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8. Oktober 2015, 05:30

Zwischen drei angekratzten Waschbecken, einem Kasten, dessen Rückwand nur noch an einem Nagel hängt, und einem gelb-weißen Küchenschrank steht die Badewanne. Sie ist so groß, dass zwei Badende gemütlich darin liegen können. Die silberne Armatur erinnert an ein Telefon aus den Zwanzigerjahren, die Füße an Löwentatzen. Ein Mann kommt näher, beugt sich hinunter und klopft darauf. Der helle Ton hallt sekundenlang nach. "Wahrscheinlich aus Gusseisen", sagt Edward McNair. Der Unternehmer ist Anfang vierzig und renoviert gerade seine beiden Häuser und kommt deshalb oft in das Rebuilding Center im Norden Portlands. Er könnte eine Badewanne gut gebrauchen. "Wie viel soll sie kosten?"

Stadt der Fahrräder

Portland ist eine der grünsten Städte im Bundesstaat Oregon an der Westküste der Vereinigten Staaten. Das meint nicht nur die vielen Parks, Portland wird auch die Stadt der Fahrräder genannt. Der öffentliche Verkehr ist hier für amerikanische Verhältnisse gut ausgebaut. Bis 2050 will die Stadt ihre Kohlenstoffemissionen um 80 Prozent reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, empfiehlt die Stadtregierung ihren Bürgern, Möbel und Baumaterialien wiederzuverwenden.

Und im Rebuilding Center, das vor 15 Jahren gegründet wurde, gibt es vieles, was jene bringen, die ihr altes Zeug nicht wegwerfen wollen und das andere noch brauchen können. Es gibt alte Holzmöbel, Küchengeräte, Waschbecken, Toiletten, Fliesen, Türen, Fenster, Bauholz und Lampenschirme. Mitarbeiter des hauseigenen Deconstruction Service helfen dabei, Häuser so zu zerlegen, dass 85 Prozent des Baumaterials wiederverwendet werden können. Vor allem hier an der Westküste, wo es viele Wälder und deshalb auch viele Holzhäuser gibt, hilft das der Umwelt. 33 Bäume pro Haus würde man damit schützen, gibt das Rebuilding Center an. Auf einer Fläche von mehr als 3.000 Quadratmetern werden die Möbel und Baumaterialien um maximal die Hälfte des ursprünglichen Preises angeboten.

foto: standard/kogelnik
Das Rebuilding Center macht mit dem Verkauf der gebrauchten Materialien keinen Profit.

Tom Patzkowski ist Geschäftsleiter des Rebuilding Center. Er ist um die fünfzig, die grauen lockigen Haare trägt er zu einem Pferdeschwanz gebunden, am linken Ohr baumelt ein Ring. "Ich weiß den Preis noch nicht", antwortet er auf die Frage McNairs. Er verspricht, einen Mitarbeiter zu schicken, der den Preis der Badewanne herausfinden soll.

Wer die Markthalle betritt, sieht als Erstes dutzende Waschbecken, die in drei Meter hohe Metallregale geschlichtet sind. Sie sind weiß, hellrosa, gelb oder blau. Auf manchen sind noch Ränder von Zahnpastaflecken zu sehen, andere scheinen kaum benutzt worden zu sein. Hier ist auch der Lieblingsschlafplatz der schwarz-weiß gefleckten Hauskatze, die das Personal vor zwölf Jahren adoptiert hat.

standard/kogelnik
Die Katze des Hauses schläft am liebsten zwischen den Waschbecken.

Das Rebuilding Center macht mit seinen Verkäufen keinen Gewinn. Der Umsatz liegt bei zwei Millionen Euro im Jahr, das Geld fließt in die Gehälter der dreißig Mitarbeiter und in die Non-Profit-Organisation Our United Villages. Sie wurde gegründet, um Gemeinschaftsprojekte in der Nachbarschaft des Centers zu unterstützen. Schulen, Unternehmen und Kirchen bekommen kostenlos Beratung, Büroräume und Materialien des Rebuilding Center, auch ein Gemeinschaftsgarten wurde schon gratis beliefert. 2.000 Freiwillige beschäftigt das Unternehmen pro Jahr, die meisten von ihnen wurden von einem Gericht zum Sozialdienst verpflichtet. Privatleute und Unternehmen können Sachspenden an das Rebuilding Center von der Steuer absetzen.

Eine Wohnzimmereinrichtung um 450 Euro

John McNairs Badewanne steht seit einer halben Stunde im Lieferbereich vor dem Eingang, er ist nicht der Einzige, der das Stück will. Vier Männer stehen diskutierend davor, klopfen immer wieder darauf und spekulieren über den Preis. Sie helfen Thomas, einem Mitarbeiter des Centers, die Wanne hochzuhieven, der legt sich darunter und bestätigt: "Ist aus Gusseisen." Er legt den Preis auf 1.100 Dollar fest, rund 980 Euro. McNair hat mit weniger gerechnet. "Das muss ich erst mit meiner Frau besprechen", sagt er und geht, auch seine Konkurrenten nehmen die Badewanne nicht. Geschäftsführer Patzkowski ist sich trotzdem sicher, dass er das Stück bald verkaufen wird.

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Baumeister Mike McMajom.

Gespendet hat die Badewanne ein Baumeister, der ein Haus an einem künstlich angelegten See außerhalb der Stadt renoviert. "So etwas kriegen wir nur alle fünf Jahre rein", sagt Patzkowski. "Solche Dinge erlauben es uns, auch Produkte anzunehmen, deren Wert sich eigentlich nicht rechnet." Einzelstücke kosten hier normalerweise nicht mehr als 450 Euro, darum bekommt man im Center auch schon ganze Wohnzimmereinrichtungen. Ein Stück Holz können Kunden oft gratis mitnehmen.

