Krankheit in der Kunst: Oh, du elende Schönheit

Ansichtssache6. Oktober 2015, 11:20
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Krankheiten sind so alt wie die Menschheit. Krebs, Lepra oder Epilepsie: Wer seinen Blick schärft, kann sie bei einem Rundgang durchs Kunsthistorische Museum Wien entdecken

Moderne Onkologie ist Hightech. Ihre Strategie: Kenne den Feind. Ihre Waffen: Biopsie, Genanalyse und eine möglichst zielgerichtete Therapie. Mitunter lohnt auch eine andere Perspektive auf die Dinge. Im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien wird unter dem Motto "Krankheit und Medizin in der Malerei" durch die Galerien gefüht.

Zum Beispiel von Rotraut Krall, die Krankheit in Bezug zu Historie und Politik zu setzen versteht: "Das Spektrum im KHM reicht von epileptischen Anfällen über die Seuchenpolitik während Zeiten von Pest und Lepra bis zu Depressionen", sagt die Kunstvermittlerin und versteht es als Auseinandersetzung mit Geschichte. Ein Museumsbesuch als Kontrastprogramm sozusagen.

Veranstaltungshinweis: Das Kunsthistorische Museum veranstaltet unter dem Titel "Krankheit und Medizin in der Malerei" auf Anfrage Sonderführungen durch die Gemäldegalerien. Telefonische Anmeldung: +43/(0)1/525 24-5202 oder kunstvermittlung@khm.at

foto: louvre

1. Krebsikone

Wenngleich eine Ikone dessen, was als Krebs in der Kunst bezeichnet werden kann, nicht in Wien, sondern im Pariser Louvre hängt. Auf Rembrandts Bildnis von Bathseba, der Frau von König David, zeichnet sich unter der Achselhöhle eine Schwellung ab, auf der linken Brust befindet sich ein bläulicher Fleck. Das Bild wurde in den 1980er-Jahren zur Galionsfigur der Antibrustkrebsbewegung. Aufsehen erregte, dass Forscher des biomedizinischen Technikinstituts Mira der Universität Twente die Krebsdiagnose infrage stellten. Eine derartige Blaufärbung des Gewebes entsteht nur, wenn ein Tumor ein bis drei Millimeter unter der Haut liegt. Bei Mammakarzinomen sei das nicht der Fall. Sie liegen tiefer. Sie bewiesen ihre These mit einer Fotonensimulation. "Brustkrebs unwahrscheinlich", so das Resümee der Forscher.

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foto: prado

2. Busenfreundinnen

Eindeutiger ist die Beweislage bei den Drei Grazien von Peter Paul Rubens, einem Bild, das um das Jahr 1635 entstand und heute im Prado in Madrid hängt. Die rechte der drei abgebildeten Frauen zeigt Anzeichen eines lokal fortgeschrittenen Brustkrebses. Konkret: Hautrötungen auf der Brust, eine Einziehung der Brustwarze (Mamillenretraktion) und eine Schwellung der axillären Lymphknoten.

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foto: kunsthistorisches museum

3. Wunderglaube

Nicht nur Krebs, auch andere Krankheiten haben es in die Kunstgeschichte geschafft. Im Kunsthistorischen Museum gibt es ein eindrückliches Beispiel für Epilepsie in Peter Paul Rubens' Wunder des Heiligen Ignatius von Loyola. Bei Krankheiten, gegen die es keine Hilfe gab, hoffte man auf Wunder. So auch die Frau auf dem Bild rechts unten, die einen Heiligen um die Genesung ihres Kindes bittet.

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foto: kunsthistorisches museum

4. Seuchendokumentation

Auch die großen Seuchen früherer Zeiten sind in der Malerei verewigt. In Kampf zwischen Fasching und Fasten hat Pieter Bruegel der Ältere die Lepra abgebildet. Die Kranken sind jene braun gekleideten Menschen, die im Hintergrund mit braunen Kutten und schwarzen Nasen in einer Gruppe beisammenstehen. Die ansteckende bakterielle Infektion befällt die Haut und verursacht offene Wunden. Weil dabei auch die Nervenzellen absterben, empfinden die Menschen keinen Schmerz. Diese Aussätzigen wurden gemieden. Auf Bruegels Bild reicht ihnen ein Mädchen angstvoll Brot.

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foto: kunsthistorisches museum

5. Stimmungssache

Dass Depressionen keine Erkrankung des 21. Jahrhunderts sind, beweist ein Bild von Bernardo Cavallino im Kunsthistorischen Museum. Der abgebildete König Saul soll vom Lautenspiel Davids aufgeheitert werden: Musiktherapie im 17. Jahrhundert. (Günther Brandstetter, 6.10.2015)

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