OS X El Capitan im Test: Mehr Performance für den Mac

11. Oktober 2015, 10:30
83 Postings

Kostenloses Betriebssystem-Upgrade sorgt für ein flotteres System und sinnvolle, neue Funktionen

Nachdem Apple mit OS X Yosemite 2014 das Design und die Benutzeroberfläche seines Mac-Betriebssystems umfassend modernisiert hat, folgt in diesem Jahr mit OS X El Capitan das Feintuning. Apps wurden optimiert, einige lose Schrauben wurden festgezogen und ein paar neue Funktionen behutsam eingebaut.

Besonders auffallend ist im WebStandard-Test die gute Performance des neuen Systems. Selbst auf älteren Geräten hinterlässt OS X El Capitan einen flotteren Eindruck als sein Vorgänger.

Der Split-View-Modus ist eine der großen neuen Funktionen von OS X El Capitan – bleibt aber hinter den Erwartungen.

Erneut Umstellung der Schriftart

Die im letzten Jahr begonnene Designumstellung von OS X hat Apple mit dem jüngsten Betriebssystem in kleinerem Ausmaß fortgesetzt. Offensichtlichste Änderung stellt dabei (erneut) eine neue Systemschriftart dar. Erst mit OS X Yosemite hat Apple die Schriftart zum Ärgernis vieler Anwender auf Helvetica Neue umgestellt, in OS X El Capitan kommt nun San Francisco zum Einsatz. Es handelt sich dabei um eine von Apple selbst designte Schriftart, die bereits in watchOS und im kürzlich veröffentlichten iOS 9 verwendet wird.

San Francisco statt Helvetica Neue

San Francisco zeichnet sich durch etwas schlankere Zeichen, wodurch die Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben anwachsen, aus. Außerdem wurden Kleinbuchstaben geringfügig vergrößert und dadurch besser lesbar. Die Änderungen sind insgesamt als minimal einzustufen, sollen letztendlich trotzdem zu einer besseren Lesbarkeit der Schriften auf Geräten ohne hochauflösendem Retina-Display führen. Dies war einer der großen Kritikpunkte von Helvetica Neue unter OS X Yosemite.

foto: webstandard
Abgesehen von der Schriftart hat sich am Desktop kaum etwas verändert.

Facelifting bei Programmen

Ansonsten hat Apple am Design und an der Benutzeroberfläche von OS X El Capitan kaum geschraubt. Alles sieht weitgehend so aus wie unter OS X Yosemite. Lediglich manche Programme, die im letzten Jahr noch kein Facelifting erhalten haben, wurden aktualisiert. Allen voran sei hier das Festplattendienstprogramm erwähnt, das einen deutlich frischeren und moderneren Anstrich verpasst bekommen hat und sich dadurch nahtloser in das Design des Betriebssystems einfügt.

Bessere Performance

Ein weiterer Bereich, an dem Apple offenbar gearbeitet hat, ist die Performance des Betriebssystems. OS X El Capitan deutlich besser als sein Vorgänger. Wir haben das Betriebssystem auf einem etwas älteren MacBook Pro aus 2011 getestet. So butterweiche Animationen wie OS X El Capitan hatte OS X Yosemite definitiv nicht zu bieten – und das obwohl das MacBook an einem externen 1080p-Monitor betrieben wird. Programmfenster ins Dock legen, Mission Control aufrufen oder zwischen Spaces wechseln ist weitgehend ohne Ruckler möglich.

Flottes System

Apple scheint in der Entwicklung von OS X El Capitan also ein Hauptaugenmerk auf die Leistung des Betriebssystems gelegt zu haben. Auf seiner Webseite verspricht das Unternehmen außerdem, dass auch Aktionen wie Apps starten, zwischen Apps wechseln und PDFs oder Mails öffnen um ein Vielfaches schneller ausgeführt werden als noch beim Vorgänger. Subjektiv betrachtet wird das System diesen Versprechen auch Gerecht – OS X El Capitan fühlt sich um einiges flotter an.

So ruckelfrei wie unter OS X El Capitan war Mission Control unter Yosemite nicht.

Metal für OS X

Eine weitere Performance-Verbesserung betrifft die Grafikschnittstelle Metal, die Apple mit OS X El Capitan erstmals auf dem Mac anbietet. Metal wurde im letzten Jahr mit iOS 8 eingeführt und soll den Overhead im Vergleich zu Schnittstellen wie OpenGL und OpenCL verkleinern, wodurch den Entwicklern mehr Performance zur Verfügung steht. Dadurch werden vor allem in Spielen leistungsfähigere Grafiken ermöglicht, aber auch professionelle Software, die auf hohe GPU-Leistung zurückgreift, profitiert von Metal.