Mike McMajom steht am anderen Ende der Kette. Er sorgt dafür, dass das Material transportierbar wird und in das Lager kommt. Der Baumeister ist Ende dreißig und trägt weiße Plugs in beiden Ohrlöchern, die Unterarme sind tätowiert. Er zerlegt zusammen mit vier Kollegen ein Haus im Südosten Portlands in seine Einzelteile. Das Rebuilding Center war die erste Firma, die einen Deconstruction Service in Portland angeboten hat. Mittlerweile gibt es mehrere dieser Unternehmen in der Stadt. Um die ressourcenschonende Methode zu unterstützen, fördert die Gemeinde den Abbau von Häusern mit bis zu 2.200 Euro pro Projekt.

Das hellgraue Haus im Südosten der Stadt ist völlig verfallen, die Veranda lässt sich noch erahnen, und auch ein Teil des Zauns steht noch. Die Rückwand aber fehlt komplett, auch Dach hat das Haus keines mehr. Die Helme der Bauarbeiter im ersten Stock sind von der Straße aus zu sehen. Wie fast überall in der Stadt werden auch hier neue Wohnungen gebaut. Das Nachbarhaus wurde bereits abgerissen, ein Wohnblock mit mehreren Einheiten für Familien ist stattdessen entstanden. Portland wächst: 2010 lebten 580.000 Menschen hier, 2020 werden es 650.000 sein, schätzen Demografen.

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Der Abbau des Hauses kostet den Besitzer 12.500 Euro.

Um die Außenwand im ersten Stock des Hauses abzureißen, braucht McMajom nur ein Werkzeug. Die Säbelsäge kreischt auf und schneidet durch die Holzwand, als wäre sie Butter. Der Bauleiter sägt die Wand an beiden Seiten bis zum Boden an, dann zieht er ein langes rotes Seil durch ein Fenster und durch ein anderes zurück. Das Seil schlingt sich nun um die Wand zwischen den beiden Fenstern, McMajom knotet das Seil fest und geht damit einige Schritte zurück. Für ein paar Sekunden ist kein Laut zu hören, während er fest am Seil zieht. Dann knackst das Holz, die Wand fällt erst langsam und dann immer schneller mit einem lauten Knall zu Boden. Staub wirbelt auf. Die Arbeiter beginnen die Wand zu zerlegen und das gute Holz von jenem zu trennen, das nicht mehr verwendet werden kann.

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Das Bauholz wird nach dem Abbau ins Rebuilding Center geliefert.

12.500 Euro kostet der Abbau den Besitzer, das Rebuilding Center wird durch den Verkauf der gebrauchten Rohre, Türen, Fenster, Möbel und des Bauholzes zusätzlich rund 900 Euro einnehmen. Die Arbeiter fahren die Materialien in einem Pick-up-Truck ins Center.

Dort hat die Badewanne mittlerweile eine weitere Verehrerin gefunden. Abbey Huston hat die Wanne gleich gesehen und sofort an ihre Mutter gedacht und daran, wie sehr sie ihr gefallen würde. Die Kunststudentin kommt schon seit ihrer Kindheit ins Rebuilding Center und erinnert sich noch genau daran, wie sie in den kleinen Kisten nach schönen Türknäufen grub. "Das war meine Schatzsuche", sagt sie.

Abbey Huston ruft ihre Mutter an. Die ist Gartengestalterin, plant derzeit ihr eigenes Haus und will dafür nur gebrauchte Materialien verwenden. "Ich habe schon ewig nach so einer Badewanne gesucht", erzählt Susan Huston ihrer Tochter. Die beiden schlagen zu, auch wenn der Preis mit 1.300 Euro etwas hoch für sie ist. Patzkowski hat ihn seit gestern um 350 Euro erhöht, weil ein Händler in der Stadt die gleiche Badewanne neu für 4.000 Euro verkauft.

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Abbey Huston und ihr Bruder beim Badewannentest.

Am nächsten Tag fahren Susan Huston und ihr Sohn die 80 Kilometer von Salem, der Hauptstadt Oregons, zu ihrer Tochter nach Portland. Stephen Reichard, Leiter des Rebuilding Center, empfängt die Familie am Eingang, um ihnen für den Kauf zu danken. In seinem Badezimmer wäre eigentlich auch Platz für das Stück gewesen, sagt er. "Ich hatte also ein Auge darauf geworfen." Susan Huston kichert. "Du bist zu spät dran, Steve. Meine Kundschafter waren schneller." Sie gehen in die Halle, und Huston sieht die Badewanne zum ersten Mal.

"Abbey, sie ist wunderschön", kreischt sie. Die Badewanne ist das erste Stück, das sie für ihr neues Badezimmer kauft. Sie ist der Ausgangspunkt für die Gestaltung des Raumes. Vier Mitarbeiter des Rebuilding Center stemmen die Badewanne auf die Ladefläche des roten Trucks der Familie. Dort steht sie nun, auf ihren wie Löwentatzen geformten Beinen, bereit für die Abfahrt. (Lisa Kogelnik, 8.10.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Portland erfolgte teilweise auf Einladung der US-Botschaft und des Presseklubs Concordia. Der Text entstand im Rahmen der Summer School zu Narrative Storytelling des "fjum" (Forum Journalismus und Medien Wien).

Links:

ReBuilding Center Portland