Abgastests: Das große Desaster

6. Oktober 2015, 11:59
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Die Ausreizung aller technischen Möglichkeiten bei Abgastests ist unter Autoherstellern eine übliche Vorgangsweise. VW war besonders schlau – und bezahlt jetzt eine sehr hohe Rechnung

Nachdem einige führende Köpfe bei Volkswagen gerollt sind und die erste Aufregung verpufft ist, bleiben einige wichtige Fragen noch immer offen. Zum Beispiel: Was war da wirklich?

Der Betrugsvorwurf lautet sinngemäß: Man hätte die Motorsoftware so programmiert, dass sie eine Abgas-Testfahrt selbstständig erkennt und dann in eine Art Spar- und Sauber-Modus verfällt. Bei normaler Fahrt hingegen würde die Stickoxidemission bis auf das Vierzigfache des erlaubten Ausstoßes ansteigen. VW hat offenbar auf ganz besonders gefinkelte Art das gemacht, was auch andere Hersteller tun: alle technischen Möglichkeiten ausgereizt, um die strengen Abgaslimits wenigstens auf dem Papier einzuhalten. Man ist aber offenbar um einen Schritt zu weit gegangen und hat sich damit ein Problemszenario gigantischen Ausmaßes eingehandelt.

Praxis und Prüfstand

Kurz zum Procedere: Verbrauchs- und Abgaswerte werden auf einem Prüfstand gemessen. Der Motor wird in einem vorgegebenen Zyklus mehrmals hochbeschleunigt und abgebremst. Der Messzyklus besteht aus einer simulierten Überland- und Stadtfahrt, danach wird auch noch der Durchschnitt dieser beiden Ergebnisse errechnet, das ergibt dann den Gesamtwert. Diese Prüfmethode simuliert einen sehr behutsamen Fahrstil bei moderaten Umgebungstemperaturen und ist damit nicht sehr praxisnah und deshalb schon lange im Fokus der Kritik. Es gibt auch keine Steigungen und Gefälle zu bewältigen. Der wahre Abgasausstoß ist deshalb in der Praxis deutlich höher als auf dem Papier – bei allen Herstellern.

Außerdem unterscheiden sich die Prüfzyklen und Grenzwerte in den USA, Europa und Asien erheblich. Deshalb gibt es auch schon lange Bemühungen, die Vorgaben weltweit zu harmonisieren, was aber aus politischen Gründen nicht durchzusetzen ist. Immerhin ist in Europa für 2017 ein neuer, strengerer Messzyklus vorgesehen, bei dem zusätzlich zum Prüfstandstest auch noch eine reale Fahrt mit Messgeräten an Bord durchgeführt wird. Dann wird es immer noch möglich sein zu tricksen, aber nicht mehr so leicht.

Riesige Messeinrichtungen

Die Frage, warum es das nicht alles schon lange gibt, ist leicht zu beantworten. Längst müssen sehr geringe Konzentrationen gemessen werden, Prozeduren, die nur mit äußerst komplizierten Anlagen durchgeführt werden können, da es sich um die Abbildung komplexer chemischer Prozesse handelt. Das Abgas kann man nicht einfach in ein Sackerl füllen und dann abwiegen. Die Prüfeinrichtung für einen Abgastest füllt eine kleine Halle. Mittlerweile ist es aber immerhin gelungen, Messeinrichtungen zu entwickeln, die im Kofferraum eines Autos Platz haben oder wie ein Fahrradträger auf eine Anhängerkupplung geschnallt werden können.

Die Bemühungen, wenigstens auf dem Prüfstand niedrige Verbrauchs-, CO2- und Schadstoffwerte zu erzielen, erinnern mittlerweile frappant an die Vorgänge im Spitzensport. Die Grenzen zwischen legaler Leistungssteigerung und strafbarem Doping werden fließend. Man könnte auch sagen: Alle tun es, sonst gibt es keinen Weg an die Spitze, aber wer erwischt wird, ist erledigt.

Unerquickliche Entwicklung

Hintergrund dieser mehr als unerquicklichen Entwicklung: Die Erreichung von Umweltzielen (CO2 wie Schadstoffe) in den USA, Europa und mittlerweile auch Asien setzt eine extreme Verringerung des Erdölverbrauchs und des Schadstoffausstoßes voraus, was am leichtesten mit kleineren, schwächeren und vor allem weniger Autos erreichbar wäre. In der Schere zwischen Klimazielen, Schadstoffreduktion und immer noch mehr Autos, die von den Autoherstellern naturgemäß verkauft werden wollen, wird es immer enger. Das ist aber kein Problem von VW allein – doch wer sich anschickt, Nummer eins der Welt zu werden, exponiert sich eben besonders.

Alte und Gechipte

Die Sorge, dass es sich bei den inkriminierten Modellen, selbst wenn es hunderttausende sind, um Giftschleudern handeln könnte, ist auf jeden Fall völlig unbegründet. Allein die Verschärfung der Abgaslimits in den vergangenen zehn Jahren zeigt, wie niedrig die Schwelle inzwischen geworden ist. Und schon gar nicht kann man behaupten, Dieselautos seien besondere Stinker. Dieser einfache Schluss gilt nur mehr für alte Fahrzeuge, die keinen Partikelfilter haben, oder viele nachträglich "chipgetunte" Modelle, eine Leistungssteigerungsmethode, die in den meisten Fällen illegal durchgeführt wird.

Das heißt, die mediale Erregung um manipulierte Abgastests schießt weit über den Kern der Sache hinaus. Der gigantische wirtschaftliche Schaden steht in keinem Verhältnis zur Ursache. (Rudolf Skarics, 6.10.2015)

  • Abgastest auf dem Prüfstand.
    foto: volkswagen

    Abgastest auf dem Prüfstand.

  • VW hat gemogelt. Das ist wie beim Doping im Spitzensport: Wer erwischt wird, ist erledigt.
    foto: volkswagen

    VW hat gemogelt. Das ist wie beim Doping im Spitzensport: Wer erwischt wird, ist erledigt.

  • Die derzeitige mediale Erregung schießt aber weit über den Kern der Sache hinaus.
    foto: volkswagen

    Die derzeitige mediale Erregung schießt aber weit über den Kern der Sache hinaus.

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