Bildungsphilosoph: "Lernen muss nicht Spaß machen"

Interview5. Oktober 2015, 05:30
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Matthias Burchardt über den Mythos Leistung, das Komplott der "Erleichterungspädagogik" und das Missverständnis, in der Schule eine Agentur zum Humankapitalaufbau zu sehen

STANDARD: "Mythos Leistung?" lautet das Thema der Vortragsreihe, die Sie nach Wien führen wird. Wie ist es um die Leistung, den Leistungsgedanken bestellt?

Burchardt: (lacht) Schlecht. Einerseits wird der Leistungsbegriff überstrapaziert und eine wettbewerbliche Leistungsgesellschaft gefordert, die den Kindern alles Mögliche zumutet und sie im Leerlauf erschöpft. Andererseits finden wir Tendenzen der Erleichterung, dass man sagt, wir müssen Kinder vor allem schützen, was sie fordert, und dann traut man ihnen gar nichts mehr zu, sodass es an der Zeit ist, den Leistungsbegriff einer pädagogischen Klärung zuzuführen, um vor allem auch die ideologische Ausbeutung dieses Begriffs zu befragen.

STANDARD: Politische Ausbeutung – wo sehen Sie die?

Burchardt: Ich würde etwas polemisch von einem Erleichterungskomplott sprechen, das geschlossen wurde zwischen politischen Interessengruppen, die möchten, dass möglichst viele Abschlüsse vergeben werden können – das kriegt man nur hin, indem man die Leistungsansprüche reduziert -, und Wissenschaftern, die in einer reformpädagogischen Richtung denken, man möge den Kindern nichts zumuten, damit sie sich möglichst frei entfalten. Dann gibt es Eltern, die durchaus mit Recht Sorge haben, dass ihre Kinder Schaden nehmen, und sie deshalb fälschlich überbehüten. Und da ist auch noch die OECD, die möchte, dass die Ansprüche der europäischen Bildungstradition nicht mehr zur Geltung kommen, sondern dass ein reduzierter Bildungsbegriff, wie er im angelsächsischen Raum gilt, auch bei uns durchgesetzt wird. Diese Akteure arbeiten an einer Aufweichung des Leistungsbegriffs im Pädagogischen intern und im öffentlichen Ansehen extern.

STANDARD: Wie definieren Sie Leistung? Das, was mit Noten gemessen wird, "Kompetenzen" oder wie?

Burchardt: Da müssen wir erst eine Begriffsklärung vornehmen. Interessant ist ja, dass dieses Erleichterungskomplott mit Messbarkeiten argumentiert. Nun ist jedem nachdenklichen Menschen klar, dass man Bildung überhaupt nicht trainieren, messen oder vergleichen kann wie die Leistung eines Sportlers. Diesen äußeren, auf Messbarkeit zugeschnittenen Leistungsbegriff würde ich als untauglich und inhuman ablehnen und für einen pädagogischen Leistungsbegriff plädieren im Sinne von Leistung als Bewährung: Ich bewähre mich an etwas, da ist etwas, woran die Wahrheit meiner Fähigkeiten zutage kommt, wo ich eine Hürde nehmen, eine schwere Aufgabe lösen muss. Aber ich bewähre mich auch für etwas. Jemand, der sich an Aufgaben bewährt hat, ist auch in der Lage, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Wer sich bewährt, bekommt die Anerkennung, dass er gebraucht wird. Das ist sehr wichtig für junge Menschen in allen Schulformen. Mit so einem pädagogischen Leistungsbegriff werden wir der Person, aber auch den gesellschaftlichen Ansprüchen und der Komplexität der Welt gerecht. Denn es ist ja nicht durch Erleichterungspädagogik aus der Welt zu schaffen, dass die Quantenphysik relativ schwer zu verstehen ist. Das Zutrauen zu Kindern, dass ich sage, du schaffst das, du kannst Leistung erbringen, wird durch diese Pisa- und Kompetenzorientierung zunehmend runtergefahren wird, indem man von den Kindern einen Berg von Trivialitäten verlangt, und die Möglichkeit des Sich-an-etwas-Bewährens im pädagogischen Raum kaum noch gegeben ist. Dafür möchte ich mich starkmachen, weil es auch eine soziale Dimension hat.

STANDARD: Inwiefern?

