Und wer kümmert sich um uns?

Kommentar4. Oktober 2015, 17:35
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Solidarität mit Flüchtlingen verstärkt bei Bürgern das Gefühl des Verlassenseins

Es war eine beeindruckende Demonstration des anderen Österreich, das für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen und die Beibehaltung einer Willkommenskultur eintritt. Am Samstagabend auf ein Konzert auf dem Wiener Heldenplatz zu gehen ist einfacher, als am Westbahnhof oder in Nickelsdorf Neuankömmlinge zu versorgen. Aber es spiegelt die gleiche Grundeinstellung wider – eine, die sich vor Zuwanderung nicht fürchtet, sondern dies auch als Chance für die Gesellschaft sieht und zumindest nicht bereit ist, Mitgefühl und Solidarität von der Herkunft des Betroffenen abhängig zu machen.

Den gleichen Geist vermittelt Wifo-Chef Karl Aiginger, der wiederholt betont, dass Österreich früher schon mit Zuwanderung fertiggeworden ist und Staaten von Migration profitieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und in Deutschland ist es die Kanzlerin selbst, die sich als Bollwerk nicht nur gegen offenen Fremdenhass aufstellt, sondern auch gegen die von vielen Parteifreunden geforderte Eindämmung des Flüchtlingsstroms durch schärfere Gesetze und Maßnahmen. Menschlichkeit kommt zuerst, sagt Angela Merkel.

Doch bei einem guten Teil der Bevölkerung stoßen diese Botschaften auf taube Ohren – auch bei den Wählern in Wien. Im Gegenteil: Je öfter Sozialdemokraten und Grüne, Experten und Journalisten die positiven Seiten des Flüchtlingsdramas hervorstreichen, desto mehr fühlen sich diese Menschen mit ihren Sorgen und ihrem Zorn alleingelassen. Die ostentative Fürsorge für Fremde verstärkt bei vielen die Gewissheit, dass ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt werden.

Alles, was im Alltag schmerzt und fehlt, wird plötzlich als unerfüllter Anspruch an Politik und Staat betrachtet. Eigenverantwortung macht Schuldzuweisungen Platz. Und die Verantwortung für die eigenen Probleme tragen die Neuankömmlinge genauso wie die Regierenden, von denen sie aufgenommen werden. Aus dem Sinn für Gemeinsamkeit wird die Angst vor einem Verdrängungswettbewerb, bei dem man selbst auf dem kürzeren Ast sitzt. Dieses Gefühl vergiftet das politische Klima und treibt der FPÖ Wähler zu.

Natürlich wissen die meisten Wiener, dass Asylwerber nicht für steigende Wohnkosten, verschwindende Industriejobs und hohe Steuern verantwortlich sind – und auch die Gerüchte über großzügige Sozialleistungen für Ausländer werden nicht von allen geglaubt. Aber allein die Unsicherheit, wie lang der Flüchtlingsstrom anhalten und wie er letztlich das Land verändern wird, reicht aus, um eine latente Unzufriedenheit in Proteststimmen umzuleiten.

Amtierende Politiker tun sich schwer, dagegen anzukämpfen. Österreich hat schon jetzt einen der höchsten Sozialstandards der Welt, und die Stadt Wien ist in vielen Bereichen noch weiter. Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben leistbare Wohnungen und Arbeitsplätze, die nicht akut gefährdet sind. Die Kriminalitätsrate bleibt niedrig, und dort, wo sie auftritt, haben Asylwerber nur selten damit zu tun.

Aber auf all diese Fakten zu verweisen hilft wenig gegen das dumpfe Gefühl des Verlassenseins. Und auf dem Gebiet der zur Schau gestellten Empathie haben viele Politiker Nachholbedarf. Auch wenn es wie ein sinnentleertes Ritual wirkt: Die Botschaft "Wir kümmern uns um euch" muss viel besser hinüberkommen, damit die Gesellschaft weiterhin zusammenhält. (Eric Frey, 4.10.2015)

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