Die Zuwanderer und der Euro-Islam

Kommentar der anderen5. Oktober 2015, 17:07
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Hunderttausende Muslime kommen nach Europa und wollen hier ein neues Leben beginnen. Salafisten und Muslimbrüder geben sich alle Mühe, diese Menschen mit ihren Parolen zu verführen. Der Islam europäischer Prägung könnte dadurch schwer in Bedrängnis geraten

In der medialen Behandlung der Flüchtlingskrise – mit ihrer Fokussierung auf die Frage, wie der Flüchtlingsstrom wirtschaftlich und sozial zu bewältigen sei – findet ein Aspekt relativ wenig Beachtung, der eine weit größere Herausforderung darstellt als die Beschaffung von Unterkünften: Wie kann es gelingen, diese Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren?

Der Umstand, dass es sich beim überwiegenden Teil der Flüchtlinge um Muslime handelt, lässt dramatische Auswirkungen auf das gegenwärtige islamische Leben in Europa samt den Anstrengungen zu dessen Einbindung in die Aufnahmegesellschaften erwarten. Sollten die kolportierten Zahlen – die Rede ist von über 500.000 Menschen, die im deutschsprachigen Raum unterzubringen sind – stimmen, könnte es nicht nur zu einer Überstrapazierung der bestehenden muslimischen Organisationsstrukturen, sondern auch zu einer ernsthaften Infragestellung der Bemühungen um die Gestaltung einer islamischen Theologie mit europäischer Prägung kommen.

Wir wissen, dass die vom Ausland gesteuerten muslimischen Organisationen höchst empfänglich sind für die Einflüsterungen ihrer Schirmherren und sich von ihnen bereitwillig formen lassen. Das hängt damit zusammen, dass die islamische Theologie noch über keine europäischen Strukturen verfügt. Welche Folgen dies zeitigen kann bzw. wie die Flüchtlingsströme aus arabischen Staaten die Organisationsstrukturen und die Theologie der Muslime künftig prägen könnten, darüber gibt die Situation, die sich gegenwärtig in der Türkei entwickelt, Aufschluss. Der wahrgenommenen theologischen und sprachlichen Überlegenheit des arabischen Islam begegnet der türkisch geprägte Islam mit größter Ehrfurcht und tiefem Respekt, entsprechend aufgeschlossen ist man gegenüber dessen Einflussnahme.

Dieses Phänomen, das vor allem in den neuen theologischen Zentren der Türkei sichtbar wird, lässt einige Islamforscher bereits von einer Salafisierung der theologischen Fakultäten sprechen. Dass die islamischen Strukturen in Europa von dieser Strömung unberührt bleiben, ist mangels Bekenntnisses zu einer europäisch geprägten islamischen Theologie nicht anzunehmen.

Was die politischen Folgen dieses Rückschritts in der Theologie betrifft, könnte es zu einer zunehmenden Radikalisierung der muslimischen Gemeinschaften Europas kommen. Schon hat die Muslimbruderschaft, die stärkste politische Kraft im arabischen Raum, die Flüchtlingsströme als eine Gelegenheit erkannt, nach ihrer Niederlage in Ägypten und Syrien mit dem Westen abzurechnen. Es ist eine klar erkennbare, einheitliche Strategie, deren sich die Muslimbruderschaft in der Verfolgung ihres politisch-religiösen Herrschaftsanspruchs auf internationaler Ebene bedient: Zunächst werden antiwestliche Ressentiments mit immer neuen Argumenten befeuert und westlich orientierte Intellektuelle durch Einschüchterungsaktionen in die Defensive gedrängt.

Valentina Colombo, eine Expertin in Sachen Muslimbrüderschaft, hat dieses Vorgehen in einer Abhandlung mit dem aussagekräftigen Titel Jihad by court: a modern strategy to terrify the enemy of Allah beschrieben. Demnach geht es diesem "juristischen Jihad" weniger darum, Prozesse zu gewinnen, als vielmehr um die finanzielle Schädigung und Einschüchterung des Gegners.

