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9. Oktober 2015, 22:03

Draußen hängen zwei Tafeln neben der Eingangstür, auf einer sind mit Kreide einige, längst nicht alle Getränke aufgelistet, die es drinnen gibt, auf der anderen sind sich fast alle "Speisen" ausgegangen. Von oben nach unten: Pizza, Toast, Frankfurter, Schokolade, Manner Schnitten. Die Kellnerin weist darauf hin, dass seit kurzem auch unterschiedlich belegte Baguettes serviert werden. So oder so läuft das Essen hier eher nebenher. Wer ins Cafe "The Gentle" in Wien-Brigittenau kommt, der kommt, um Darts zu spielen. Oder um den Dartspielern, um Mensur Suljovic zuzusehen.

Spitzname "The Gentle", also der Sanfte: "So bin ich. Ich komm mit allen gut aus."

Mensur Suljovic hat das Lokal im Februar 2013 übernommen und ihm seinen Namen gegeben, seinen Spitznamen. The Gentle, der Sanfte, der Sanftmütige, der Freundliche. "So bin ich", sagt er. "Ich komm mit allen gut aus." Probleme, die andere mit ihm haben, sind rein sportlicher Natur, allerdings wird die Liste jener, denen Suljovic zusetzt, länger und länger.

foto: standard/heribert corn
The Gentle vor The Gentle: Mensur Suljovic in der Brigittenau.

Der 43-Jährige hat sich an der Spitze etabliert. Beim "World Matchplay" im Juli in Blackpool landete er im Achtelfinale einen sensationellen Sieg gegen Weltmeister Gary Anderson aus Schottland. Die Verdienstrangliste der Professional Darts Corporation (PDC) führt Suljovic derzeit auf Rang 28, knapp mehr als 100.000 britische Pfund hat er binnen zwei Jahren verdient.

Er hat sich als bester deutschsprachiger Spieler einen Namen gemacht und viele Fans gewonnen. "The Gentle" ist ein Begriff, viele wissen auch, dass er den üblicherweise 15 bis 30 Gramm schweren und 10 bis 15 Zentimeter langen Pfeil so hält wie kaum ein anderer. Suljovic klemmt die Spitze zwischen Mittel- und Ringfinger ein, lässt quasi den Zeigefinger außen vor.

Nur beim "Walk-on-Song" hapert es noch, seine Musik beim Turnier-Einmarsch hat keinen echten Wiedererkennungswert. Eigentlich steht Suljovic auf "The Best" von Tina Turner, doch den Song hat sich auch der niederländische Star Raymond van Barneveld ausgesucht. Wenn nun Van Barneveld beim selben Turnier antrifft, muss ihm Suljovic quasi den Vortritt lassen. Dann spielen sie, wenn der Österreicher auf die Bühne kommt, einfach "Live is Life". "Ist mir auch recht", sagt Suljovic.

Mensur Suljovic stand Anfang Oktober auf Rang 28 der Weltrangliste, der Österreicher hat in den vergangenen zwei Jahren über 120.000 Pfund eingespielt. 23.500 Pfund kamen erst diese Woche in Dublin dazu.

In der Rangliste wird der Österreicher bald weiter nach oben klettern, die Top 25 winken. Denn dieser Tage trumpfte Suljovic beim "World Grand Prix" in Dublin groß auf. Er eliminierte James Wade, Simon Whitlock und Vincent van der Voort, drei Top-16-Spieler, und stieß ins Semifinale vor. Erst dort war am Freitagabend gegen Robert Thornton, die Nummer 7 der Welt, Endstation. Lohn für Suljovic bei diesem Turnier sind 23.500 Pfund.

Acht Dartsscheiben, drei Trainingsräume, rund achtzig Mitglieder, etliche Pokale.

Im "The Gentle", wo sich acht Dartsscheiben auf drei Trainingsräume verteilen, fiebern Familie, Freunde und Fans vor dem Fernseher mit, wenn Suljovic im Ausland antritt. Sein Verein ist der größte in Österreich, "DC Darts-Control" hat mehr als achtzig Mitglieder, an einer Wand im mittleren der drei Räume bilden kleine Porträtfotos der Mitglieder eine Pyramide. Davor stehen etliche Pokale.

Vergangene Saison belegte die Darts-Control-Mannschaft, in der Mensur auch selbst mitspielt (D-C Vienna Steel), in der regulären Landesliga der Wiener Darts-Verbands (WDV) hinter "An Sporran 1" den zweiten Platz.

derstandard.at/kopacka
Zu Besuch bei "The Gentle". Mensur Suljovic über die Wahrnehmung seines Sports: "Alle glauben, sie können Dart spielen."

Gespielt wird in Cafés, in Wirtshäusern, in privaten Vereinslokalen. Suljovic legt Wert darauf, dass Darts nicht gleich Darts ist. "Was viele Hobbyspieler im Wirtshaus tun, ist nur ein Reinfetzen in die Scheibe. Einige trinken dazu ein Bier nach dem anderen, das schadet unserem Ruf. Wenn einer wissen will, was professionelles Darts ist, soll er sich einmal sechs Stunden Zeit nehmen und mit mir im Gentle trainieren."