Burchardt: Der Leistungsgedanke und die Vergabe von Sozialchancen nach Leistung lösen ja ein System des Feudalen ab, wo die Herkunft oder das Geld der Eltern darüber entscheidet, welche Sozialposition jemand einnimmt. Wenn ich den Leistungsgedanken einführe, kann sozialer Aufstieg dadurch möglich werden, dass ich, obwohl ich es von Geburt an nicht gut hatte, denjenigen aussteche, der genau diese bevorzugte Herkunft hat. Das ist eine Form der Gerechtigkeit, die über den Leistungsgedanken hergestellt werden kann. Diese Grundlage sozialer Gerechtigkeit wird aber nivelliert, wenn man sich in der Schule gar nicht mehr bewähren kann, sondern nur noch Leistungsplacebos angeboten werden. Dann spielen tatsächlich wieder Herkunft, soziale Milieus oder die Privatschule eine entscheidende Rolle.

STANDARD: Sind Sie wirklich sicher, dass tatsächlich Leistung das entscheidende Erfolgskriterium in unserer Gesellschaft ist – oder sind es nicht vielmehr die "richtigen" Eltern, das kulturelle Kapital etc.?

Burchardt: Absolut, aber ich möchte, dass das nicht der Fall ist, und deswegen plädiere ich für das Leistungsprinzip, weil ich glaube, dass wir da auf einem bedenklichen Rückweg in vormoderne Zeiten sind. Der Anspruch, über Leistung Sozialchancen zu vergeben, ist natürlich nie in vollem Umfang verwirklicht worden, aber er wurde ernst genommen. Die Schule hat in der Nachkriegszeit eine gewisse soziale Mobilität ermöglicht. Diese positiven Tendenzen werden zunichtegemacht durch das Pisa- und Kompetenzregime. Deshalb plädiere ich für Leistung, auch wenn ich sie nicht für das einzige Wundermittel halte, denn letztlich kann man sozialpolitische Fragen nicht nur durch Bildungspolitik lösen. Da muss man auch sozialpolitisch aktiv werden.

STANDARD: Sie referieren über "Ansprüche der Schule". Ist es nicht eher so, dass Kinder einen Anspruch auf eine bestimmte Schulqualität haben bzw. Eltern Anspruch auf eine Leistung der Schule als Dienstleistungsunternehmen erheben?

Burchardt: (lacht) Das ist ein ganz grobes Missverständnis, dass man die Schule sozusagen als Agentur zum Aufbau von Humankapital missversteht. Aber die Humankapitaltheorie stellt ja die Frage nach der Leistung im Horizont eines Marktes. Das sehen wir an diesen Fernsehshows, wenn jemand etwas freakmäßig Absurdes kann, hat er dafür einen Markt und erreicht damit Wohlstand und Popularität, obwohl er im Grunde keine Leistung erbracht hat. Und andere arbeiten hart und redlich, um immerhin am Existenzminium existieren zu können. Ich halte es für eine gefährliche Entwicklung, diese Leistungsansprüche allein vor dem Kriterium des Marktes zu beurteilen, weil es noch ein marktunabhängiges Kriterium gibt: die Ansprüche, die das Leben an uns stellt. Wir müssen uns nicht nur in der Arbeit bewähren, sondern auch in der Kultur, in der Gesellschaft, im demokratischen Raum. Aber auch existenziell müssen wir uns bewähren an Lebenskrisen, und da ist Bildung gefragt, die eben nicht marktabhängig ist. Es gibt unverfügbare Faktoren in jeder Biografie, die uns fordern. Wir brauchen dazu Wissen und Urteilskraft, Fertigkeiten und Horizonte. Die wohlverstandene Leistungsschule bildet da eine wesentliche Bewährungsprobe. Sie hat deshalb schon unbedingt das Recht, sogar die Pflicht, jedes Kind zu seinem eigenen Wohl in Anspruch zu nehmen.

STANDARD: Ist der Leistungsdruck auf Kinder tatsächlich gestiegen?

