Trendiger Sport, viel Spaß und flottes Spiel mit getunten Bikes

Fotoreportage7. Oktober 2015, 10:59
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Hardcourt-Bike-Polo steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen. Die junge und doch auch alte Sportart gilt als eine der am stärksten boomenden im urbanen Raum. Ein Lokalaugenschein bei den Staatsmeisterschaften auf der Schmelz

"Linzerschnitten ready? Salzburger Nockerl ready? Go on whistle!" Ein Pfiff und prompt treten zwei Akteure wie wild in die Pedale, rasen aufeinander zu, visieren dabei einen Kunststoffball an, der zwischen ihnen auf der Mittelauflage eines Platzes liegt und versuchen ihn vor dem Gegenspieler zu erreichen. Das Spiel ist eröffnet.

Bei traumhaftem Herbstwetter auf der Wiener Schmelz werden die Staatsmeister im Hardcourt-Bike-Polo gesucht und später natürlich auch gefunden. Vierzehn Dreier-Teams aus Wien, Graz, Linz und Salzburg treten mit speziell getunten Bikes und teilweise aus Skistöcken und PVC-Rohrstücken selbst gebastelten Schlägern an.

Neben einem Frauenteam sind auch gemischte und reine Männerteams dabei. Das war aber nicht immer so, sagt die Obfrau von Bike Polo Wien, Conny Zenk, die letztes Jahr mit ihrem Team Westcoast noch als einzige Frau bei der österreichischen Meisterschaft vertreten war. "Heuer sind bereits sechs Spielerinnen aus Wien und eine aus Nürnberg dabei. Und seit diesem Jahr hat Wien mit den Lumberjanes auch eine reine Frauenmannschaft", so die Medienkünstlerin, die seit heuer im Team l.a.s.e.r. (lonesome.anarchists.seeking.euphoric.riot) unterwegs ist.

foto: standard/hirner
Ausrüstung.

Bei rasanter Fahrt wird gedrängt, geblockt, sogar gecheckt. Wege anderer werden geschnitten. Die Pfeife aber bleibt stumm. Alles regelkonform und daher ohne Konsequenzen. Schläger krachen zusammen. Gegenspieler und deren Räder werden allerdings nicht mit dem Spielgerät behandelt. Und Rammen gilt auch nicht. Passiert doch einmal Unerlaubtes, dann "gibt es Vorteil für das benachteiligte Team, im schlimmsten Fall Zeitstrafen für den Übeltäter", sagt Gernot Gruber, Obmann des erst heuer gegründeten Vereins Bike Polo Graz.

Der angehende Doktor der Technischen Physik wünscht sich, dass sich mehr Menschen für diesen Sport interessieren und dass er aus dem aktuellen Status – "ein paar Leute spielen auf einem versteckten Platz und niemand sieht das" – heraus wächst und sich auch in Österreich weiterentwickelt. Denn viele Aktive aus den Hochburgen in den USA/Kanada, Frankreich, Deutschland, England und der Schweiz haben einen Vorsprung.

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Conny Zenk (li) beim Verhindern einer Offensivaktion.

Andererseits können sich Wachstum und Entwicklung auch negativ auswirken. "Weil es doch, so wie es ist, schon etwas besonderes ist", sagt der Mitorganisator der Staatsmeisterschaften. "Aktuell kann jeder mitspielen, die komplette Szene ist eins. Die Besten und die weniger Guten sind alle unter einem Deckel. Es ist ein Community-Ereignis". Viele kommen aus der Fahrradkurier-, Bikekitchen- und Critical-Mass-Szene, allesamt Radler aus dem urbanen Bereich, die zum Spaß damit angefangen haben.

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Der springende Obmann Gernot Gruber (li).

Seitwärtssprünge und artistische Wendemanöver auf engstem Raum begeistern das spärlich vorhandene aber leidenschaftliche Publikum auf dem Inlinehockey-Platz der Schmelz. "Auch bei der EM vor zwei Wochen in Saragossa bestand das Publikum zu 95 Prozent aus Spielern, es gab Schlachtgesänge und Pyrotechnik, es war ein Hexenkessel", sagt Gruber.

Auch wenn der Spaßfaktor im Vordergrund steht, so geht es doch auch in Wien mit großem Einsatz und Engagement zur Sache. "Generell kann man behaupten, dass sich im Bike Polo weltweit noch einiges tun wird. Single Player Skills steigern sich von Jahr zu Jahr, nach und nach werden neue Regeln, die den Spielfluss fördern, entwickelt, und im Bereich Teamplay ist nach oben hin noch einiges offen", sagt Zenk. Plötzlich ein Pfiff, die zehn Spielminuten sind schnell um, hätte ein Team in weniger Zeit fünf Tore geschossen, wäre die Partie noch rascher erledigt gewesen.

Bei der EM in Saragossa hat Gruber mit einem weiteren Grazer und einem Wiener Platz 25 erreicht und damit für das bisher beste Ergebnis eines österreichischen Teams bei Europameisterschaften gesorgt. "Das Toplevel ist schon sehr sportlich, die Leute sind sehr ambitioniert, trainieren sehr viel. Wir sind ein bissl hinten nach. Wäre eine deutsche Mannschaft da, würden sie das Turnier total zerlegen", sagt Gruber, der mit seinem Team One Got Fat zweimal die Woche auf einem Platz neben einer Schule mit provisorischen Banden trainiert. Ihre Ausrüstung aber ist eine gute. "Wer bei großen Turnieren antritt, hat entsprechende Ausrüstung. Wenn du professionell Tennis spielst, baust du dir deinen Schläger auch nicht selbst".

