Faymann auf Lesbos

Kolumne6. Oktober 2015, 17:55
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Schlechtes Wetter. Das ist die heimliche Hoffnung aller Politiker

Lesbos ist eine Insel in der nördlichen Ägäis, die durch die antike griechische Dichterin Sappho zu Ruhm gelangte. Diese hat sich, nach der Sage, aus unerwiderter Liebe zum Jüngling Phaon ins Meer gestürzt. Phaon war Fährmann zwischen Lesbos und der kleinasiatischen (heute: türkischen) Küste.

Heute sind die Fährmänner die türkische Schleppermafia. Über Lesbos erreichen die meisten syrischen, irakischen, afghanischen Flüchtlinge das ersehnte EU-Gebiet. Von den küstennahen griechischen Inseln – Lesbos, Samos, Leros, Kos, allesamt beliebte Urlaubsdestinationen – nimmt der große Treck über den Balkan über Österreich nach Deutschland und Skandinavien seinen Ausgang. Bisher 400.000 Menschen.

Bundeskanzler Werner Faymann flog am Dienstag ein paar Stunden auf die Insel, um sich gemeinsam mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras ein Bild zu machen und zu beraten, wie man dort (und auf anderen Inseln) sogenannte Hotspots einrichten kann, um die Flüchtlinge zu sortieren.

Lesbos ist selbst ein Hotspot unter den Inseln. "Wir haben bisher pro Tag 4000 bis 5000 Flüchtlinge, die aus der Türkei in Schlauchbooten kommen", sagt Ron Redmond, Vertreter der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR zum STANDARD. "Letzte Woche hatten wir schlechtes Wetter, da kamen nur 1200 bis 1500".

Schlechtes Wetter. Das ist die heimliche Hoffnung aller Politiker in Österreich, Deutschland und dem restlichen Europa, wenn es um die Frage "Wie viele kommen noch?" geht. Denn die ganz große Mehrzahl der Flüchtlinge aus der Türkei kommt über die griechischen Inseln, vor allem Lesbos. Die Landgrenze der (europäischen) Türkei zu Griechenland und Bulgarien ist relativ dicht verrammelt. Hier wirken Zäune.

"Ende Oktober wird die Zahl der Flüchtlinge signifikant sinken", sagt Ron Redmond. Dann ist durch die Herbststürme die Gefahr zu groß. Es werden trotzdem einige wenige die Gefahr ignorieren. Schon jetzt genügt guter Segelwind (vier Beaufort), um die niedrigen, überfüllten Schlauchboote vollschlagen zu lassen. Dazu kommt die besondere Taktik: Ein Flüchtling (kein Schlepper geht auf ein Boot) kriegt ein Handy und ein Messer. Sieht er die Inselküste, muss er einen Notruf absetzen und eine Kammer des Schlauchboots aufstechen. Dann sind sie Schiffbrüchige und müssen gerettet werden – wenn man sie rechtzeitig findet.

Mit den Herbst-und Winterstürmen wird der Flüchtlingsstrom fast versiegen. Bis zum Frühjahr sollen "Hotspots" auf den Inseln eingerichtet werden, also Registrierungsstellen. Die gibt es schon jetzt, sie sind aber völlig überfordert. Die Bootsflüchtlinge bleiben nur ein paar Tage auf den Inseln, werden dann per Fähre aufs Festland gebracht und machen sich schleunigst auf den Weg nach Norden. Jetzt soll schon auf den Inseln entschieden werden, wer Chance auf Asyl hat und wer in die Türkei zurückmuss. Österreich wird dafür mit 100 Beamten aushelfen.

Überdies soll mit viel EU-Geld versucht werden, Flüchtlinge in der Türkei zu halten. Beides soll den Flüchtlingsandrang bremsen, kanalisieren, organisieren. Das ist der Plan. (Hans Rauscher, 6.10.2015)

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