Einschüchterungsstrategie

Wie auch die aktuellen Ereignisse in Österreich bestätigen, wird diese Strategie gegenüber Journalisten, Intellektuellen und Vertretern von Organisationen mit aller Entschlossenheit durchgezogen. Die Finanzströme aus den Golfstaaten und der Türkei erleichtern den Einschüchterungsfeldzug der Muslimbruderschaft in Europa nicht unwesentlich. Die zuletzt eingegangene Kooperation der Muslimbrüder mit der Kirche, ja sogar mit jüdischen Gemeinden in Europa kann als Teilerfolg dieser Strategie betrachtet werden.

Die jüngsten Übergriffe auf Journalisten und Intellektuelle in der Türkei – dies eine weitere Eskalation – sind eine unmissverständliche Botschaft an alle, die sich noch immer widersetzen. Der bekannte Hürriyet-Journalist Ahmet Hakan, der von Personen aus diesem Umfeld angegriffen und verletzt wurde, wird denn auch nicht das letzte Opfer gewesen sein – die Muslimbruderschaft und ihre Ideologen haben die Anwendung von Gewalt zur Errichtung eines islamischen Staats nie infrage gestellt und werden dies auch in Zukunft nicht tun. In der Tat ist dies die Lehre, die die Salafisten den Aktionen der Muslimbruderschaft entnommen haben. Eine Reihe einschlägiger Schriften, die auch unter österreichischen Jugendkreisen kursieren, belegt die große Bedeutung dieser Ideologie für bestimmte Zielgruppen: Physische und psychologische Gewalt gelten als legitime Waffen im Kampf für die Sache Gottes.

Sollten die Muslimbruderaktivisten mit ihrer Strategie Erfolg haben, werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach darangehen, wirtschaftliche, politische und vor allem Bildungseinrichtungen zu etablieren, um ihre Nachwuchsarbeit zu beschleunigen. Für Österreich etwa würde das bedeuten, dass sich einzelne Fraktionen allmählich von der Glaubensgemeinschaft ablösen und mithilfe aus dem Ausland geförderter Stiftungen eigenständige Bildungseinrichtungen etablieren. Eine Imam-Hatib-Schule, theologische Einrichtungen und Aktivitäten im Lehrerbildungsbereich – in alldem sehe ich eindeutige Hinweise auf die Zukunftsplanung des politischen Islam in Europa.

Sicherlich gibt es eine Gegenstrategie, mit der sich verhindern lässt, dass die Zukunft der Muslime in Europa durch die Muslimbruderschaft bestimmt wird. Dreh- und Angelpunkt dieser Strategie ist das Gelingen eines aufgeklärten Islam europäischer Prägung. Den nach Europa kommenden Muslimen zu ermöglichen, eine muslimische Lebensweise im Einklang mit den Wertvorstellungen einer pluralistischen Gesellschaft zu pflegen ist und bleibt die unabdingbare Voraussetzung für eine echte Integration.

Pluralismus

Das Bekenntnis zu religiösem Pluralismus ist zudem eine unverzichtbare Grundlage für den sozialen Frieden in Europa. Ein in Europa beheimateter Islam allein ist in der Lage, die Widersprüche zwischen demokratischer Gesellschaft und persönlicher Religiosität aufzulösen und das staatsbürgerliche Bewusstsein der Muslime zu stärken.

Es tun sich also zwei mögliche Szenarien auf: eines, in dem es den Muslimbrüdern oder ähnlichen Organisationen gelingt, ihre Hoheitsansprüche durchzusetzen und damit die Fluchtsituation und Heimatlosigkeit der Muslime zu perpetuieren. Das andere Szenario ist das eines europäischen Islam, der es den Gläubigen erlaubt, ihre Religion in die Zukunft zu tragen.

Hoffentlich wissen die Muslime die Arabisierung und Rückwärtsentwicklung des Islam in Österreich zu verhindern. (Ednan Aslan, 5.10.2015)

Ednan Aslan (Jg. 1959) ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

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