Eine kleine Anstiftung zum Denken

Userkommentar6. Oktober 2015, 09:11
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Wie weit es mit der Menschheit gekommen ist, zeigt nichts so sehr wie der Umstand, wie mit vagabundierenden Passlosen umgegangen wird

Ego cogito, ergo sum, heißt es bei Descartes. Ich bin wütend, also schreibe ich, heißt es bei mir. Wütend auf die Welt da draußen, auf die Menschen, vor allem auf die politischen Akteure, die in letzter Zeit allzu oft von Betroffenheit palavern und irgendwelche Plattitüden rauskotzen – die können sie in sich behalten. Ob die Katastrophe eine vergangene ist, aus der man hätte lernen sollen, oder eine kommende, die mit geeigneten Maßnahmen abzuwenden wäre: Immer hat die Marionette auf der politischen Bühne einen Rülpser parat und praktiziert – wie bei Marionetten üblich – die Kunst, es nicht gewesen zu sein.

Welche Katastrophe? Eine, der man sich nicht entziehen kann, eine, die zum Himmel stinkt! Nein, es ist keine unerklärliche Naturkatastrophe. Es ist eine menschengemachte Katastrophe, die politische Überforderung auf der einen Seite und soziale Notlagen auf der anderen Seite produziert, die erste Kategorie chronisch inkompetent, die zweite unendlich verzweifelt.

Der "edelste Teil von einem Menschen"

Draußen vor der Tür wandern eklig und in Lumpen verhüllt die Menschen ohne (guten) Pass. Wie weit es mit der Menschheit gekommen ist, davon zeugt nicht so sehr wie der Umstand, wie mit vagabundierenden Passlosen beziehungsweise Menschen ohne "guten" Pass umgegangen wird. Der Pass, so scheint es, ist der "edelste Teil von einem Menschen", schrieb einst Bertolt Brecht und fügte hinzu: "Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."

Dieses edle Teil drückt aus, wo man geboren wurde und auf welcher Seite der Tür man steht. Die, die draußen stehen und mit letzter Kraft an die Tür klopfen, die nicht Anerkannten, die sogenannten Flüchtlinge und Ausländer, werden von Zäunen und bellenden, ja beißenden Hunden ferngehalten. Sie sind es nicht wert, hereingelassen zu werden. Sie sind Schachfiguren, naturgemäß Bauern mit begrenzten Zugmöglichkeiten, die nach vorwärts gedrängt werden und als Erste fallen.

Der Zufall der Geburt

Wie verhält man sich zu einem Menschen (!), der vom Krieg vertrieben wurde und der alles verloren hat, der vom Regen durchnässt an die Tür klopft und dessen Sprache man vielleicht nicht versteht? Man öffnet ihm die Tür und bittet ihn hinein. Man hilft ihm und hetzt nicht den Hund auf ihn. Man diffamiert den Hilfesuchenden nicht, sondern versucht alles Menschenmögliche, um ihm eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen – und das auf unendlich verschiedene Weisen. Dieser Mensch hat einen Sprung aus seinem krisen- und kriegsgebeutelten Heimatland heraus getan und weiß jetzt nicht mehr, wohin ziehen und wohin sich wenden. Dieser Mensch könnte deine Geliebte, dein Sohn, deine Mutter oder gar du sein – der Zufall der Geburt hat anders entschieden.

Du bist. Ich bin. Du bist ich. Ich bin du. Wir sind eins. Wir sind Teil eines globalen Ganzen. Wir können nicht verletzen, ohne uns zu verletzen. Das ist eine große Hypothese: die subtile Einheit aller Dinge, die nahtlose Verbundenheit aller Menschen.

Nicht dass so ein mystisches Gerede unbedingt wahr wäre: Nein, es geht auch nicht darum, ob es wahr oder falsch ist. Vielmehr geht es darum, wie man die Dinge sieht. Um zu begreifen, wie die Welt wirklich ist, muss man die Perspektive wechseln und die Welt mit den Augen des Anderen sehen – oder zumindest die Welt mit anderen Augen sehen.

Die etwas andere Offenheit

Wie sagte schon Nietzsche: "Die Welt ist tief / Und tiefer als der Tag gedacht." Gerade diese Unauslotbarkeit der Tiefe menschlicher Existenz verpflichtet uns zu ständiger Offenheit und wird zur Richtschnur im Umgang mit anderen Menschen. Echte Offenheit ist gefragt und keine, die gefangen ist in der sozialen Rolle des jeweiligen (politischen) Akteurs. Auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache behauptet von sich, offen, ja sogar weltoffen zu sein, doch in Wirklichkeit is(s)t er wohl nur kulinarisch weltoffen.

In der konkreten Interaktion mit Menschen heißt das, dem Gegenüber etwas vorurteilsfreier, etwas verstehender zu begegnen und die Kette der gesellschaftlichen Konventionen zumindest temporär zu sprengen. Echte Offenheit bedeutet aber auch, offen zu sein für das Wesentliche, Wahre, Schöne und das weniger Schöne, das sich vor unseren Augen abspielt, sodass wir uns immer daran erinnern müssen: Die sogenannten Flüchtlinge und Ausländer, woher auch immer sie kommen, sind Menschen. Und hinter jedem Menschen steckt viel mehr.

Eine solche Zugänglichkeit der Welt – dieser Perspektivenwechsel – wird eröffnet durch emotionale Anteilnahme und durch den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen – Jahr für Jahr, Monat für Monat, tagein, tagaus, total unsexy und unspannend. Dies erfordert Aufmerksamkeit und echte Offenheit und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen. "Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir", heißt es bei Kant. Nehmen wir den Philosophen beim Wort. (Marko Serajnik, 6.10.2015)

Marko Serajnik lebt in Koroška/Kärnten, Studium der Sozialen Arbeit, vagabundierender Weltmensch mit wenig Gepäck und nachdenklicher Teetrinker.

  • "Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird." (Bertolt Brecht)
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    "Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird." (Bertolt Brecht)

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