Entwickler sind gefragt

Metal wird jedoch nicht von allen Geräten unterstützt, die unter OS X El Capitan laufen. Als ungefährer Richtwert ist mindestens ein Mac aus den Modellreihen 2012 oder neuer notwendig. Zudem müssen Entwickler die neuen Grafikschnittstellen erst in ihre Software implementieren. Und in diesem Bereich wurde zuletzt Kritik geäußert. Dan Ginsburg vom Spielentwickler Valve ("Half-Life") erklärte, dass es keinen Grund gebe, auf proprietäre Grafikschnittstellen wie DirectX 12 oder Metal zu setzen.

Split-View

Neben den bereits erwähnten Verbesserungen hat OS X El Capitan auch ein paar neue Funktionen gelernt, diese fallen im Vergleich zu den im letzten Jahr eingeführten Änderungen aber recht überschaubar aus. Größte Neuerung stellt hier wohl der Split-View-Modus dar, bei dem sich zwei Programme den gesamten Bildschirm teilen. Während unter Windows eine solche Funktion bereits seit Jahren zum Standardrepertoire zählt, musste man unter OS X dafür bisher auf Drittanbieter-Tools zurückgreifen.

Keine intuitive Bedienung

Wirklich ideal gelöst ist die neue Funktion aber nicht. Während man unter Windows ein Programmfenster einfach an den Rand ziehen muss, um es an einer Bildschirmhälfte anzudocken, ist die Funktion unter OS X weit weniger intuitiv. Denn zur Nutzung von Split-View muss man bei der Fenstersteuerung (Ampelfarben) den grünen Button gedrückt halten und das Fenster auf eine Bildschirmhälfte ziehen. Alternativ kann man Mission Control öffnen und ein Programmfenster auf eine andere Vollbild-App ziehen.

Nach der Aktivierung von Split-View kann ein zweites Programmfenster aufgerufen werden.

No-Go für Apple

Hier muss Apple noch ganz klar nachbessern. Wüsste man von dieser Funktion nicht, würde man wohl nie mit ihr in Berührung geraten. Bei einem kurzen Test wussten selbst erfahrenere Anwender ohne nähere Informationen nicht, wie man Split-View aktiviert. Dies sollte eigentlich ein No-Go für ein Unternehmen wie Apple sein. Problematisch ist zudem, dass Split-View nicht mit allen Programmen funktioniert und viele Entwickler ihre Apps erst optimieren müssen. Außerdem sorgt die Funktion noch für die ein oder andere fehlerhafte Darstellung.

Hin und wieder verursachte Split-View Darstellungsfehler.

Verbesserungen bei Spotlight

Ein Update hat auch die Spotlight-Suche erhalten. Das Suchfenster, das unter OS X Yosemite noch in einer fixen Größe in der Mitte des Bildschirms angezeigt wurde, lässt sich mit dem neuesten Betriebssystem frei verschieben und in der Größe verändern. Eine sehr sinnvolle Funktion und man fragt sich, warum Apple das nicht bereits im letzten Jahr so gelöst hat. Immerhin dürfte jedem Nutzer das nicht gerade kleine Suchfenster bereits einmal wichtige Bildschirminhalte verdeckt haben.

Keine österreichischen Sportergebnisse

Außerdem hat Spotlight ein paar neue Funktionen gelernt und zieht damit im Funktionsumfang mit iOS 9 gleich. So lassen sich mit der Suchfunktion von OS X El Capitan nun direkt Ergebnisse zu Aktienkursen, Wetter und Sport anzeigen. Die Daten dafür greift Apple bei Yahoo ab. Österreichischer Sport scheint aber nicht vertreten zu sein – während Spotlight Ergebnisse der deutschen Bundesliga kennt, liegen für österreichischen Fußball keine Daten vor.

Suchanfragen in natürlicher Sprache

Ebenfalls neu in Spotlight sind Suchanfragen in – wie Apple es bezeichnet – natürlicher Sprache. Hier scheint Spotlight ein wenig von Siri gelernt zu haben. So kann man etwa nach "Tabellen, die ich letzte Woche geöffnet habe" suchen oder sich "unbeantwortete E-Mails von gestern" anzeigen lassen. Auch die Suchfunktionen im E-Mail-Programm und im Finder unterstützen unter OS X El Capitan diese Suchanfragen in natürlicher Sprache.

Spotlight kann nun auch Aktienkurse, Wettervorhersagen und Sportergebnisse anzeigen.

Safari

Die weiteren Neuerungen in OS X El Capitan umfassen vor allem neue Funktionen in verschiedenen Programmen. Safari sticht hier hervor und hat ein paar neue, durchaus sinnvolle, Features erhalten. Findet in einem Tab eine Audiowiedergabe statt, wird das künftig durch ein eigenes Icon symbolisiert. Gerade bei vielen geöffneten Tabs kann man so schnell einen Störenfried ausfindig machen – man denke etwa an Werbeanzeigen mit Tonwiedergabe. Über Buttons kann dann ein einzelner oder direkt alle Tabs stumm geschaltet werden.