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Schlägercheck.

"French Toast ready? Lumberjanes ready? Go on whistle!" Und wieder flitzen zwei Akteure von den hinteren Begrenzungen ihrer Spielhälfte aufeinander zu. Vergleiche mit dem Tjosten, dem Lanzenstechen der Ritter, sind nicht angebracht, schließlich ist der Ball und nicht der Gegner das Ziel.

Plötzlich ein Sturz. Gebannte Blicke und Stille im Publikum. Die Hintergrundmusik, die dezent aus einem Lautsprecher dringt, hat plötzlich für einen Moment das akustische Kommando übernommen. Weiter geht's. Der Akteur eilt nach dem Bodenkontakt zur seitlichen Begrenzung der Mittellinie, klopft mit dem Schläger an die Bande und ist wieder im Spiel. Absteigen gilt nicht!

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Boxenstopp.

Außerhalb des Spielfelds wird ein verdrehtes Knie begutachtet, eine abgerissene Kette repariert, ein löchriger Schlauch ersetzt, werden durch Schüsse gerissene Speichen bedauert. Das Wechseln ist nicht lustig. Scheibenräder bieten diesbezüglich Schutz.

Gruber war heuer neben der EM, bei der auch Zenk teilnahm, schon bei Turnieren in Turin, Prag, Berlin, Hannover, Ulm, München, Budapest. Er verbindet Sport und Reisen. Das Blöde daran: "Du fährst weit, bist das ganze Wochenende am Court und hast von der Stadt praktisch nichts gesehen".

Die Community organisiert sich via Facebook. Das wird auch bei der WM so sein, die heuer erstmals in Neuseeland steigt. Neben regionalem Spiel gibt es seit drei Jahren auch die Monarchy Laegue, bei der Teams aus Tschechien, Südpolen, Ungarn, Rumänien, Kroatien, Slowenien und Österreich aufeinander treffen. "Bike-Polo-Leute sind cool drauf, helfen sich, wo sie können und sind international vernetzt. Es gibt auch immer lustige Outfits, die Mehrheit nimmt alles nicht ganz so ernst", erzählt Gruber.

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Zuschauer.

Wäre Professionalisierung denkbar? "Ich weiß nicht, ob es realistisch ist. Es hat Showevents in den USA gegeben. Der Sport hat Potenzial, aber der Event hat nicht wirklich funktioniert. Es ist nicht so, dass Red Bull gleich aufspringen würde. Da braucht es vielleicht auch noch Zeit".

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Speichencheck.

Mit finanzieller Unterstützung und geeigneter Infrastruktur sieht es düster aus. "Die Wiener haben um Förderungen angesucht, wurden aber mit der Begründung, dass Bike Polo keine anerkannte Sportart wäre, abgewiesen. Obwohl sie beim ASKÖ sind", bedauert Gruber.

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Mittagspause.

Die nur scheinbar junge Sportart hat eine bemerkenswerte Geschichte. Das historische Radpolo auf Rasen wurde 1891 in Irland vom ehemaligen Radsportler und Journalisten Richard J. Mercredy erfunden. Bei den Olympischen Spielen 1908 in London stieg sogar ein Demonstrationsspiel. Für die Spiele 1916 in Berlin, die wegen des Ersten Weltkriegs nicht stattfanden, war ein eigenes Turnier geplant.

Radpolo wurde im Laufe der Geschichte mehrmals neu erfunden. So zum Beispiel das Zweier-Polo, das vorwiegend von Frauen in Hallen gespielt wird. Radpolo wurde 2001 vom Internationalen Radsport-Verband UCI anerkannt.

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Attacke.

Die Geburtssstunde für Hardcourt-Bike-Polo, das von Dreierteams auf Beton oder Asphalt gespielt wird, schlug offiziell 1999 in Seattle, als Radboten in Arbeitspausen mit selbst gebastelten Schlägern gegeneinander antraten. Seit 2009 gibt es Welt- und Europameisterschaften. Mittlerweile wird in rund 400 Städten auf allen Kontinenten gespielt und Hardcourt-Bike-Polo gilt als eine der am raschesten wachsenden urbanen Sportarten weltweit. Ob diese Form des Polos schon am Radar der UCI ist, ist nicht bekannt.

Wieder ein Pfiff, Spielende. Die Akteure bringen ihre Bikes, allesamt eher für niedrige Geschwindigkeiten übersetzt und nur mit einem Gang und einer Bremse ausgestattet, vom Platz. Der Schutz der Bremsscheiben durch einen Bügel zahlt sich aus, der Kunststoffball hat, gut getroffen, zerstörerische Wirkung. Fixies haben sich wegen Balanceproblemen beim Schießen nicht bewährt.

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Bremsscheibenschutz.

"Molotov ready? CHIM PAM PUM ready? Go on whistle!" Ein weiteres von vielen Spielen an einem langen Tag läuft. Stunden später werden sich One Got Fat und Sorry not Sorry, also Graz und Wien gegenüberstehen und das Finale um den Titel bestreiten. Zwei weitere Wiener Teams, The Lefty Agency und l.a.s.e.r. werden dann schon im Halbfinale ausgeschieden sein. Die Grazer werden mit einem 3:0-Erfolg Staatsmeister 2015 werden und Gruber wird sich freuen: "Zum dritten Mal im Finale, endlich gewonnen!" (Thomas Hirner, 7.10.2015)

derstandard.at/müller
Aus der Serie Bewegungstrends: Bikepolo – Polo ohne Polohemd.
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Bike Polo in Seattle.
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