommunismus, Hinterhof-Geschichte – schon mal zu Verwechslungen verleiten. Und noch zu Pablo: Er ist der einzige Narcotrafficante, der mehr sein darf als nur ein blutrünstiger, frauenverachtender Wahnsinniger. Es sind fast comichafte Charaktere, die Pablos Verbündete oder Widersacher im Drogengeschäft sind. Und ganz vielleicht bin ich jetzt endlich am Punkt: "Narcos" hätte Potenzial gehabt – aber die Serie bleibt bei der Hälfte stecken. Auf Ebene der Geschichte, der Charaktere, der Sprache. "Narcos" ist gut gemeint – und damit das Gegenteil von gut.

Doris Priesching: Aber soll man es wirklich so streng sehen? Mir hat gerade das comichafte an den Schwarz-Weiß-Bildern gefallen. Und der Schmäh rennt nicht schlecht.

foto: daniel daza/netflix via ap
Man beachte das schmucke 80er-Jahre-Hemd. Kostüm und Ausstattung haben alles gegeben.

Julia Meyer: Ich plädiere für halbgut. Ich finde es vom inszenatorischen Aspekt her wirklich ganz gut. Ich finde den Cast gut. Ja, die Figuren sind teilweise wahnsinnig platt. Der "Mexikaner" und sein komplett verlotterter Sohn sind tatsächlich comicfigurenartig, aber es macht Spaß, beiden beim Schauspielern zuzuschauen. Auch das Gegensatzpaar Valeria Velez, die manipulative Journalistin und Geliebte Escobars versus Diana Turbay, die investigative, moralisch integere Journalistin und Opfer Escobars, ist recht holzschnittartig. Und immer so weiter. Und bei deinem größten Kritikpunkt, Michi, der Vortäuschung des Dokumentarischen, bin ich auch ganz bei dir. Aber es sind gerade auch all diese negativen Aspekte, die mich unterhalten. Genauso wie sie mich irritieren oder gar ärgern.

Doris Priesching: Ein gewisses Maß an Ärgernis und Irritation finde ich ja höchst wünschenswert, sonst gäb's keine Reibflächen.

Michaela Kampl: Spannend finde ich, dass Netflix hier eine Serie produziert, die sich traut, mehr als die Hälfte der Zeit Spanisch zu sprechen. Dahinter steckt offenbar die Absicht, neue Zuseher zu gewinnen. Die Kolumbianer finden "Narcos" angeblich nicht so richtig super, schreibt zumindest der "Guardian". Zum einen weil das Thema schon zu lange über ihre Bildschirme flimmert und die Kolumbianer die Geschichte ihres Landes falsch oder unvollständig erzählt finden, aber auch weil der Pablo-Darsteller Wagner Moura eigentlich Brasilianer ist und den speziellen Pablo-Dialekt nicht hinkriegt. Auf Englisch umgelegt sei das so, als wenn Sherlock Holmes einen US-Südstaaten-Slang hätte.

Doris Priesching: Oder Wienerisch in "Soko Kitz" – Moment, das tun sie ja ...

Daniela Rom: Wenn es Netflix um Authentizität gegangen ist, dann ist das ja ordentlich in die Hose gegangen, wenn es nur so halb-echt kolumbianisch ist. Ich unterstelle den Machern von "Narcos" da einfach ein bisschen Faulheit: "Die Geschichte ist einfach erzählt, so wie sie der Herr Agent aufgeschrieben hat. Wir haben eine super Idee, und lassen die Spanisch reden, aber ob das wirklich das richtige Spanisch ist, ist uns dann auch wurscht."

Michaela Kampl: Hab kürzlich "Sicario" im Kino gesehen. Da geht's um Mexiko, die Grenze, die Kartelle, die CIA jetzt. Und dort ist drin, was ich mir von "Narcos" am meisten wünsche: Zwischentöne. Eine Empfehlung. (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 9.10.2015)

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