Zum Auftakt Temperament in Variationen

2. Oktober 2015, 17:53
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Antrittskonzert: Yutaka Sado bei Tonkünstlern

Wien – Freundlich und wissend lächelt Yutaka Sado vom Abofolder des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, Offenheit und Zurückhaltung halten sich in seinem Blick die Waage. Auch bei seinem Einstandskonzert im Musikverein waren diese Eigenschaften des neuen Chefdirigenten zu erkennen: bei einem bewusst sehr wienerisch geprägten Programm, das offensichtlich so gewählt war, dass verschiedene Seiten seines Temperaments deutlich werden konnten.

Daran änderte auch nichts, dass die Solistin Maria João Pires krankheitshalber absagen musste und damit statt Mozart mit Beethoven ein anderer Wahlwiener zwischen Haydn und Brahms ins Spiel kam. Freundlich und wissend – so agiert Sado auch als Dirigent.

Ein Feuerkopf wie sein Vorgänger Andrés Orozco-Estrada, der das Orchester auf ein neues Niveau der Professionalität und Spiellust gehoben hat, ist er wohl nicht. Ein kluger, feinsinniger, flexibler Musiker und ein Probenmeister hingegen allerdings schon.

Charakter mit Freiheit

Im 18. Jahrhundert beurteilte man Tonkünstler nach ihrem Geschmack. Schon bei Haydn Symphonie D-Dur Hob. I/6 ("Le Matin") zeigte Sado recht viel davon: Schlank, federnd und prononciert ließ er sein Orchester diese Gedankenvielfalt in leichtem Gewand zeichnen. Insbesondere die vielen solistischen Passagen wurden nicht nur mit Schwung und Charakter, sondern auch mit Freiheit musiziert.

Vom Tonfall her knüpfte der Dirigent bei Beethovens 1. Klavierkonzert daran an, ließ das Orchester feingliedrig artikulieren, präzis in der Dynamik und mit Gespür für Formabläufe – ein Geschehen, in welches sich die innerhalb von nur zwei Tagen eingesprungene 22-jährige italienische Solistin Beatrice Rana souverän mit Kantabilität und Klarheit einklinkte.

Die Visitenkarte des neuen Chefs wurde mit Brahms' 4. Symphonie fürs Erste vervollständigt, während sich das Orchester auch an dieser Stelle in Bestform zeigte und mit einer guten Balance zwischen Gestaltung des Details und einem stetigen Wogen und Fließen überzeugte.

Die eine oder andere Unschärfe wird sich wohl noch beseitigen lassen, wenn sich die Partnerschaft mit der Zeit weiter festigt. Man darf sie jetzt schon willkommen heißen. (Daniel Ender, 3.10.2015)

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