Friedensnobelpreis: UNHCR und Merkel zählen zu den Favoriten

4. Oktober 2015, 15:17
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Jury gibt Entscheidung am Freitag in Oslo bekannt – 276 Nominierungen

Oslo/Berlin – Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat auf der ganzen Welt viel Lob für ihre Flüchtlingspolitik bekommen. Während es in Deutschland mehr und mehr kritische Stimmen gibt, wird Merkels Entscheidung, Zehntausende über Ungarn gekommene Flüchtlinge aufzunehmen, international als großzügige und moralisch vorbildliche Geste gefeiert. Deshalb hat die Kanzlerin nach Meinung von Experten in diesem Jahr gute Chancen auf den Friedensnobelpreis, dessen Träger am Freitag in Oslo bekannt gegeben wird.

Merkel habe in der Flüchtlingskrise "moralische Führungsstärke" gezeigt und der Diskussion in Europa mit ihrer "Wir schaffen das"-Politik einen völlig neuen Dreh gegeben, meint der Leiter des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, Kristian Berg Harpviken. Der Norweger gehört zu den wenigen Experten weltweit, die sich alljährlich mit einer Favoritenliste an die Öffentlichkeit wagen – einen Treffer landete er allerdings noch nie.

Merkel will sich nicht äußern

Merkel selbst sagte zu Medienberichten über ihre mögliche Auszeichnung, es sei nicht die Presse, die den Friedensnobelpreis vergebe. Sie konzentriere sich auf ihre politische Arbeit. "Und da haben wir alle Hände voll zu tun", sagte die Kanzlerin und nannte etwa den Umgang mit den vielen Flüchtlingen in Deutschland.

Insgesamt verzeichnete das Nobelkomitee in diesem Jahr 276 Nominierungen, zwei weniger als 2014. Die Kandidatenliste ist streng geheim, trotzdem gibt es jedes Jahr eifrige Spekulationen über die Entscheidung des Nobelkomitees. Als weitere aussichtsreiche Anwärter gelten diesmal die kolumbianische Regierung und die linken FARC-Rebellen, die nach jahrzehntelangen Kämpfen Friedensverhandlungen führen, und die russische Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta".

UNHCR als Favorit

Auf der von norwegischen Nobel-Historikern betriebenen Internetseite Nobeliana.com steht die "Nowaja Gaseta" auf Platz zwei der Favoritenliste. Auf dem ersten Platz sehen die Experten das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR – zusammen mit dem eritreischen Priester Mussie Zerai, der mit seiner Hilfsorganisation tausenden Bootsflüchtlingen geholfen hat.

Zum Favoritenkreis werden außerdem der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif und sein US-Kollege John Kerry gezählt, die zusammen das historische Abkommen im Streit um das iranische Atomprogramm aushandelten. Auch Papst Franziskus, der Arzt Denis Mukwege, der tausende Vergewaltigungsopfer in der Demokratischen Republik Kongo behandelte, und die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) gehören zu den Kandidaten.

Im Vorjahr gewann Kinderrechtsaktivistin

Im vergangenen Jahr hatte die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai den Friedensnobelpreis bekommen, zusammen mit dem indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi. 2009 war US-Präsident Barack Obama mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden, im Jahr 2012 die EU.

Die diesjährige Nobel-Saison beginnt am Montag um 11.30 Uhr in Stockholm mit der Bekanntgabe des Nobelpreises für Medizin, am Dienstag folgt der Nobelpreis für Physik, am Mittwoch für Chemie. Am Donnerstag wird traditionell der Nobelpreis für Literatur vergeben, einen Tag später wird in Oslo der Friedensnobelpreisträger verkündet. Am darauffolgenden Montag wird der Nobelpreis für Wirtschaft vergeben.

Verliehen wird der Friedensnobelpreis dann am 10. Dezember in Oslo. Der Preis ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (rund 856.000 Euro) dotiert. (APA, 4.10.2015)

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