Zürcher Filmfestival: Liebeserklärungen an das Ungefähre

5. Oktober 2015, 05:30
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Das Zürcher Filmfestival versucht den Spagat zwischen Glamour und jüngerem Kino

"Ich bin ein geduldeter Verrückter." Friedrich Dürrenmatt verstand es zeitlebens, über sich und den Schweizer – "ein vorsintflutliches Wesen in ständiger Erwartung der Sintflut" – die allerschönsten Aphorismen abzusondern. Einer der Vorzüge von Sabine Gisigers Dokumentarfilm Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte ist es, den 1990 gestorbenen Schriftsteller noch einmal bei der Herstellung seiner doppelbödigen Zuschreibungen zuzusehen. Beim elften Filmfestival von Zürich war die Weltpremiere dieser Arbeit eine der meistbeachteten.

Gisigers Coup: Ihr gelang es, Dürrenmatts Tochter Ruth, Sohn Peter und Schwester Verena, die sich bisher nur wenig zu Wort gemeldet haben, zu Interviews zu bewegen. Entsprechend intim, jedoch nie bloßstellend ist die Perspektive des Films. Kleine Korrekturen erzählen davon, wie sich der Autor zu inszenieren verstand. Vor allem Dürrenmatts erste Ehefrau Lotti Geissler, deren Rolle noch wenig beleuchtet wurde, erhält viel Platz – erhellend etwa die Stelle, wie sie Dürrenmatt wiederholt zu Überarbeitungen seiner Dialogpassagen anstachelte.

Während Dürrenmatt von Zürich aus wohl andere Festivals ansteuern wird, hat The End of the Tour seit seiner Premiere in Sundance im Jänner schon einen längeren Weg hinter sich. James Ponsoldt erzählt darin von der Begegnung des Rolling Stones-Journalisten David Lipsky mit David Foster Wallace, der 1996 gerade Unendlicher Spaß veröffentlicht hatte und dafür hymnische Kritiken erntete. Lipsky schloss sich Wallaces Lesetour an, um den zurückgezogenen, noch kaum bekannten Autor zu porträtieren.

Klobiger Feingeist

Die Erben des 2008 aus dem Leben geschiedenen Wallace hatten sich gegen den Film ausgesprochen, und tatsächlich gibt es ja einiges, was man gegen solche biografischen Anverwandlungen ins Treffen führen kann. Doch The End of the Tour überrascht damit, dass er weniger ein gültiges Bild Wallaces in Umlauf bringen will, sondern Raum für Spekulationen lässt. In Jason Segels zurückhaltender Darstellung – er ist durch Komödien wie I Love You, Man bekannt – wird aus Wallace ein im klobigen Körper steckender Feingeist, bei dem man nie ganz sicher sein kann, bis zu welchem Grad er sich vor den Fragen Lipskys (Jesse Eisenberg) versteckt hält. Mit dem spannenden Effekt, dass gerade das Ungefähre der Darstellung die Brüchigkeit der Person zum Ausdruck bringt.

The End of the Tour und Dürrenmatt liefen in Zürich als Galapremieren – eine Sektion, in der man eine allzu eklektische Mischung oft starbesetzter Filme zelebriert. Ansonsten setzt das finanziell gut ausgestattete Festival mehr auf jüngere Filmemacher. Barbara Eders Thank You for Bombing, der schon in Toronto lief, erhielt den Preis der Sektion Schweiz, Deutschland und Österreich. Stephan Richter präsentierte nach San Sebástian auch hier sein Debüt Einer von uns, das sich an der Schießerei von 2009 in einem Kremser Supermarkt anlehnt, bei der ein Jugendlicher von der Polizei getötet wurde.

Multiperspektivisch

Richter scheint sich Gus Van Sants Elephant zum Vorbild zu nehmen, wenn er das Geschehen multiperspektivisch anlegt und sich mit motivischen Zuschreibungen angenehm zurückhält. Statt der sinnlichen Seite betont er den nüchternen Raum: den Beton der Parkplätze, die Produktreihen des Supermarkts, die Nichtorte der nahen Umgebung. Die Jugendlichen wirken darin eher festgeschrieben. Trotz schöner visueller Ideen bleibt dies etwas äußerlich.

Sleeping Giant, das Debüt des Kanadiers Andrew Cividino, bot dazu einen Komplementärfilm. Er vermittelt die Irritationen seiner Protagonisten auch in den Bildern: Die drei Jungs, die sich im nördlichen Ontario mit Mutproben und Stänkereien überbieten, sind unbeständig und erwartungsvoll. Vielleicht deshalb auch so einnehmend. (Dominik Kamalzadeh aus Zürich, 5.10.2015)

  • Wie man einem Idol begegnet und trotzdem ein aufdringlicher Interviewer bleibt: David Lipsky  (Jesse Eisenberg, re.) trifft in  James Ponsoldts "The End of the Tour" auf den enigmatischen David Foster Wallace (Jason Segel).
    foto: zürich filmfestival

    Wie man einem Idol begegnet und trotzdem ein aufdringlicher Interviewer bleibt: David Lipsky (Jesse Eisenberg, re.) trifft in James Ponsoldts "The End of the Tour" auf den enigmatischen David Foster Wallace (Jason Segel).

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