AirPlay

Nutzer eines Apple TV wird es freuen, dass künftig auch von Safari aus Videos direkt per AirPlay zur Wiedergabe an die Streaming-Box geschickt werden können. Bisher war das – mit ein paar Abstrichen in der Qualität – nur möglich, indem man den gesamten Bildschirminhalt über AirPlay auf den Apple TV gelegt hat. Außerdem neu in Safari ist die Möglichkeit, Tabs zu fixieren. Diese bleiben dann dauerhaft geöffnet und werden am Anfang der Tableiste über kleine Symbole dargestellt.

Auf einem Blick alle wichtigen Änderungen in Safari – ein angepinnter Tab, Mute-Knopf zum Stummschalten und AirPlay-Unterstützung.

Notizen

Die Änderungen in der Notizen-App dürften für Apple-Nutzer, die bereits iOS 9 verwenden, keine Überraschungen darstellen. Apple zieht auf dem Desktop-Betriebssystem im Prinzip mit der Mobilversion gleich. Notizen werden künftig über iCloud statt über IMAP synchronisiert, außerdem bietet Apple deutlich erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten – darunter Textformatierungen, Checklisten und Aufzählungen. Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, direkt aus Safari und der Karten-App Inhalte in Notizen einzufügen.

Apple erlaubt in der Notizen-App neue Formatierungsmöglichkeiten, auch Anhänge aus Safari und Karten können angehängt werden.

Fotos

Die mit OS X Yosemite eingeführte Fotos-App bekommt in OS X El Capitan ihr erstes großes Update und fügt ein paar stark vermisste Funktionen hinzu. Hier sei die Möglichkeit erwähnt, bei einzelnen Fotos oder ganzen Momenten die in den Bildern hinterlegten Ortsinformationen zu bearbeiten. Fotos bot diese eigentlich recht grundlegende Funktion bisher tatsächlich nicht. Neue Sortieroptionen sorgen zudem für eine etwas bessere Übersicht in der Foto-Bibliothek.

Plugins für Bildbearbeitungen

Größte Erweiterung dürften aber Drittanbieter-Plugins darstellen. Ähnlich wie unter iOS erlaubt Apple jetzt auch den Mac-Entwicklern, sich mit Bearbeitungsfunktionen in die Fotos-App einzuhaken. Dadurch lässt sich über Plugins der Funktionsumfang der Software erhöhen – bereits das eingestellte Fotoprogramm Aperture bot diese Möglichkeiten. Vereinzelte Anwendungen im Mac App Store unterstützen die neue Schnittstelle bereits, darunter Programme wie Snapheal, Tonality, Noiseless und BeFunky Express.

In der neuen Fotos-App erlaubt Apple für Bildbearbeitungen auch Drittanbieter-Plugins.

Mail & Karten

Das Mail-Programm von OS X El Capitan kann sich auch über ein paar Neuerungen freuen, diese fallen jedoch eher gering aus. Mail erkennt, falls eine E-Mail-Nachricht Kontakt- oder Kalenderinformationen enthält, und bietet an diese direkt in die entsprechenden Programme aufzunehmen. Ähnlich wie unter iOS kann der Posteingang nun über Swipe-Gesten aufgeräumt werden, außerdem wurde die Vollbild-Darstellung optimiert. In der Karten-App bietet Apple wie unter iOS 9 Daten für den öffentlichen Nahverkehr – es ist jedoch keine einzige österreichische Stadt vertreten.

Daten für den öffentlichen Nahverkehr stehen für Österreich nicht zur Verfügung.

Fazit

Lohnt sich das Update auf OS X El Capitan? Kurze Antwort: Ja. Zwar gibt es nicht allzu viele große neue Funktionen, vor allem die Leistungsverbesserungen des neuen Betriebssystems werden vielen Nutzern aber gelegen kommen. Zudem sind die Systemvoraussetzungen identisch mit jenen der letzten Betriebssysteme. Die übrigen Neuerungen fallen ebenfalls allesamt positiv aus, lediglich an der Bedienung des Split-View-Modus sollte Apple noch ein wenig feilen. Dieser ist – eher untypisch für Apple – alles andere als intuitiv zu bedienen.

Soll man jetzt bereits aktualisieren? OS X El Capitan läuft in der Release-Version solide und stabil. Bei unseren Tests bockte lediglich Safari sehr selten und der neue Split-View-Modus sorgte manchmal für kurzzeitige Darstellungsprobleme. Außerdem trennt sich das per Bluetooth angeschlossene Magic Trackpad aus unerfindlichen Gründen in unregelmäßigen Abständen vom Mac. Nutzer, denen diese Erfahrungen Bedenken bereiten, können mit dem Update noch etwas abwarten. Das erste Update für OS X El Capitan befindet sich bereits in der Betaphase und wird wohl demnächst erscheinen. (Martin Wendel, 11.10.2015)

Link

Apple

Share if you care.