Provider-Mitsprache: Das dunkle Geheimnis der Smartphone-Updates

3. April 2016, 16:34
232 Postings

Einfluss der Netzanbieter muss endlich ein Ende haben – Monatelange Verzögerungen

Eine vor einigen Monaten abgesetzte Reihe von Tweets des HTC-America-Chefs Jason Mackenzie klingt schon fast nach einem umfassenden Ohnmachtseingeständnis: Monatliche Sicherheitsupdates für die eigenen Android-Smartphones seien schlicht nicht umsetzbar, da man jede neue Version auch von den jeweiligen Providern absegnen lassen muss – und diese oft sehr langsam reagieren.

Ehrlichkeit

Nun wäre es relativ leicht das Versagen eines einzelnen Anbieters – in diesem Fall also HTC – anzuprangern. Die Realität ist aber noch ein Stück ernüchternder: Mackenzie ist einfach nur ehrlicher als andere Smartphone-Manager. Denn auch wenn sich LG und Samsung öffentlichkeitswirksam Googles Initiative für monatliche Sicherheitsupdates verschrieben haben, sieht die Realität wesentlich komplexer aus.

Das Kleingedruckte

Mehr oder weniger zeitnahe Updates gibt auch nur dann, wenn das eigene Smartphone "frei", also jenseits jeglichen Provider-Einfluss gekauft wurde. Alle anderen sind von der Gnade der Zertifizierung durch die Netzanbieter abhängig, und diese kann schon einmal mehrere Wochen bis Monate in Anspruch nehmen. Entsprechend bekommen beim Provider gekaufte Smartphones oft nicht nur deutlich später sondern auch seltener Updates als frei erworbene Geräte.

Unnötiges Herumbasteln

Ein archaisches Modell, das aus den frühen Jahren der Mobiltelefonie rührt, als die Provider noch deutlich größere Anpassungen der Geräte für die lokalen Bedürfnisse vorgenommen haben. Heute beschränkt sich dies – neben der Zertifizierung für das eigene Netz – weitgehend auf das Hinzufügen von zusätzlichen Apps, einer bei den Konsumenten praktisch unisono verhassten Praxis.

Rationalisierungen

Trotzdem wollen sich die meisten Hardwareanbieter offenbar nicht von diesem Modell verabschieden, und greifen dabei zu durchaus gewagten Rationalisierungen: In der Vergangenheit hieß es etwa von Samsung gegenüber dem STANDARD, dass man nur auf diese Weise die optimale Empfangsqualität sichern könne – eine angesichts dessen, dass frei gekaufte Geräte ebenso gut funktionieren, eher gewagte These. Viel mehr geht es hier um ein für die Konsumenten unerfreuliches Machtgefüge. Dieses ist vor allem darin begründet, dass die Netzanbieter nichts mehr fürchten, als ein reiner Infrastrukturanbieter ohne Einfluss zu werden.

Realitätscheck

Die Realität ist aber: genau dort geht die Reise für die Provider hin, ob sie wollen oder nicht. Sowohl Apple als auch Google versuchen seit geraumer Zeit den Einfluss der Netzanbieter immer weiter zurückzudrängen, und werden dies in Zukunft noch weiter forcieren. Beide verbieten bei ihren eigenen Smartphones jegliche Intervention der Netzanbieter, zudem versuchen sie den Gerätverkauf jenseits der Provider zu befördern. Apple bietet seit vergangenem Jahr ein Aboangebot, das durch Monatszahlung der klassischen Providerfinanzierung auch noch das letzte Argument raubt. Und Google versucht sich angesichts der Erstarrung der Providerbranche mittlerweile ja sogar an einem eigenen Mobilfunkanbieter namens Project Fi.

Schlussstrich ziehen

Insofern heißt es für die anderen Hardwarehersteller sich endlich die Unhaltbarkeit der aktuellen Situation einzugestehen. Das bisherige Modell skaliert einfach nicht. Smartphones sind eben keine simplen Mobiltelefone mehr sondern rechenstarke Mini-Computer mit Breitbandanbindung. Und für solche braucht es zeitnahe Updates, das lässt sich mit dem Provider-Einfluss und den zahlreichen Softwarevarianten, die so unweigerlich für jedes einzelne Gerät entstehen, schlicht nicht umsetzen. Und wir wollen uns ja auch nicht vorstellen, wie es mit der Computersicherheit aussehen würde, wenn zuerst jeder Internetanbieter jedes Windows-Update absegnen müsste.

Hausaufgaben

All dies bedeutet natürlich nicht, dass die Netzanbieter die einzig Schuldigen für langsame oder fehlende Updates sind – beileibe nicht, hier haben die Hardwarehersteller selbst noch einiges Optimierungspotential. Aber das Rauswerfen der Provider aus dieser Gleichung ist ein erster, wichtiger Schritt. Für die Konsumenten heißt es wiederum, zur Kenntnis zu nehmen: Wer sich ein Smartphone beim eigenen Netzanbieter kauft, braucht sich nicht wundern, wenn er dann keine Updates erhält. Insofern sollte man besser zu anderen Wegen greifen, die zudem langfristig meist ohnehin billiger kommen. (Andreas Proschofsky, 3.4.2016)

  • Der US-Provider Verizon ist berüchtigt für seine massiven Eingriffe in die Smartphone-Software, doch auch andere Netzanbieter verzögern die Update-Auslieferung.
    foto: shannon stapleton / reuters

    Der US-Provider Verizon ist berüchtigt für seine massiven Eingriffe in die Smartphone-Software, doch auch andere Netzanbieter verzögern die Update-Auslieferung.

Share if you care.