Anna Bergmann: "Liebst du mich, oder ist es nur Spiel?"

Interview5. Oktober 2015, 17:50
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Die Regisseurin bürstet für die Premiere im Wiener Josefstadt-Theater Strindbergs "Fräulein Julie" komplett gegen den Strich. Ein Gespräch über das Frausein und über Explosionen

STANDARD: Der Schwede August Strindberg war zeit seines bewegten Lebens alles Mögliche. Ein geschworener Frauenfeind, Historiendramatiker, Esoteriker, Landwirt. Tatsächlich werden seine Stücke kaum mehr gespielt – mit der Ausnahme von "Fräulein Julie" (1888). Drei Menschen gehen im Verlauf einer schwülen Mittsommernacht miteinander Machtbeziehungen ein. Ist es das, worin wir Heutige uns wiedererkennen?

Bergmann: Es stellt sich doch eher die Frage: Gibt es eine Übersetzung des Stoffes ins Heute? Inwieweit gibt es für die hierarchischen Strukturen – die Herrin und der Diener, die miteinander ein Verhältnis eingehen – eine Übertragung in die Jetztzeit? Ich habe mich entschieden, das Thema zuzuspitzen. Bei uns handelt es sich um das Verhältnis einer älteren Frau zu einem deutlich jüngeren Mann (Florian Teichtmeister). Dieses Gefälle auszuloten, fand ich interessant.

STANDARD: Wehrt sich der Text gegen eine solche neuartige Sicht?

Bergmann: In der Tat, gewisse Passagen im Text würde eine Frau Mitte fünfzig nicht sagen. Manche Sequenzen des Fräuleins muten sehr naiv an. Strindberg wollte auch nicht, dass das Publikum mit ihr Mitleid empfindet. Wir halten Nachschau: Was nehmen wir aus der Strindberg-Psychologie, was entwickeln wir unsererseits neu mit Sona MacDonald in der Titelrolle?

STANDARD: Zitiert Julie gewissermaßen aus ihrer eigenen Jugend?

Bergmann: Wir fangen in der "Originalzeit" an, tatsächlich mit original historischen Kostümen, mit allen Verhaltensmustern, die die Zeit vorschreibt. Im Verlauf des Abends kehren wir in die Gegenwart zurück. Es gibt ja gewisse Grundvereinbarungen, die eingehalten werden müssen, wenn man ein solches Stück angeht. Da existiert ganz klar die Setzung Herrin, Knecht und Dienstmagd. An einem bestimmten Punkt fallen die Schranken, und Hierarchien spielen keine Rolle mehr. Dann stehen auf einmal zwei Leute nackt voreinander. Es geht letztlich um die Frage: "Liebst du mich, oder ist es nur ein Spiel?"

STANDARD: Wobei der Knecht keiner mehr ist. Den Domestiken von einst gehört die Zukunft.

Bergmann: Ganz genau.

STANDARD: Die Besetzung der Julie mit einer "älteren" Schauspielerin war die initiale Idee?

Bergmann: Fräulein Julie war meine Konzeptionsarbeit für die Regieprüfung an der Berliner Ernst-Busch-Schule. Ich fand: Es ist interessant, wie anders man einen solchen Text mit zwanzig denkt – und jetzt, mit Mitte dreißig, besitzt man wieder einen anderen Blick auf die Frau, auf die Rolle. Es muss eine ältere Schauspielerin sein, für die das eine reizvolle Aufgabe darstellt. Sona MacDonald sagte anfangs: "Wie komme ich dazu, die Julie zu spielen?" Die ganze Probenarbeit besitzt etwas Intimes. Wie stellt man Sexualität auf der Bühne dar, notabene mit einem jüngeren Kollegen?

STANDARD: Nun ritzt sich die "reife" Julie in Ihrer Inszenierung auch die Haut und bedeckt sie mit Wörtern. Was ist die Idee zu dieser autoaggressiven Haltung?

Bergmann: Eine ältere Frau, die gefangen ist in ihrem Sein, hat eine Familiengeschichte mit pathologischen Zügen. Die Mutter sperrte sich irgendwann ein und hasste die Männer von Grund auf. Julie muss als Kind also durch gewisse Untiefen gegangen sein, von denen sie sich auch nie wirklich erholt hat. Welches Zeichen kann man dafür finden, das in der Vergangenheit und auch in der Jetztzeit funktioniert, um ihre Verletzungen zu verdeutlichen? Sexualität ist bei Julie total gedeckelt. Die Frau entscheidet sich während dieser Nacht, den Diener zu verführen, mit aller Macht. Ihre körperliche Versehrtheit versteckt sie bis zum Schluss. Über die Worte, die sie sich "einschreibt", verschafft sie sich Halt.

STANDARD: Apropos Einschreibungen: Sie wurden vom Feuilleton einmal als "explodierendes Fräuleinwunder" bezeichnet. Seltsam?

Bergmann: Das war charmant gemeint, keinesfalls despektierlich. Aber dadurch, dass der Beruf noch immer männlich dominiert ist, gibt es immer mal wieder solche Äußerungen. Es würde ja keiner über einen Jungregisseur sagen, er sei ein explodierendes Männerwunder. (Ronald Pohl, 6.10.2015)

Anna Bergmann ist Ostdeutsche aus Sachsen und hat als Regisseurin am Burgtheater Furore gemacht ("Die Frau vom Meer", 2013). Bergmann arbeitet auch in Malmö und inszeniert Opern.

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Josefstadt-Theater

  • Macht aus Mädchen Damen: Anna Bergmann.
    foto: matthias cremer

    Macht aus Mädchen Damen: Anna Bergmann.

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