Burchardt: Es stimmt, die Kinder sind überfordert, sie werden zeitlich sehr in Anspruch genommen, sie müssen unglaublich viele Lernorganisationsleistungen vollbringen, die ursprünglich zur Verantwortung der Lehrer gehörten. Dass Eltern da Erschöpfung feststellen und denken "Ach, das liegt am Leistungsdruck", ist naheliegend. Letztlich aber ist das, was den Kindern abverlangt wird, nicht wirklich im Sinne einer Bewährung an einer Sache, sondern es sind oft pädagogische Irrwege, wie das selbstgesteuerte Lernen. Auch die zeitliche Ausdehnung der Schule in den Nachmittag ist eine Überforderung, die dem Kind Zeit zur Muße und für außerschulische Bildung nimmt. Insofern arbeiten Stressoren aus der bis zur Hysterie reformierten Pisa-Schule und Erleichterungsideologien Hand in Hand.

STANDARD: Was verstehen Sie denn unter "Erleichterungspädagogik"?

Burchardt: Ein Beispiel: Normalerweise würde man sagen, die Welt ist komplex, und die Aufgabe des Pädagogen ist eine Vereinfachung, die diese Komplexität aber nicht zerstört, sondern ermöglicht, indem sie einen Weg dorthin ebnet, wo das Kind nun einmal aus eigener Kraft hinmuss. Inzwischen ist es so, dass man für Vereinfachung der Sachansprüche plädiert. So gibt es einen Verein, der ernsthaft fordert, man solle die gebräuchlichen Zahlwörter ändern, um das Rechnenlernen zu erleichtern: Alle sollen demzufolge "zwanzigeins" sagen und nicht "einundzwanzig". Statt also dem Kind den Weg in die Komplexion zuzutrauen, werden kulturelle Gepflogenheiten infrage gestellt. Meine Sorge ist, dass diese Erleichterungspädagogik zu einer Simplifikation der Kultur und letztlich zu einer Verdummung der Menschen und einem Verlust von Emanzipation, von Souveränität im Umgang mit der Welt und den sozialen Problemen führt.

STANDARD: Was zählen Sie noch zu "Erleichterungspädagogik"?

Burchardt: Der Satz "Das Kind da abholen, wo es steht" ist gängig, aber eigentlich Blödsinn. Das Kind steht. Warum soll es sich nicht auf mich und die Welt zubewegen? Daran sieht man schon: Pädagogik als Busunternehmen. Ich fahre dich zum Ziel und erspare dir jede Anstrengung.

STANDARD: Früher hörte man oft den Satz "Ohne Fleiß kein Preis". Das hat sich irgendwie aufgehört. Zu Recht? Oder ist Fleiß eine Dimension, die im Zusammenhang mit Leistung gedacht werden muss?

Burchardt: Absolut. Fleiß, Anstrengung – das ist kein Selbstzweck. Ich finde es schrecklich, wenn man sagt, Schule muss den Kindern Spaß machen. Lernen muss nicht Spaß machen. Fernsehen oder Spielen machen Spaß. Erfolg kann Freude machen, die Freude nach einer Anstrengung, sich an etwas bewährt zu haben, ist durch kein Spaßmedium zu ersetzen. Wir betrügen die Kinder um diese Erfahrung, wenn die Schule auf herausfordernde Leistungsansprüche verzichtet. (Lisa Nimmervoll, 5.10.2015)

Matthias Burchardt (49) studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an der Uni Köln und lehrt dort am Insti-tut für Bildungsphilosophie, Anthropo- logie und Pädagogik. Am 14. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3B) referiert er im Rahmen der vom Arbeitsbereich Fachdidaktik Psychologie – Philosophie von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Mythos Leistung?".

Link: Vortragsreihe "Mythos Leistung?" – ReferentInnen, Themen und Termine

  • Ja, Lernen muss keinen Spaß machen, kann es aber – etwa wenn Frida (re.) und Amina im Motorikpark Wien herumtollen.
    foto: heribert corn

    Ja, Lernen muss keinen Spaß machen, kann es aber – etwa wenn Frida (re.) und Amina im Motorikpark Wien herumtollen.

  • "Der Satz ,Das Kind da abholen, wo es steht', ist gängig, aber eigentlich Blödsinn. Warum soll es sich nicht bewegen?", fragt Bildungsphilosoph Matthias Burchardt.
    foto: petri

    "Der Satz ,Das Kind da abholen, wo es steht', ist gängig, aber eigentlich Blödsinn. Warum soll es sich nicht bewegen?", fragt Bildungsphilosoph Matthias Burchardt.

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