"Wie es halt so ist, unter Menschen"

Interview8. Oktober 2015, 15:14
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In der WG im vierten Wiener Bezirk wohnen drei Frauen und drei Männer zwischen 74 und 98 – Am meisten schätzen sie die Ruhe in ihren Zimmern

Ein Montagmorgen in einer Senioren-WG nahe dem Wiener Hauptbahnhof. Nach und nach versammeln sich fünf der sechs Bewohner an dem großen gemeinsamen Tisch, um über ihr Leben hier zu erzählen. Manch einer ist gesprächig, andere eher wortkarg. Eine Dame zieht es vor, auf ihrem Zimmer zu bleiben.

STANDARD: Was gefällt Ihnen an Ihrer Wohngemeinschaft am besten?

Wir sind hier sehr gut betreut, jeder hat sein Zimmer, wir haben also unsere Ruhe. Ferner können wir ratschen und plaudern, wenn uns danach ist. Das ist doch wunderbar. Und wir sind mitten in der Stadt. Manche von uns haben eine Jahreskarte und gondeln damit durch die Gegend.

STANDARD: Wird es beim Ratschen manchmal zu laut?

Eigentlich nicht. Und wenn doch, geht man halt in sein Zimmer und macht die Tür hinter sich zu, wenn's einen stört. Das ist überhaupt der größte Vorteil.

STANDARD: Gibt es auch richtigen Streit?

Aber nein, dafür sind wir in unserem Alter zu gelassen. Wir genießen einen schönen Blick ins Grüne, können den Vogerln zuschauen. Wozu streiten? Außerdem gewöhnt man sich aneinander.

STANDARD: Aber nicht jeder hat jeden gleich lieb.

Wie es halt so ist, unter Menschen.

STANDARD: Gibt's ein schwarzes Schaf?

Nein, und wenn, dann würden wir das doch nicht der Zeitung verraten. Das wäre wirklich unkollegial.

STANDARD: Und wenn jemand den Fernseher zu laut aufgedreht hat, was geschieht dann?

Dann sagt man es dem- oder derjenigen. Wir nehmen aufeinander Rücksicht. Der Herr Tomschy zum Beispiel, wenn der seine Zeitung ausgelesen hat, bringt er sie ins nächste Zimmer, und von dort wandert sie weiter und weiter. Bis sie alle gelesen haben. Das ist doch lieb, oder?

STANDARD: Was ist denn in den Zimmern das Wichtigste?

Der einen ist die Puppensammlung, dem anderen ist der Kühlschrank von besonderer Bedeutung. Der Fernseher ist auch wichtig, aber am meisten schätzen wir wie gesagt die Ruhe. Die ist wichtiger als jedes Möbel. Außer dem Bett vielleicht. Das braucht's. Wir sind hier übrigens sehr unterschiedlich eingerichtet. Einer von uns, der hat kein einziges Bild an der Wand hängen. Die Frau Hahn mag Kühlschrankmagneten, und am vollsten ist es bei Frau Hochhauser. Die ist aber auch schon zehn Jahre hier.

STANDARD: Wer bestimmt das Fernsehprogramm im Gemeinschaftsbereich?

Dort schauen wir so gut wie nie fern. Die Kiste flimmert, dass man Kopfweh bekommt. Die meisten von uns haben einen Fernseher im Zimmer.

STANDARD: Und was schauen Sie sich gerne an?

Nachrichten natürlich, und Lustiges, und Musiksendungen. Einer von uns hat die Schubladen voller DVDs, im Moment hat er eine Folge vom "Salzbaron" eingelegt.

STANDARD: Was sind denn die Vorteile einer solchen WG gegenüber einem Altersheim?

Altersheim? Wir sind großteils fit, gehen zum Teil schwimmen und laufen. Und wenn jemand etwas besser kann als der andere, dann spornt das an. Eine kleinere Gruppe, wie wir es sind, ist in jedem Fall von Vorteil.

STANDARD: Glauben Sie, dass es in Zukunft mehr Seniorenwohngemeinschaften geben wird?

Bestimmt. Es handelt sich um eine richtige Wohnung in einer Wohnhausanlage. Man kann aufstehen, wann man will, essen, wann man will, seinen Tagesablauf individuell gestalten. Es ist kein Heim. Alle leben sehr privat. Man kann natürlich auch kommen und gehen, wie es einem passt. Wir können auch Purzelbäume schlagen, wenn uns danach sein sollte.

STANDARD: Ohne unsensibel sein zu wollen, aber was ist denn das für ein Gefühl, wenn man weiß, dass dies wahrscheinlich Ihre letzte Wohnung sein wird?

Das ist eine realistische Frage. Wir fühlen uns hier zu Hause und sind einfach nur froh, wenn wir keine Pflegefälle werden und hier wegmüssten. (Michael Hausenblas, RONDO, 8.10.2015)

  • Fünf der sechs Bewohner einer Seniorenwohngemeinschaft des Wiener Hilfswerks: Die Dame links im Rollstuhl ist Frau Brigitta Hahn (89), sie arbeitete früher als Verkäuferin. Hinter ihr steht  Eduard Tomschy (74), er war als Buchhalter tätig, in der Mitte steht Otto Baimer (82), ein ehemaliger Expedient, neben ihm ist Friedrich Täubler (75) zu sehen, er war technischer Zeichner, und vorne rechts sitzt Maria Hochhauser (97), deren Beruf Haushälterin war. Die sechste Bewohnerin zog es vor, nicht abgebildet zu werden.
    foto: nathan murrell

    Fünf der sechs Bewohner einer Seniorenwohngemeinschaft des Wiener Hilfswerks: Die Dame links im Rollstuhl ist Frau Brigitta Hahn (89), sie arbeitete früher als Verkäuferin. Hinter ihr steht Eduard Tomschy (74), er war als Buchhalter tätig, in der Mitte steht Otto Baimer (82), ein ehemaliger Expedient, neben ihm ist Friedrich Täubler (75) zu sehen, er war technischer Zeichner, und vorne rechts sitzt Maria Hochhauser (97), deren Beruf Haushälterin war. Die sechste Bewohnerin zog es vor, nicht abgebildet zu werden.

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