Flüchtlinge und die Grenzen der Vernunft

Kommentar der anderen2. Oktober 2015, 17:05
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Die extreme Wettbewerbsgesellschaft konditioniert die Menschen zu Angsthasen. Mit der Vernunft ist es dann nicht weit her, Appelle gegen eine Politik der Gefühle sind sinn-, weil wirkungslos

Über die Frage, ob und wie das Flüchtlingsthema die Wahlgänge dieses Jahres dominiert hat, wurde ausführlich diskutiert. Die Antworten mögen stimmen, bloß die Frage ist falsch gestellt. Entscheidend ist vielmehr, warum dieses Thema so viele Menschen bewegt. Warum diese überbordende Angst bei einem Teil der Bevölkerung? Alles nur Dumpfbacken und Angsthasen? Die Diskussion über den Einfluss der Asylanten-/Flüchtlingsfrage erfolgt fast ausschließlich unter sozioökonomischen Gesichtspunkten. Die Massivität der Ängste kann man allein damit aber nicht erklären.

Mag sein, dass man die berechtigte Befürchtung hat, sich in "vermintes Gelände" zu wagen. Trotzdem wird man um eine Diskussion über einen wesentlichen Aspekt nicht herumkommen: Welchen Einfluss hat die Art, wie unser Gehirn denkt, sowie unsere biologische Ausstattung mit Bedrohungsbildern? Die moderne Gehirnforschung geht davon aus, dass es mit "Vernunftsentscheidungen" nicht weit her ist. Der überwiegende Teil unserer Entscheidungen erfolgt emotional und unbewusst (siehe die Debatte, ob es einen "freien Willen" gibt, ein Extremstandpunkt, der zu Recht umstritten ist).

Neben der biologischen Ausstattung werden Menschen auch durch Erziehung gezielt auf erwünschte Verhaltensmuster konditioniert. Aber auch politische Theorien und ökonomische Denkmuster prägen unser Verhalten. Es gibt keine menschliche Entscheidung, die nicht auf vielerlei Arten determiniert ist, der Anteil der "Vernunft" ist ein kleiner, sie einzuschalten nicht immer einfach.

Lauernde Säbelzahntiger

Beim Anblick von Flüchtlingskolonnen sind wir mit zwei mächtigen Gefühlen konfrontiert: mit Empathie und mit Angst. Empathie erleichtert das Überleben des anderen, Angst dient dem eigenen Überleben. Darum ist bei vielen Menschen die Angst das wirkungsmächtigere Gefühl. Appelle gegen eine "Politik der Gefühle" sind sinn-, weil wirkungslos. Der Mensch ist ein Gefühlswesen, weshalb die Aufklärung nur in kleinen Trippelschritten vorankommt.

Seit der Vorherrschaft der "neoliberalen" Ideologie, werden die Menschen auf Angst konditioniert. Es ist das Wesen einer marktextremistischen "Wettbewerbs"gesellschaft, dass alle dauernd um ihr "Leiberl" rennen müssen. Hinter jeder Ecke lauert der Säbelzahntiger: Arbeitsplatzverlust, Einkommenseinbußen, sozialer Abstieg. Ein nicht zu leugnender sozioökonomischer Aspekt. Die Folge ist die Einübung in Angst, sie wird zu einem alltäglichen Lebensgefühl. Immer auf der Hut sein, überall lauern Gefahren, stets darauf gefasst sein, sich verteidigen zu müssen. Der Konkurrent, der einen aus dem "Markt" drängen will, ist allgegenwärtig.

Die extreme Wettbewerbsgesellschaft konditioniert die Menschen zu Angsthasen, besonders jene, für die das Bedrohungsszenario bereits Lebensrealität ist. Selbst wenn diese Menschen "vernünftig" über ihre Ängste nachdenken, werden sie zum Schluss kommen, ihre Angstgefühle seien real begründet. Wo sollen bei fast 500.000 Arbeitslosen Jobs für zigtausende Flüchtlinge herkommen? Der Markt wird es schon richten? Wer es glaubt, wird selig!

Erschwerend ist, dass bei angstgesteuertem Verhalten die Bedrohung umso größer wird, je weiter weg sie ist. Im Innviertel, wo die FP besonders hohe Erfolge hatte, gibt es keine Flüchtlinge. Die Fantasie ist stärker als die Realität und kann sich die schrecklichsten Szenarien ausmalen. Solch eingeübte Ängste haben Nachwirkungen: Selbst wenn die Ursache wegfällt, bleibt die Angst. Jedes Bild löst neue Ängste aus. Angenommen, es gelingt, die Grenzen dichtzumachen. Dann werden die Menschen in der "Festung Europa" hocken und angstvoll auf vermeintlich hereinflutende Massen starren. Rechtsradikale aller Schattierungen werden weiterhin von ihrer Ursache entkleideten Ängsten profitieren. Allein mit politischen Maßnahmen wird man das nicht lösen können.

Konditionierung

Die Ängste beruhen teilweise auf Konditionierung durch sozioökonomische Umstände, die weiterwirkt, wenn die Gründe wegfallen. Wie bekommt man diese Konditionierung wieder aus den Menschen heraus? Eine Änderung der äußeren Umstände allein wird da nicht viel bewirken. Nazistische Denkmuster blieben lange Zeit in den Köpfen, obwohl der Spuk längst vorbei war. Auch das Phänomen des Antisemitismus ohne Juden fällt in diese Kategorie. Hier kommt die Politik an ihre Grenzen. Es ist höchste Zeit, auch Verhaltensforscher, Gehirnforscher und Psychologen hinzuzuziehen, denn allein mit politischen Maßnahmen wird man das Problem der Angst nicht lösen können. Gleichzeitig stellt sich die diffizile demokratiepolitische Frage, ob es legitim ist, Menschen gezielt "umzukonditionieren" wie einen ungezogenen Hund.

Angesichts der Weltlage und der Prägung vieler Menschen muss man davon ausgehen, dass der rechte Spuk noch eine Weile andauert. Aber was spricht dagegen, sich endlich vom wirtschaftsextremistischen Modell zu verabschieden und eine Ordnung anzustreben, in der das Gefühl der Empathie jenes der Angst übersteuert? Bloße Appelle an die allzu schwache Vernunft werden jedenfalls nicht reichen. (Michael Amon, 2.10.2015)

Michael Amon (Jahrgang 1954) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Zuletzt erschienen zwei Bücher von ihm: "Panikroman" und "Nachruf verpflichtet" als Band drei der "Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten".

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