"Mein Kampf" im Theater: Die Entzauberung eines Unbuchs

2. Oktober 2015, 18:20
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Die Berliner Theatergruppe Rimini Protokoll ist zu Gast beim Steirischen Herbst: Unaufgeregt analysiert man Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf". Juristinnen, ein Anwalt, ein Buchbinder, ein Rapper und ein Redakteur über ein Buch, das vom Nimbus des Verbotenen lebt

Graz – Zwischen Bücherregalen, auf Leitern, Aktenschränken und in Nischen sitzen und stehen Menschen. Sie sind Experten des Alltags – so nennen die Berliner Gruppe Rimini Protokoll Leute, die auf der Bühne aus ihrem eigenen Leben erzählen. In der Ecke vorne flimmert der Eichmann-Prozess von 1961 über einen Fernseher.

Eine junge Frau erzählt, sie habe sich einst im Wegener-Forschungszentrum in Grönland erkundigt, ob man in der hauseigenen Bibliothek auch Hitlers Mein Kampf führe. Ausgerechnet Wegener! Was in Weimar, wo das Stück Mein Kampf, Band 1 & 2 vor wenigen Wochen uraufgeführt wurde, noch weniger Menschen wissen dürften als in Graz: Die Tochter des 1930 in Grönland verstorbenen Forschers Alfred Wegener war die Frau des steirischen Gauleiters Sigfried Uiberreither.

Gegen ihn liefen nach 1945 unter anderem Verfahren wegen Massenerschießungen. Uiberreither kam nie vor Gericht und verbrachte sein Leben unbehelligt unter falschem Namen, bis er in den 1980er-Jahren starb. Gerüchteweise gelang ihm die Flucht, weil die Amerikaner dafür Dokumente seines berühmten toten Schwiegervaters bekamen.

Aber das ist nur eine Fußnote der Geschichte. Vergessen, wie unzählige auf Dachböden versteckte Exemplare eines schlecht geschriebenen, aber in der NS-Zeit millionenfach gedruckten Buches. Uiberreithers Arbeitsplatz, die Burg, liegt in der unmittelbaren Nachbarschaft des Grazer Schauspielhauses, wo am Donnerstagabend unter der Regie von Helgard Haug und Daniel Wetzel über Mein Kampf geredet wurde.

Die erwähnte junge Frau heißt Anna Gilsbach, ist Juristin und erklärt dem Publikum den Tatbestand der Verhetzung, mit dem man 2016 gegen Mein Kampf vorgehen könnte. Dann erlischt nämlich das Copyright, das Buch darf wieder als kritisch kommentierte Ausgabe angeboten werden. "Es ist kein Buch, das verführt", sagt die Juraprofessorin Sibylla Flügge, die es schon 1965 gelesen hat und es als "Buch der Verführer", als eines über ihre Methoden sah.

Alon Kraus wiederum, ein Anwalt aus Tel Aviv, hat es gleich in mehreren Sprachen gelesen. Er sagt, er höre keine Stimme, wenn er es lese. Die Stimme von Christian Spremberg, einem Radio- und Brailleschrift-Redakteur, ist jedenfalls die geschmeidigste des Abends – ausgerechnet er liest Passagen aus Mein Kampf.

Zwischendurch werden die Akteure immer wieder befragt und müssen sich zwischen den Worten "Nö", "Pfff", "Och", "Jein", "Naja", "Ja", die auf die Wand projiziert werden, entscheiden. Etwa, ob sie prinzipiell dafür seien, dass Bücher verboten werden. Fast alle sind dagegen. Nicht nur musikalisch unterhält dabei der türkischstämmige Rapper Volkan T Error, der erzählt, wie er Leute damit empörte, als er in einem Musikvideo deutsche Kartoffeln zerquetschte.

Weinerlich und rassistisch

Da es verboten ist, das weinerlich biografische und primitiv rassistische Buch zu verbreiten, das sich selbst in der NS-Zeit wenige ganz angetan haben, bekommt nur ein Besucher ein Exemplar mit Leselampe. Auf der Bühne gibt es Versionen in vielen Sprachen. Nur eine Stunde mussten Gilsbach und der Buchbinder Matthias Hageböck in Graz übrigens suchen, bis ihnen ein Exemplar mit Goldprägung um 250 Euro über den Ladentisch geschoben wurde.

Der Abend ist lehrreich, weil faktenreich und unaufgeregt. So kann man ein Buch entzaubern. (Colette M. Schmidt, 3.10.2015)

Letzter Termin: 3. 10., 19.30

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Steirischer Herbst

  • Verboten ist das Buch in Österreich zwar seit Jahrzehnten, bekommen konnte man es aber immer. In fast allen Sprachen.
    foto: candy welz / kunstfest weimar

    Verboten ist das Buch in Österreich zwar seit Jahrzehnten, bekommen konnte man es aber immer. In fast allen Sprachen.

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