Herbstliche Genüsse

2. Oktober 2015, 17:41
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Es ist an der Zeit, warme Tage endgültig zu verabschieden. Das ist hart. Die Kulinarik bietet allerdings abwechslungsreichen Trost. Die Kürbisse glühen prächtig, die Äpfel sind noch nicht mehlige Katastrophe, die Früch- te haben herbstlichere Tage.

Nächte werden kalt, und Daunendecken sind wieder a girl's best friend. Die Kälte zwingt zum Konsum gesunder Speisen. Unter gesunden Speisen versteht man landläufig Hühnersuppe mit Ingwer, Salate mit Nüsschen und Apfelstrudel mit Schlagobers. Schokolade soll übrigens auch sehr gesund sein. Überhaupt. Je kälter, desto süßhungriger.

Die Abende werden länger. Die Schals dicker. Menschen steigen wagemutig auf schlecht gesicherte Haushaltsleitern, um ihre Sommersachen, von den wieder erblassenden Körpern gerissen, sicher bis zum nächsten Jahr auf den obersten Regalebenen zu verstauen. Es fallen nicht nur die Blätter.

Menschen öffnen verborgene Laden, um ihre Pullover und Wollkleidung wieder hervorzuholen und stellen fest, dass Motten offenbar denselben Geschmack hatten wie sie selbst. Cashmere haben alle übrigens immer am allerliebsten. Menschen, die sich schwer von ihrer wärmenden Vergangenheit trennen können, stopfen fluchend ungünstig platzierte Fresslöcher, die sich immer entweder in der Bauchgegend, im Busenbereich oder an jenem Teil der Wollhosen befinden, der den Hintern abdecken soll. Auch im Schritt ist unbestellte, aber von der Natur großzügig gelieferte Belüftungszone eher unbeliebt.

Kerzen werden sackweise in Häuser geschleppt. Im Prater gibt es Kastanienshitstorm. Die Kleinkinder streiten sich im Prater entlang der Allee mit Hunden um gefallene Kastanien. Die Hunde freuen sich auf Waldspaziergänge und das Stöbern im Laub, die Menschen freuen sich auf Aussichten und Ein-kehr, innere und äußere.

Es gibt Käse und Wein, im Gasthaus gibt es Wild. Alles kocht und bäckt und zieht sich zurück. Man lädt sich gegenseitig zum Essen ein. Weil niemand bereit ist, freiwillig sein Haus zu verlassen, isst jeder anschließend allein. Die Zeit der Herbstzeitlosen ist bald vorüber, aber keine Sorge: Bis zur losen Punschhüttenphase ist noch reichlich Zeit. (Julya rabinowich, 2.10.2015)

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