Lost-Art-Datenbank: Am digitalen Pranger

2. Oktober 2015, 18:52
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In der Lost-Art-Datenbank gelistete Kunstwerke sind unverkäuflich. Ein digitaler Pranger, für den das "Deutsche Zentrum Kulturgutverlust" in der Causa Grünbaum jahrelange Provenienzforschung ignoriert

Ausgerechnet in der Weihnachts- und der Neujahrsausgabe, resümierte Diethard Leopold die "bösartige Choreografie" der in der New York Times publizierten "Darstellung voll inkriminierender Mutmaßungen", wie er es in der Biografie seines Vaters nannte. Schließlich waren zwei Gemälde aus dem Fundus Rudolf Leopolds, die bei der Schiele-Retrospektive im Museum of Modern Art (Moma) gastierten, beschlagnahmt worden: das Bildnis Wally und Tote Stadt III.

Die Artikel hatten eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die abseits internationaler Abkommen (Washingtoner Principles), nationaler Gesetze (Bundeskunstrückgabegesetz) und zahlreicher Restitutionen der Forschung eine Zäsur bescherte.

Hatte man Vorbesitzern von Kunstwerken einst nur sporadisch Bedeutung beigemessen, gilt die lückenlosen Dokumentation im weltweiten Handel mit Kunst seither als Qualitätsmerkmal.

Beide Gemälde kehrten in die Sammlung Leopold zurück: Wally erst nach einer Einigung mit den Erben 2010, Tote Stadt III bereits 1999. Denn jene Familie, die damals Anspruch erhob, hatte sich als nicht erbberechtigt erwiesen. Die Ansicht Krumaus war einst in der Sammlung Fritz Grünbaums beheimatet. Der 1938 deportierte Kabarettist verstarb 1941 in Dachau, seine Ehefrau Elisabeth wurde 1942 in Maly Trostinec ermordet.

Das weitere Schicksal der Sammlung liegt bis heute teils im Dunkeln. Gesichert ist, dass Grünbaums Schwägerin Mathilde Lukacs von 1952 an (bis 1956) 72 Werke Egon Schieles an Kornfeld & Klipstein (Basel) veräußerte.

Darunter war auch Tote Stadt III, das Otto Kallir (New York) im Herbst 1956 kaufte, wo es Rudolf Leopold 1958 im Tausch gegen andere Kunstwerke erwarb. Die Stiftung ist im Besitz mehrerer dieser Provenienz zuordenbarer Werke: drei nachweislich, fünf mutmaßlich. Der Bestand wurde erforscht, das vom Ministerium eingesetzte Gremium entschied im Herbst 2010: keine NS-Raubkunst.

Jahrelange Forschung

Vermutlich dürfte die Kollektion im Verfügungsbereich der Familie geblieben sein. Selbst wenn, wie auch von der Israelitischen Kultusgemeine argumentiert, Lukacs nicht erbberechtigt gewesen sei, läge juristisch gesehen kein Tatbestand für NS-Entzug vor.

Für die am 15. Oktober anberaumte Sitzung der Kommission für Provenienzforschung wird der Beschluss für zwei in der Albertina befindliche Schiele-Blätter erwartet. Ob sich in dem knapp 100-seitigen Dossier neue Erkenntnisse verstecken, ist ungewiss. Gesichert ist, dass sich in der international durchleuchteten Causa bislang kein einziger Beleg für eine Entziehung oder Beschlagnahme fand – auch nicht im Zuge dreier Gerichtsverfahren (2005-2011) in New York.

Den Wiener Genealoge Herbert Gruber beeindruckt das alles nicht. Anfang Juli kündigte er rechtliche Schritte gegen die Republik in den USA an. Noch folgte der Drohung keine Klage, die von vielen als aussichtslos bewertet wird. Untätig blieb Gruber, der seit 1998 mit der Hoerner Bank die Erben nach Grünbaum vertritt, nicht.

Dahinter stehen freilich finanzielle Interessen, gemeinsam mit der deutschen Bank beansprucht man 33 Prozent vom Wert des Erbes. Und damit auch ein Drittel vom Verkaufswert eines Kunstwerkes, dem eine Einigung mit Vorbesitzern vorangeht.

Deals, für die Gruber in der Wahl seiner Mittel nicht gerade zimperlich ist und einige Erfüllungsgehilfen vorweisen kann. Christie's etwa, wo man 2014 über die Versteigerung eines Schiele-Aquarells indirekt alle Werke mit dieser Provenienz als Raubkunst deklarierte. Dem Vernehmen nach verweigert Christie's die Verwertung aktuell sogar dann, wenn es außer einer Mutmaßung Grubers keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Beweislast

Verwiesen wird dabei auf die Lost-Art-Datenbank. Der Haken: Die Angaben für die Einträge werden dort nicht überprüft, sondern nur übernommen. Nachweisbar in der Causa Grünbaum. Die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverlust ignoriert damit die Ergebnisse jahrelanger Provenienzforschung und verantwortet, flapsig formuliert, einen digitalen Pranger. Davon betroffen sind die Sammlung Leopold, die Albertina, das Moma, die Neue Galerie (New York) und das Art Institute Chicago, auch zahlreiche Privatsammler. Sie sind gezwungen, die Rechtmäßigkeit ihres Besitzes zu beweisen. Erst dann folgt eine mit dem "Melder" akkordierte Überprüfung. Über die Löschung entscheidet alleine Herbert Gruber.

234 Treffer liefert eine Lost-Art-Abfrage derzeit, darunter Kurioses wie "dekoratives Ölbildchen", Maße und Künstler unbekannt. Denn, bestätigt Gruber, er habe alles gemeldet, was über die Schätzliste dokumentiert sei, die der Vermögensanmeldung Fritz Grünbaums beigelegt war. Zusätzlich auch Werke, die unter dieser Provenienz in den 1920er-Jahren ausgestellt wurden. Präventiv sogar solche, die Kornfeld in den 1960er-Jahren versteigerte und die Grünbaum womöglich gar nie besaß. (Olga Kronsteiner, Album, 2.10.2015)

  • Die Sammlung Fritz Grünbaums ist ein komplizierter Fall. In jahrelanger Provenienzforschung konnte kein Hinweis für Entziehung gefunden werden. Trotzdem listet Lost Art – auf Veranlassung der Erben – 234 Werke dieser Provenienz. Denn die Angaben werden ohne professionelle Überprüfung von den "Meldern" übernommen. Betroffene müssen Beweise liefern, damit Einträge gelöscht werden.
    foto: leopold-museum wien

    Die Sammlung Fritz Grünbaums ist ein komplizierter Fall. In jahrelanger Provenienzforschung konnte kein Hinweis für Entziehung gefunden werden. Trotzdem listet Lost Art – auf Veranlassung der Erben – 234 Werke dieser Provenienz. Denn die Angaben werden ohne professionelle Überprüfung von den "Meldern" übernommen. Betroffene müssen Beweise liefern, damit Einträge gelöscht werden.

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