Lothar de Maizière: "Der Deutsche schafft alles – aber unter Stöhnen"

Interview3. Oktober 2015, 08:00
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Gerade der Osten müsse mit Flüchtlingen solidarisch sein, sagt der letzte DDR-Ministerpräsident

STANDARD: Tausende Flüchtlinge kommen täglich via Ungarn und Österreich nach Deutschland. Erinnert Sie das an das Jahr 1989?

De Maizière: Ja natürlich. Die Bilder sehe ich noch genau vor mir. Ich nehme oft an Diskussionsveranstaltungen im Osten teil und weise darauf hin: "1989 waren viele von euch DDR-Bürger, die über Ungarn und Österreich in den Westen kamen. Ihr wart froh, als ihr freundlich empfangen wurdet."

STANDARD: Finden Sie Gehör?

De Maizière: Es ist schwierig. Die Menschen sagen mir, damals sei das etwas anderes gewesen. Und in der Tat, da kamen Deutsche nach Deutschland, die auch die gemeinsame Sprache sprachen. Wir beschwören jetzt eine Willkommenskultur, und ich hoffe, dass die Stimmung nicht kippt.

STANDARD: Warum tun sich gerade Ostdeutsche so schwer? Dort gibt es weniger Migranten als im Westen.

De Maizière: Die Menschen in Ostdeutschland haben Angst davor, schon wieder Veränderungen zu erleben. 1990 mussten sie in ganz kurzer Zeit ein neues politisches und ein neues Wirtschaftssystem erlernen, eine neue Rechtsordnung und ein neues Bildungssystem. Das war ein wahnsinnig anstrengender Prozess. Ich sage oft: Wir sind ausgewandert, ohne unser Land zu verlassen.

STANDARD: 1989 und 1990 wollte die Mehrheit aber Veränderung.

De Maizière: Die DDR-Führung hatte keinen Durchblick mehr. Es lag absoluter Mehltau über dem Land, gleichzeitig flohen immer mehr Menschen nach Ungarn. Es war mit den Händen greifbar, dass da etwas zu Ende geht.

STANDARD: Dann kam der Mauerfall am 9. November 1989. Waren Sie persönlich überrascht?

De Maizière: Eigentlich nicht. Im Frühjahr 1989 – ich war Anwalt in Ostberlin – kam ein Mann zu mir, der mit einer Österreicherin eine Scheinehe eingehen wollte, um hinauszukommen. Ich riet ab und sagte zu ihm, möglicherweise würde einer der Staaten nicht mehr lange existieren – wobei man sich um Österreich keine Sorgen machen müsse. Noch heute empfinde ich es als das größte Glück, dass 1989 kein Schuss fiel und niemand gelyncht wurde.

STANDARD: In diesen Tagen wurde rasend schnell Weltgeschichte geschrieben. Nach der ersten und auch letzten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurden Sie Ministerpräsident.

De Maizière: Es war der Schock meines Lebens. Eigentlich lag ja in Umfragen die SPD vorn, aber dann wurde die CDU stärkste Partei. Aber wenn ein Hugenotte, wie ich einer bin, in die Pflicht genommen wird, dann macht er es auch.

STANDARD: Ahnten Sie damals schon, dass Sie nur sehr kurz im Amt sein würden, weil Sie mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ja schon überflüssig sein würden?

De Maizière: Nein. Bei meiner ersten Regierungserklärung im April 1990 sagte ich noch, es wäre schön, wenn die Mannschaften der DDR und der BRD 1992 gemeinsam bei den Olympischen Spielen in Barcelona antreten könnten. Aber dann, als ich im Sommer 1990 in Moskau war, nahm mich der damalige sowjetische Außenminister Edward Schewardnadse zur Seite und meinte, bezogen auf eine Wiedervereinigung: "Macht schnell!" Es war nicht klar, wie lange Michail Gorbatschow den Reformkurs noch durchhalten würde.

STANDARD: Hatten Sie je Sorge, den Einigungsvertrag nicht in so kurzer Zeit zustande zu bringen?

De Maizière: Nein. Wir hatten ja am 1. Juli 1990 die D-Mark als Währung in der DDR eingeführt. Damit war klar, dass die Einheit vollzogen wird. Man kann nicht ein Wirtschafts- und Währungsgebiet im Nachhinein wieder auseinanderdividieren. Die D-Mark war bewusstes Druckmittel.

STANDARD: Ihre Sprecherin war damals eine gewisse Angela Merkel ...

De Maizière: Ich habe sie dem damaligen Kanzler Helmut Kohl 1990 vorgeschlagen, als es darum ging, das Frauen- und Familienministerium zu besetzen. Ihre unglaubliche Fähigkeit in der kausalen Logik war damals schon offensichtlich. Aber dass sie eines Tages Kanzlerin werden würde, war natürlich nicht absehbar.

STANDARD: Heute sagt Angela Merkel zur Flüchtlingskrise: "Wir schaffen das!" Ist es so?

De Maizière: Ja natürlich, es bleibt uns ja gar nichts anderes übrig. Der Deutsche ist, wenn er jammert, immer sehr effektiv und leistungsfähig. Er schafft alles – aber unter Stöhnen. (Birgit Baumann, 3.10.2015)

Lothar de Maizière (75) war in der DDR Musiker und Anwalt. 1990 wurde er für die CDU letzter Regierungschef der DDR. Er ist der Cousin des heutigen Innenministers Thomas de Maizière (CDU). Am 13. Oktober diskutiert er an der deutschen Botschaft in Wien über die Einheit.

  • 3. Oktober 1990: Hans-Dietrich Genscher, Hannelore und Helmut Kohl sowie Richard von Weizsäcker (v. li.) beim Festakt zur deutschen Einheit vor dem Reichstag.
    foto: ap photo/dpa, wolfgang kumm

    3. Oktober 1990: Hans-Dietrich Genscher, Hannelore und Helmut Kohl sowie Richard von Weizsäcker (v. li.) beim Festakt zur deutschen Einheit vor dem Reichstag.

  • Lothar de Maizière
    foto: epa/uwe zucchi

    Lothar de Maizière

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