Auf gleicher Augenhöhe besser sehen

Rezension7. Oktober 2015, 05:30
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Katrin Rönicke hat eine "Anleitung zur Emanzipation" geschrieben. Undogmatisch und anhand eigener Erfahrungen wälzt sie die feministischen Dauerbrenner unserer Zeit

Vor allem in den 1990ern gab es viel schwere Kost zum Thema Feminismus. Inzwischen dürfte es nicht weiter schwierig sein, ein verständliches Buch über die aktuellen Diskussionen zu finden (zum Beispiel "Stand Up. Feminismus für Anfänger" oder "Weil ein #Aufschrei nicht reicht"). Das kürzlich erschienene Buch "Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation" ist auch so eines. In knallgelber poppiger Aufmachung fächert die Autorin Katrin Rönicke diverse feministische Themenfelder auf.

Goldgrube Geschlechterstereotype

Doch zuvor erzählt sie eine sehr persönliche Geschichte, in der sich vermutlich viele Frauen wiedererkennen. Irgendwann, so ab zwölf, beginnt der Hass auf ihren Körper. Plötzlich scheint im Gesicht und an der Figur nichts mehr zu stimmen, die Magersucht ist auf Schiene. Anerkennung von Freundinnen gibt es für erfolgreiche Diäten und ordentlich gezupfte Augenbrauen. Doch irgendwann, so um die vierzehn herum, fängt sie sich wieder, erzählt Rönicke. Grund dafür war ein Aha-Erlebnis durch ihre Großcousine, die noch in der ehemaligen DDR wohnte, wo die Autorin als Kind auch lebte. Diverse Mädchenzeitschriften und Shopping von X-Small-Kleidung gingen an der Großcousine vorbei – und sie fühlte sich offenbar ziemlich wohl damit.

Was etwas nach DDR-Nostalgie klingt, trifft letztendlich einen wesentlichen Punkt: Mit Geschlechterstereotypen lässt sich sehr viel Geld verdienen. Für das Ideal des Frau- oder Mannseins braucht es zahlreiche Dinge oder Dienstleistungen, und die verkaufen sich gleich doppelt. Die Industrie hat in geschlechterspezifischen Idealen eine Goldgrube entdeckt. Und praktischerweise stehen diese fixe Ideen von Frauen und Männer auf einem uralten Fundament aus Vorurteilen, womit Rönicke auch direkt bei der Biologie landet.

Anmachen auf Augenhöhe

Ob "von Natur aus so angelegt" oder nicht, darüber streiten sich GenetikerInnen, NeurologInnen oder HormonspezialistInnen. Einigkeit gibt es nicht, ein Grund dafür, Mädchen und Burschen zu diskriminieren, die nicht ins Bild passen, ist das trotzdem noch lange keiner, schreibt Rönicke.

Eine persönliche Note zieht sich im Buch durch. Etwa im Kapitel "Flirten nach #Aufschrei" erzählt sie aus dem Nähkästchen und zeigt, wie die immer wieder als Einschränkung problematisierte Political Correctness im Alltag in Wirklichkeit kein Problem ist. So erkennen die meisten sehr genau, was flirten und was waschechte Belästigung ist. Und wie es sich anfühlt, wenn man sich gegenseitig auf Augenhöhe anmacht.

Kinder haben, sie nicht haben (dürfen), was heißt Arbeit heute, was Netzfeminismus oder sexuelle Gewalt und noch mehr – Rönicke versammelt aktuelle Themen, deren Diskussionsverlauf künftige kritische Köpfe interessieren könnte. Die, die schon einen haben, dürften das meiste bereits kennen. Aber nachdem es keinen sehr weitverbreiteten Bildungsanspruch auf ein umfangreiches Wissen über emanzipatorische Bewegungen und systematische Diskriminierung gibt, ist ein Buch wie "Bitte freimachen" doch noch bitter nötig. Dabei müssen die LeserInnen auch nicht alle Einschätzungen Rönickes teilen und werden trotzdem viele Erkenntnisse daraus ziehen können. Denn Publikationen wie diese zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie die Themen in ihrer Komplexität ernst nehmen und daher nicht versuchen, ihren LeserInnen eine vermeintlich richtige Antwort überzustülpen. (Beate Hausbichler, 7.10.2015)

  • Katrin Rönicke: Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation. Metrolit Verlag, 224 Seiten, 22 Euro, Berlin 2015.
    foto: metrol verlag

    Katrin Rönicke: Bitte freimachen. Eine Anleitung zur Emanzipation. Metrolit Verlag, 224 Seiten, 22 Euro, Berlin 2015.

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