Angriff in Kunduz: Ärzte ohne Grenzen wirft USA Kriegsverbrechen vor

6. Oktober 2015, 13:54
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Die Hilfsorganisation fordert eine unabhängige Untersuchung des Bombardements ihres Krankenhauses – NGOs haben Kunduz verlassen

Kabul – Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) beschuldigt die USA, mit dem tödlichen Luftangriff auf ihre Klinik im afghanischen Kunduz ein Kriegsverbrechen begangen zu haben. MSF-Belgien-Generaldirektor Christopher Stokes forderte am Montag eine "vollständige und transparente Untersuchung" des Vorfalls mit 22 Toten durch eine "unabhängige internationale Organisation".

Nach US-Angaben hatten afghanische Streitkräfte, die unter Beschuss von Taliban-Kämpfern standen, den Angriff angefordert.

Interne Untersuchung unzureichend

Stokes erklärte, eine "interne Untersuchung durch eine der Konfliktparteien" wäre völlig unzureichend. Er wies auch die Darstellung der afghanischen Streitkräfte zurück, wonach Taliban-Kämpfer vom Krankenhaus aus afghanische Soldaten und Zivilisten beschossen. "Diese Erklärungen implizieren, dass afghanische und US-Kräfte entschieden, zusammen zu arbeiten, um ein voll funktionierendes Krankenhaus mit über 180 Mitarbeitern und Patienten dem Boden gleich zu machen, weil sie behaupteten, dass Taliban-Mitglieder dort präsent seien", sagte Stokes.

"Dies kommt dem Eingeständnis eines Kriegsverbrechens gleich. Dies widerspricht den anfänglichen Versuchen der US-Regierung, den Angriff als Kollateralschaden kleinzureden", fügte der Geschäftsführer der belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen hinzu. Nach Angaben der Hilfsorganisation waren die afghanischen und die US-Streitkräfte über die GPS-Koordinaten des Krankenhauses informiert, das seit vier Jahren in Betrieb war. Es war das einzige im Nordosten Afghanistans, das schwere Kriegsverletzungen behandeln konnte.

Obama kündigt Untersuchung an

US-Präsident Barack Obama hatte eine umfassende Untersuchung des US-Luftangriffs angekündigt. Verteidigungsminister Ashton Carter sprach von einem "tragischen Verlust von Menschenleben", erklärte aber, dass die Situation "verworren und kompliziert" sei und es einige Zeit dauern werde, die Fakten zu klären.

USA ändern ihre Version

US-General John Campbell sagte am Montag: "Wir haben jetzt erfahren, dass die afghanischen Streitkräfte am 3. Oktober Feuer von Feindespositionen gemeldet haben und um Unterstützung der US-Luftwaffe baten." Daraufhin sei ein Luftangriff geflogen worden, um die Bedrohung durch die Taliban auszuschalten.

Dabei seien mehrere Zivilisten aus Versehen getroffen worden, sagte der US-Kommandant für Afghanistan. Die US-Streitkräfte hatten bisher erklärt, dass ihre eigenen Truppen unter Beschuss gestanden seien und um Luftunterstützung gebeten hätten. Campbell zufolge befindet sich US-General Richard Kim in Kunduz. Er leite dort eine Untersuchung des Vorfalls und werde binnen zwei Tagen einen vorläufigen Untersuchungsbericht vorlegen.

Deutschland: "Verantwortliche müssen dafür geradestehen"

Laut MSF wurde das Hauptgebäude mit der Intensivstation und der Rettungsstelle trotz eindringlicher Appelle an Militärvertreter in Kabul und Washington "wiederholt und sehr präzise" während mehr als einer Stunde beinahe alle 15 Minuten bombardiert. Bei den Toten handelt es sich den Angaben zufolge um zwölf MSF-Mitarbeiter und zehn Patienten, darunter drei Kinder.

Die Hilfsorganisation kündigte an, sich vorerst aus Kunduz zurückzuziehen. Ob das Traumazentrum, das bei dem Angriff völlig zerstört wurde, wiedereröffnet wird, ließ MSF offen. "So etwas darf sich nicht wiederholen", sagte ein Sprecher des deutschen Außenministeriums am Montag. Insbesondere müsse geklärt werden, wer für den Vorfall verantwortlich sei: "Wenn es Verantwortlichkeiten gibt, bedeutet das, dass die, die Verantwortung tragen, dafür geradestehen müssen."

NGOs haben Stadt verlassen

Inzwischen haben laut UNO alle humanitären Hilfsorganisationen die Stadt verlassen. Generell sei die Lage angesichts der Kämpfe sehr kritisch, teilte das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) am Dienstag in Genf mit.

In den meisten Teilen der 300.000-Einwohner-Stadt sei die Wasser- und Elektrizitätsversorgung unterbrochen. Tausende Familien seien auf der Flucht. Ein sicherer Zugang der Hilfsorganisationen in die Stadt sei derzeit wegen drohender Überfälle nicht möglich. Beim Angriff eines US-Kampfflugzeugs des Typs AC-130 auf ein Hospital der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen waren am Wochenende 22 Menschen getötet worden. (APA, 5.10.2015)

Kommentar: Bomben auf ein Krankenhaus: Faule Ausreden

Auch die USA müssen Verantwortung für Kriegsverbrechen übernehmen – von Michael Vosatka

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