Ungarns erster Präsident nach der Wende ist tot

6. Oktober 2015, 14:38
8 Postings

Ex-Präsident Árpád Göncz wurde 93 Jahre alt – Während des KP-Regimes wurde er eingesperrt

Budapest – Im Amt war er volksnah und populär, ohne jemals ein Populist zu sein. Seine Unmittelbarkeit und seine lachenden Augen sprachen den Arbeiter am Fließband ebenso an wie die Kollegen aus der Literatenzunft oder die hohen Beamten der ungarischen Präsidialverwaltung. Am Montag starb Árpád Göncz, Schriftsteller, Dissident und Ungarns erster Staatspräsident nach der demokratischen Wende, im Alter von 93 Jahren.

Nach der anderen Wende, dem Kriegsende 1945, schloss sich Göncz als junger Mann der agrarischen Kleinlandwirte-Partei an. Die kommunistische Machtübernahme führte wenig später zur Zerschlagung und Kriminalisierung der damals beliebtesten politischen Partei Ungarns. In der antistalinistischen Revolution von 1956 erschien Göncz an der Seite von István Bibó, einem linksbürgerlichen politischen Philosophen, der in der kurzlebigen Revolutionsregierung des Reformkommunisten Imre Nagy Staatssekretär wurde.

Lebenslange Gefängnisstrafe

Nach der Niederschlagung der Revolution durch sowjetische Truppen brachte Göncz seine Nähe zu Bibó eine lebenslange Gefängnisstrafe ein, die für ihn 1963 nach einer allgemeinen Amnestie endete. 1988 war er Mitgründer des von Dissidenten wie ihm gebildeten Bundes Freier Demokraten (SZDSZ), der bei den ersten freien Wahlen 1990 zweitstärkste Partei wurde. Auf Betreiben des Wahlsiegers, des bürgerlichen Premiers József Antall, wählte ihn das Parlament zum ersten Präsidenten des freien Ungarn. 1995 wurde er für eine zweite Amtsperiode wiedergewählt.

In seiner Position blieb Göncz ganz der "Citoyen", den der Dienst an der Gemeinschaft motivierte. Als "Árpi bacsi" (Onkel Árpi) war er den meisten der väterliche Mitbürger, der Präsident zum Angreifen. Der einzige und letzte seiner Art. Einen Vorboten der neuen Zeit erlebte Göncz am 23. Oktober 1992, dem Jahrestag der 1956er-Revolution. Ein Mob von Neonazis – offenbar gesteuert vom "bürgerlichen" Innenministerium – störte seine Ansprache vor dem Parlament. Göncz brach seine Rede ab. Es war ein Dammbruch für Ungarn. Vielleicht nur der erste, aber einer von vielen. (Gregor Mayer, 7.10.2015)

  • Ungarns "Bürgerpräsident" Árpád Göncz.
    foto: apa/epa/cseke

    Ungarns "Bürgerpräsident" Árpád Göncz.


Share if you care.