An seine Grenzen stoßen

Kolumne4. Oktober 2015, 17:00
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Wie wird man am besten 100 und ein besserer Mensch? Was wir beim Vögelbeobachten lernen können

Heute morgen bin ich aufgewacht vom dumpfen Geräusch, das es macht, wenn ein kleiner Vogel gegen eine Glasscheibe fliegt. Und noch bevor ich mein Vogelbestimmungsbuch "Welcher Vogel ist das?", das ich immer bemühe, wenn es um Vögel geht, zur Hand nehmen konnte, dachte ich: "Dummer Vogel!"

Ich hatte Angst, den Vorhang beiseite zu schieben und linste nur ein bisschen raus. Da stand er, am Holzstapel vor dem Schlafzimmerfenster, klein und zerbrechlich und offensichtlich noch ganz belämmert vom Aufprall. Ich wusste nicht, ob er jetzt gleich tot umfallen würde oder nicht. Unter seinem grünlichen Gefieder konnte man sein aufgeregtes Vogelherz pulsieren sehen.

Jeden Weg zu Fuß geflogen

Ich schloss den Vorhang und legte mich wieder ins Bett. So schnell kann alles vorbei sein. Da segelst du eines schönen Morgens durch die Gegend, denkst dir nichts und zack! Bumm! Übersiehst eine unsichtbare Scheibe und brichst dir dein Genick. Auf Wiedersehen! Da helfen auch die besten Vorsätze nichts. Vielleicht hat sich der kleine Vogel auch vorbildlich ernährt, ist jeden Weg, den er zu erledigen hatte, wenn schon nicht zu Fuß gegangen, aber immerhin zu Fuß geflogen, hat sich genügend Schlaf gegönnt und regelmäßig meditiert, um – in Vogeljahren gerechnet – mindestens 100 Jahre alt zu werden.

Und überhaupt: Die Welt, was für ein furchtbarer Platz. Überall stoßen Lebewesen an Grenzen. Prallen auf Widerstand und Zurückweisung. In letzter Zeit besonders. Und wir? Wenn wir uns am Heldenplatz nicht gerade einig sind, dass alles so nicht weitergehen kann, dann schauen wir trotzdem weg, ziehen die Vorhänge zu. Gut schlafen kann man da nicht mehr.

47 Jahre, um ein besserer Mensch zu werden

Zu meiner eigenen Beruhigung und, weil Menschen eben Egoisten sind, bemühe ich noch im Liegen irgendeinen Lebenszeitrechner online, dem ich meinen Nettoverdienst und meine Ernährungsgewohnheiten anvertraue und auch nicht verheimliche, dass ich immer noch ein bisschen rauche. 91,33 Jahre werde ich alt, sagt das Testergebnis. Falls ich nicht irgendwo blöd dagegen pralle, versteht sich.

"Die haben einen Vogel" habe ich früher gedacht und alle Birdwatcher milde belächelt. Heute liegen Bücher mit dem schönen Titel "Ornithomania" neben meinem Bett: "Vögel anzuschauen ist ein Schlüssel", steht da geschrieben, "es öffnet Türen, und wenn Du Dich dazu entscheidest einzutreten, wirst du das Leben mehr genießen und besser verstehen können." Und wer will das Leben nicht besser verstehen?

Deswegen stehe ich auch auf, wer weiß, vielleicht braucht der Vogel meine Hilfe. Ich schiebe den Vorhang beiseite. Und siehe da: Er hat den Aufprall überlebt. Ist weiter geflogen. Vielleicht nach Deutschland? Was für ein gutes Omen, denke ich: 91,33 Jahre. Also noch einmal 47 Jahre auf der Welt. Zum Beispiel, um Vögel zu beobachten. Und natürlich auch, um ein besserer Mensch zu werden. (Mia Eidlhuber, 4.10.2015)

  • Von Vögeln kann man so einiges für das eigene Leben lernen.
    foto: apa / buchner

    Von Vögeln kann man so einiges für das eigene Leben lernen.

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