Ein Tanz, dem Maschinengewehr gewidmet

5. Oktober 2015, 07:56
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Jonathan Burrows und Matteo Fargion befeuern das Publikum im Tanzquartier Wien

Wien – Auf Jonathan Burrows und Matteo Fargion passt die Bezeichnung kongenial wirklich. Das haben der britische Choreograf (55) und der italienische Musiker (54) nun abermals bewiesen: am Wochenende mit ihrem Doppelabend Show and Tell und Body Not Fit For Purpose im Tanzquartier Wien.

Ein Maximum an Wirkung bei einem Minimum an Mitteln, das ist ein Markenzeichen der beiden (wobei diesmal Videoleinwand, Klavier und Tisch bereits wie eine Materialschlacht anmuten); ein weiteres ihr gezieltes Spiel mit Präzision und trockenem Humor. Das war bei ihrem ersten Hit, Both Sitting Duet von 2002 so, und es hat sich über Arbeiten wie Speaking Dance, The Cow Piece oder Counting to One Hundred ungebrochen fortgesetzt. Bis heute gilt jedes Duett von Burrows und Fargion als Meisterwerk.

Dem setzt das neue Double Feature sogar noch etwas hinzu. Im ersten Teil wird die seit 1989 bestehende Kollaboration der Künstler kontextualisiert. Und im zweiten setzen die beiden erstmals deutliche politische Spitzen. Bei Show and Tell zeigt sich die enzyklopädische Breite unterschiedlichster Referenzen, die ihr Werk speisen: vom Ballett Les Noces und Morton Feldmans Komposition For John Cage über Pasolinis Il Vangelo secondo Matteo und John Berrymans Gedichtsammlung Dream Songs bis zu Merce Cunninghams Second Hand und Mad Professor Neil Fraser.

Die Dramaturgie in Show and Tell ist so ausgefeilt, dass Burrows und Fargion erst bloß in ihren Lederfauteuils sitzen und einige Video- und Tonbeispiele mit kurzen Kommentaren vorführen müssen, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Dann wechseln sie zu einem Stutzflügel und spielen eine Liste wie einen langen Song, während beim Publikum die Assoziationen wachsen: Peter Handke, Star Wars, Kasimir Malewitsch, Monty Python, Xavier Le Roy, Ziggy Stardust.

Der Übergang zu Body Not Fit For Purpose ist nahtlos. Fargion spielt Mandoline, während Burrows seine Arme und Hände tanzen lässt. Die Titel der kurzen Szenen werden angesagt. Gentrify your city, no pensions at all, The bank bailout, Special interrogation techniques oder Fear of immigrants. Eigene Tänze sind auch George W. Bush, Wladimir Putin und dem Maschinengewehr AK 47 gewidmet. Da gewinnt der Humor der beiden eine neue Schärfe. Begeisterter Applaus. (Helmut Ploebst, 5.10.2015)

  • Mandoline im Tanzquartier: Matteo Fargion (li.), Jonathan Burrows.
    foto: ben parks

    Mandoline im Tanzquartier: Matteo Fargion (li.), Jonathan Burrows.

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