Türkisch-russische Freundschaft wackelt

6. Oktober 2015, 17:04
321 Postings

Russlands Eintritt in den Syrien-Krieg zieht harsche Reaktionen der Türkei nach sich. "Sie werden uns verlieren", drohte Präsident Erdogan den Russen

Ankara/Wien – Igor Karlow ist ein gefragter Mann in Ankara. Zweimal schon innerhalb von zwei Tagen ist Russlands Botschafter ins türkische Außenamt einbestellt worden. Jedes Mal wartete ein Staatssekretär auf ihn, der den Protest der Türkei gegen russische Kampfjets deponierte.

Die Erklärungen aus Moskau für die Luftzwischenfälle an der türkisch-syrischen Grenze am vergangenen Samstag und Sonntag klingen müde: Navigationsfehler, schlechtes Wetter, "wir untersuchen den Vorfall". Die türkische Führung aber nimmt die russischen Militäroperationen in Syrien außerordentlich ernst. Sie scheint in den russischen Luftraumverletzungen eine gezielte Machtdemonstration zu sehen, die Ankara beim Syrien-Krieg in die Schranken weisen sollen.

Angriff auf die Nato

Entsprechend harsch reagierte Staatspräsident Tayyip Erdogan. "Ein Angriff auf die Türkei bedeutet einen Angriff auf die Nato", drohte er. "Wenn Russland einen Freund wie die Türkei verliert, mit dem es in vielen Angelegenheiten zusammengearbeitet hat, dann verliert es viel, und das sollte es wissen", warnte Erdogan am Dienstag, am letzten Tag seines Brüsselbesuchs, bei einem gemeinsamen Presseauftritt mit dem belgischen Regierungschef. Mit Blick auf die große Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasimporten war die Türkei bisher vorsichtig mit der Kritik an Russland.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Ankara und Moskau wegen des Syrien-Kriegs aneinandergeraten. Vor drei Jahren genau, im Oktober 2012, zwang die türkische Armee eine russische Passagiermaschine zur Landung in Ankara. Die türkische Regierung hatte Geheimdienstinformationen erhalten, dass die Maschine auf ihrem Flug nach Damaskus Waffen und Munition für die syrische Armee an Bord hatte. Mittlerweile transportiert die russische Marine schweres Gerät durch den Bosporus nach Syrien – Amphibienfahrzeuge zum Beispiel laut militärischen Beobachtern.

Militärische Interessen

Syrien ist eine Prinzipienfrage: Die konservativ-sunnitische Führung in der Türkei hat den Sturz von Bashar al-Assad, einst Erdogans enger Partner, zum Hauptziel erhoben. Für die Russen ist es, ganz im Gegenteil, das Überleben des syrischen Regimes. Beide Seiten proklamieren die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien als wichtigsten Gegner. Doch beide Länder haben noch andere militärische Ziele: Die Türkei will einen kurdischen Staat in Syrien verhindern, Russland den Erfolg auch der anderen, vom Westen unterstützten Rebellen gegen Assad.

Für Ankara machen die russische Aufrüstung in Syrien, der Beginn der Bombardements und möglicherweise der Einsatz irregulärer russischer Soldaten am Boden die Lage nur verfahrener. Erdogan und sein Premier Davutoglu wollen ihre Syrien-Politik in den Augen ihrer islamistischen Unterstützer als konsequent und beständig erscheinen lassen, schrieb Semih Idiz, einer der wichtigsten außenpolitischen Kommentatoren, dieser Tage. "Doch die einzige Beständigkeit, die aus Ankara bisher kommt, ist das Scheitern."

Russlands Eintritt in den Syrien-Krieg macht die Lieblingsidee der türkischen Führung praktisch unmöglich, heißt es in einem Papier des Istanbuler Thinktank Edam: eine Pufferzone auf syrischem Gebiet an der Grenze zur Türkei, die von Rebellen gehalten würde und wo ein Flugverbot für Militärmaschinen des Assad-Regimes gälte. Sichere neue Städte für Hunderttausende von Flüchtlingen könnten dort entstehen.

IS-Stellungen bombardiert

Russische Bomber setzten in der Nacht auf Dienstag von ihrer Basis in der Hafenstadt Latakia aus die Angriffe fort. Dieses Mal sollen sie tatsächlich Stellungen des IS bei Palmyra getroffen haben, aber auch andere Rebellen nördlich von Hama. (Markus Bernath, 7.10.2015)

  • Syrische Flüchtlinge in Istanbul demonstrierten gegen den "Mörder Putin". Der Protest vor dem russischen Konsulat wurde vom regierungsnahen Menschenrechtsverein Özgür-Der organisiert.
    ap

    Syrische Flüchtlinge in Istanbul demonstrierten gegen den "Mörder Putin". Der Protest vor dem russischen Konsulat wurde vom regierungsnahen Menschenrechtsverein Özgür-Der organisiert.

Share if you care.