Hobby? "Einige trinken ein Bier nach dem anderen, das schadet dem Ruf."

Dem Vorurteil, Darts sei ein Wirtshaussport, tritt nicht zuletzt die Initiative dartistkeinwirtshaussport.at entgegen, dort gibt es Liveticker, Berichte, Videos, Talks, Porträts. Den Einwand, dass jedenfalls bei großen Turnieren das Bier in Strömen fließe, wenn auch auf Publikumsseite, lässt Suljovic nicht gelten. "Für die Zuseher ist jedes Turnier eine große Party, ein Karneval. Aber das ist in anderen Sportarten auch so."

Für die Spieler ist es eine Herausforderung, die Stimmung hinter und neben der Bühne auszublenden, die Konzentration zu wahren. Suljovic hatte damit jahrelang Probleme. Der Wiener schlug sich in Qualifikationen herum, schaffte es selten in Hauptbewerbe, zahlte oft genug drauf. Flüge, Hotelkosten, Nenngelder, da kommt einiges zusammen.

Suljovic wollte schon den Hut draufwerfen, wieder mehr Zeit für die Familie haben. Mittlerweile sieht er sein Cafe als zweites Standbein, als Absicherung für die Zukunft. Und er will durchstarten, auch dank seiner Sponsoren, des deutschen Herstellers Bull’s (Slogan: "The dart side of life") und des Wiener Card-Casino-Sportsbar-Restaurants Montesino.

Die Scheibe: Die Felder sind mit Draht markiert. Prallt der Dart ab, zählt der Wurf nicht.

Steel Dart ist die Königsdisziplin, die edle Sparte, das vermittelt nicht zuletzt der satte, der dunkle Klang, wenn der Pfeil die Scheibe aus Kork, Sisal und Synthetikmaterial trifft. Beim etwas weniger edlen Electronic Dart (E-Dart) wird auf einen Automaten gespielt, der gibt manchmal Geräusche von sich und rechnet immer aus und vor, wieviel Punkte auf Null noch fehlen.

Die Null muss stehen, das ist das Ziel. Im Darts wird heruntergezählt, meistens von 501, daher auch die Bezeichnung des Spiels: 501, Double Out. Der letzte Wurf hat einem der Doubleringe zu gelten, die sich ganz außen auf der Scheibe befinden.

Die Doubleringe, die also die doppelte Punktezahl bringen, bieten zwar mehr Fläche als die Trebleringe (dreifache Punktezahl), die sich weiter innen befinden, sind aber ebenfalls schwer zu treffen, auch weil sie seltener anvisiert werden.

One-hundred-and-eighty!

Ziel mit einer Aufnahme, also mit drei Darts, ist meist die 180, dreimal die Triple-20, mehr geht nicht. Bei großen Turnieren pflegt in diesem Fall der Saalsprecher "One-hundred-and-eighty" in ein Mikrofon zu brüllen.

Wird bei 501 begonnen, so ist der Nine-Darter (auch Nine-Dart-Finish oder Nine-Dart-Out) das Nonplusultra, nach bloß neun Würfen hat der Spieler die Null erreicht, beispielsweise via 180 (3 Darts), 180 (3 Darts), Triple-20, Triple-19 und Doppel-12.

Das heißt nicht nur, dass man vor dem letzten Wurf auf einer geraden Zahl stehen muss. Das heißt auch, dass Dart sehr viel mit Kopfrechnen zu tun hat, Steel Dart jedenfalls. Schließlich müssen gute Spieler viel mehr als nur überreißen, dass sie, wenn sie am Ende auf 4 stehen, die Doppel-2 treffen müssen. Die Rechnerei beginnt früher.

Profis wissen, dass sie von 161, 164, 167 und 170 mit drei Pfeilen finishen können, von 159, 162, 163, 165, 166, 168 und 169 aber nicht. Profis gehen also bei einem Stand von 342 nicht auf den 180er los, der würde sie schließlich auf die 162 befördern, und die 162 verlangt zumindest vier Pfeile fürs Finishen.

Wer flott zur Null will, sollte diese Tabelle vorher in- und auswendig lernen, sie verinnerlichen.

Mensur Suljovic sagt: "Viele haben Probleme mit Mathematik, deshalb tun sie sich schwer beim Steel Dart. Da muss man von Anfang an mitrechnen, das Kopfrechnen ist wirklich sehr wichtig. Und wenn man unsicher wird, dann kostet das Konzentration und Substanz." Zu gut für Electronic Dart ist sich Suljovic aber nicht, er spielt es fast genauso gerne, nimmt da wie dort an Meisterschaften teil. Die ersten Jahre seiner Karriere hat er ausschließlich auf Automaten geworfen, Steel Dart wurde erst vor acht Jahren ein Thema.

"Viele haben Probleme mit Mathematik, sie tun sich schwer beim Steel Dart."

