Abgasskandal: Erste Geständnisse von VW-Ingenieuren

4. Oktober 2015, 12:45
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Aufsichtsratschef sieht Krise als "existenzbedrohend" an – VW zahlt Subventionen zurück

Wolfsburg – Im Skandal um die Manipulation von Abgaswerten beim deutschen VW-Konzern gibt es Medienberichten zufolge erste Geständnisse. Laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" hätten mehrere VW-Ingenieure hätten bei Befragungen übereinstimmend ausgesagt, die Manipulations-Software im Jahr 2008 installiert zu haben.

Volkswagen hat zugegeben, die Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen mit einer Software manipuliert zu haben. Nach Konzernangaben sind weltweit bis zu elf Millionen Fahrzeuge betroffen.

"Existenzbedrohend"

Der designierte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sieht den deutschen Autobauer wegen des Abgasskandals indessen in einer äußerst prekären Lage. Pötsch habe bei einer internen Veranstaltung in Wolfsburg von einer "existenzbedrohenden Krise für den Konzern" gesprochen, berichtete die Zeitung "Welt am Sonntag".

Demnach sei er aber sicher, das "kriegen wir hin", wenn alle mitzögen. Dem Bericht zufolge steht auch das geplante Investitionsbudget von mehr als 100 Milliarden Euro bis 2018 auf dem Prüfstand. Da sei viel Luft zum Sparen, zitierte die Zeitung einen Insider. Auch im Sommer 2014 gestartete Effizienzprogramme sollten noch mal verschärft werden. VW lehnte eine Stellungnahme ab.

Kurz vor der Serienproduktion

Zu diesem Zeitpunkt habe der Dieselmotor EA 189, der bei VW seit 2005 entwickelt worden war, kurz vor der Serienproduktion gestanden. Damals sei keine Lösung gefunden worden, mit der sowohl die Abgasnormen als auch die Kostenvorgaben für den Motor eingehalten worden wären. Deshalb sei entschieden worden, die Manipulations-Software zu verwenden, gaben die VW-Ingenieure laut dem "BamS"-Bericht zu Protokoll. Anderenfalls hätte demnach das für den Konzern überaus wichtige Motorenprojekt gestoppt werden müssen.

Die manipulierten Motoren waren weltweit in Diesel-Fahrzeugen von VW eingebaut worden. In Österreich sind 363.000 Autos betroffen.

Unklar, wer Anweisung gab

Unklar ist laut "BamS" weiterhin, wer die Anweisung zur Installation der Manipulations-Software gab. In den Befragungen durch die VW-Konzernrevision hätten mehrere Ingenieure Vorwürfe gegen den damaligen Entwicklungschef Ulrich Hackenberg erhoben. Dieser habe vom Betrug gewusst und ihn angeblich sogar in Auftrag gegeben. Zu seiner Rolle lägen allerdings widersprüchliche Aussagen vor, berichtete die Zeitung. Audi-Vorstand Hackenberg, der jahrelang bei VW als Entwicklungschef tätig war, war vor einer Woche beurlaubt worden. Laut "BamS" wollte er sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Wie die "BamS" weiter berichtete, verwendete Volkswagen für die Manipulationen auch eine Software des Zulieferers Continental. Während bei den in Nordamerika eingesetzten 2,0-Liter-Dieselmotoren Bosch-Technologie eingesetzt wurde, habe VW bei der kleineren 1,6-Liter-Variante auf Motorsteuerungen, Einspritzpumpen und Einspritzdüsen von Continental zurückgegriffen.

Continental involviert?

Continental-Sprecher Felix Gress sagte der "BamS", sein Unternehmen habe keine Hinweise auf einen Missbrauch seiner Technik gehabt: "Die von uns gelieferte Software konnte keine Abgaswerte manipulieren." Das umstrittene Programm für die Zulassungstests habe VW eigenständig hinzugefügt.

Gemeinsam mit den Zulieferern bereitet Volkswagen derzeit eine Rückrufaktion vor, um die verbotene Technik aus den Diesel-Fahrzeugen zu entfernen. Während bei der Bosch-Software offenbar ein Computer-Update in der Werkstatt genügt, wird es beim Continental-System laut "BamS" teurer und aufwendiger, da auch beim Motor Veränderungen erforderlich seien. So sollen unter anderem Einspritzdüsen ausgetauscht werden.

Schulz sieht "Anschlag auf Standort Deutschland"

Zu Wort gemeldet hat sich auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der den deutschen Autobauer mit scharfen Worten attackiert. "Das war ein Anschlag auf den Standort Deutschland, auf viele Tausend Kunden und Arbeitnehmer", sagte der deutsche SPD-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Deutchlands Kanzlerin Angela Merkel sagte hingegen in einem Radiointerview, die Affäre habe die Reputation des deutschen Standortes nicht erschüttert.

Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg will den Autobauern mit unangekündigten Prüfungen auf den Zahn fühlen. "Wir brauchen im Verkehr so etwas wie die unangemeldeten Dopingkontrollen", sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart.

Großbritannien stellt Förderung für Diesel in Frage

Wegen des VW-Skandals stellt Großbritanniens Regierungschef David Cameron Subventionen für Diesel-Fahrzeuge in Frage. Er sagte der Zeitung "The Sunday Telegraph", dass seine Regierung es für möglich halte, die Fördermittel zu überprüfen.

2001 hatte der damalige Finanzminister Gordon Brown niedrigere Steuern für Dieselfahrzeuge in der Annahme beschlossen, dass sie die Umwelt weniger verschmutzen. Mit Blick auf Volkswagen, sagte Cameron, es sei "falsch von dem Autobauer gewesen, die Regeln zu brechen". In Großbritannien wurden bei 1,2 Millionen VW-Fahrzeugen die Abgaswerte manipuliert.

In Spanien werden Subventionen zurückbezahlt

In Spanien zahlt VW die Subventionen zurück. Das Land hatte Verbraucher beim Kauf eines schadstoffarmen Autos mit 1.000 Euro je Fahrzeug unterstützt. Die italienische Regierung lässt einem Medienbericht zufolge nach dem VW -Abgasskandal Diesel-Fahrzeuge von acht führenden Autoherstellern überprüfen. In etwa zehn Tagen werde mit Abgastests bei ungefähr 80 Modellen begonnen, berichtete die Zeitung "Il Sole 24 Ore" am Samstag unter Berufung auf Unterlagen des Verkehrsministeriums.

Voraussichtlich würden etwa 1000 Neu- und Gebrauchtwagen überprüft, darunter die in Italien am weitesten verbreiteten Volkswagen-Diesel-Autos sowie Modelle von sieben Konkurrenten der Wolfsburger. Mit Ergebnissen sei im kommenden Mai zu rechnen. (APA, Reuters, 4.10.2015)

  • Wegen VW wird in Großbritannien die grundsätzliche Sinnhaftigkeit von Förderungen für Diesel diskutiert
    foto: apa/epa/patrick pleul

    Wegen VW wird in Großbritannien die grundsätzliche Sinnhaftigkeit von Förderungen für Diesel diskutiert

  • Der designierte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch soll in tern von einer existenzgefährdenden Lage gesprochen haben
    foto: epa

    Der designierte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch soll in tern von einer existenzgefährdenden Lage gesprochen haben

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