Die Karriere ging 1993 los, als der gebürtige Serbe aus seiner Heimatstadt Tutin nach Wien kam. Mensur reiste dem älteren Bruder nach. "Die Mutter wollte nicht, dass ich im Krieg zur Armee eingezogen werde." Der Bruder führte in der Brigittenau das Cafe Rimini, Mensur half ihm dabei, und als der Bruder einmal einen Dart-Doppelpartner brauchte, half ihm Mensur ebenfalls.

Wenig später hatte er auch sein eigenes Lokal, in der Dammstraße, auch im 20. Bezirk, einmal Brigittenauer, immer Brigittenauer. In der Dammstraße, im Cafe P.M., wird immer noch Dart gespielt – allerdings nur E-Dart – und dort ist auch die meisterliche E-Dart-Mannschaft "PM" daheim.

An der Wiener "Landesliga" nehmen in fünf Divisionen 53 Mannschaften teil. Im Wiener Darts Verband (WDV), Teil des Österreichischen Dartverbandes (ÖDV), das wiederum Mitglied der World Darts Federation (WDF) ist, gibt es aber auch einen eigenen Damenbewerb, die sogenannte Ladies Challenge, mit vier Mannschaften.

Weltweit sechs bis sieben Millionen Spieler

Insgesamt sind beim WDV ungefähr 500 Steel-Dart-Spieler gemeldet, Österreich-weit kommt man auf knapp doppelt so viele. Weltweit werden sechs bis sieben Millionen Spieler in organisierten Vereinen und Verbänden gezählt, besonders populär ist Darts auf den britischen Inseln und in Teilen Asiens.

Für die größten Bewerbe sind oft nur die besten 16 der Welt fix qualifiziert. Dort will Mensur Suljovic hin. "Heuer wird sich das nicht ausgehen. Aber nächstes Jahr vielleicht. Man muss konstant spielen, jedes Turnier seine Leistung bringen."

Die Darts-Saison 2015 reicht bis ins Jahr 2016 hinein, nach der EM (Ende Oktober, Belgien) beginnt Ende Dezember im Londoner Alexandra Palace die traditionelle WM, die erst Anfang Jänner endet.

fotos: corn/kopacka
Pokale schmücken "The Gentle", an der Tafel wird heftig mitgeschrieben. Supertalent Rusty (rechts) hat ein klares Ziel vor Augen: "Ich will Weltmeister werden".

In Wien ist Suljovic nicht ganz allein auf weiter Flur, vor allem die Rodriguez-Brüder drängen nach, sie spielen, wie auch Michael Rasztovits, ebenfalls für Darts-Control und trainieren oft im "The Gentle", nicht nur am offiziellen Trainings- und Schnuppertrainingsabend am Dienstag.

Die Rodriguez-Dynastie, wie sie in der Szene manchmal genannt wird, begann mit Sonny, dem nun seine Söhne nacheifern. Der älteste, Roxy-James, spielt in der 1. Mannschaft von Darts-Control und tritt seit Jahren auch international an.

Der zweite, Rowby-John, war bereits Jugend-Vizeweltmeister und ist immerhin Nummer 49 der PDC-Rangliste. Als größtes österreichisches Talent gilt aber der dritte Bruder, der erst 14-jährige Rusty-Jake Rodriguez, genannt Rusty.

Auch der Sohn wirft die Pfeile. "Er trainiert im Nichtraucherbereich."

Quasi dahinter macht sich schon Mensur Suljovic‘ achtjähriger Sohn Tarik bemerkbar. "Er trainiert, wie alle Jugendlichen, im Nichtraucherbereich", betont der Vater. Wenn Tarik am Ende eine Doppel-20 geworfen hat, muss er auf ein Stockerl oder eine Bierkiste steigen, um die Pfeile aus der Scheibe zu ziehen.

Rusty, das große Talent, steht vor einer der drei Scheiben im Schankbereich und wirft. Vom Scheibenmittelpunkt (Bull’s Eye) bis zum Boden sind es 1,73 Meter, vom Bull’s Eye bis zur Leiste am Boden, die nicht übertreten werden darf, sind es 2,93 Meter. Rusty wirft 180er, dass es eine Freude ist. Er ist ein sympathischer, aufgeweckter Bursche, derzeit besucht er ein Polytechnikum, damit er die neun Schuljahre beisammen hat.

Das Wurfgerät: Das erlaubte Höchstgewicht beträgt 50 Gramm, die Länge 30,5 cm.

Kürzlich hat er ein paar Tage freibekommen, um ein großes Nachwuchsturnier in England zu bestreiten. Auch bei den Jugendlichen ist da und dort schon Preisgeld ausgelobt. "Wenn ich etwas gewinne, geb ich das sicher nicht meinem Vater", sagt Rusty. "Das behalt ich mir."

Darts ist ihm wichtiger als alles andere. "Ich will Weltmeister werden", sagt er selbstbewusst. Dann rückt er seine Brille zurecht, geht zur Bar und bestellt bei der Kellnerin ein Baguette mit Schinken und Käse. Wenn es schon einmal ein Baguette gibt. (Fritz Neumann, 10.10.2015)