Katharina Riese: Das Ende des alten Kukan

3. Oktober 2015, 17:00
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Als ich im Mai dieses Jahres an der Rückseite des großen, modernen Isergebirgsmuseums stand, regnete es in Strömen. Ich drückte auf den Klingelknopf mit der Aufschrift "Archiv". Über fünf Briefe von "Papá" aus dem Jahr 1945

Kukan hatte ich schon einmal vor Jahren gesucht. Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war ich zum Jahreswechsel 1989/90 ins Isergebirge gefahren, um den Geburtsort meines Vaters ausfindig zu machen. Mit Kukan konnte in Jablonec niemand etwas anfangen. Später erfuhr ich den tschechischen Namen des Ortes: Kokonín. Kokonín ist inzwischen ein Vorort von Jablonec und kein Name mehr, der für die tschechischen Bewohner einen besonderen Klang hat.

Fünfzehn Jahre nach dieser ersten vergeblichen Reise nach Kukan machte ich meine Halbschwester, die ich jahrelang gesucht hatte, ausfindig. Sie gab mir den Tipp, vor der nächsten Reise nach Kukan vorerst doch ins Isergebirgsmuseum in Neugablonz bei Kaufbeuren im Allgäu zu fahren. Sie war es auch, die mir bei unserem ersten Treffen die Geschäftskorrespondenz unseres Vaters mitgebracht hatte. Dieses Geschenk hatte für mich Aufforderungscharakter. Ich begann mit den Recherchen über das kurze, aber ereignisreiche Leben von Dr. Max Peukert. Kukan war, weil in seinem Erwachsenenleben keine Rolle spielend, dabei vorübergehend in den Hintergrund gerückt.

Im Frühjahr dieses Jahres begann ich mit dem Archivar des Isergebirgsmuseums bezüglich der Geschichte der Familie Peukert in Kukan zu korrespondieren. Der Kontakt erwies sich als Glückstreffer. In Thomas Schönhoff hatte ich einen Kukan-Experten gefunden. Seine Mutter war eine geborene Kukanerin; ein- bis zweimal im Jahr reist er nach Kukan; in Neugablonz betreut er die Treffen "der letzten Kukaner".

Klingelknopf "Archiv"

Als ich am 6. Mai dieses Jahres vor dem Eingang zum Archiv des Isergebirgsmuseums an der Rückseite des großen, modernen Gebäudes stand, regnete es in Strömen. Ich drückte auf den Klingelknopf mit der Aufschrift "Archiv". Vorerst rührte sich nichts. Hatte ich mich im Datum geirrt? Doch da öffnete der Archivar, Thomas Schönhoff, auch schon die Türe. Er entschuldigte sich, jetzt gleich noch etwas erledigen zu müssen. Er sei aber später am Vormittag wieder für mich da.

Mein Allgemeinwissen über die Sudetendeutschen, muss ich gestehen, war bis vor nicht allzu langer Zeit äußerst bescheiden. Ich wusste, dass die Vorfahren väterlicherseits "klassisch" mit Schmuck zu tun hatten. Gablonz assoziierte ich mit dem, wofür "die Gablonzer" eben berühmt waren, mit Glitzer und Glanz, "falschen" Juwelen, Glasbläserei, bemalten Gläsern, Knöpfen, Christbaumschmuck, derartigem. "Die Sudetendeutschen" waren für mich eine "Trachtengruppe" mit reueloser, wenn nicht revanchistischer Haltung gegenüber der NS-Vergangenheit – eine von meiner Seite zugestandenermaßen nicht eben sehr differenzierte Sichtweise. Durch die Beschäftigung mit dem Leben meines Vaters war ich jedoch unweigerlich in der langen Geschichte der Unverträglichkeiten zwischen der deutschen und tschechischen Bevölkerung in Nordböhmen gelandet. Vor drei Jahren begann ich Tschechisch zu lernen. Mein Anspruch, mich noch in diesem Leben vor Ort, in Jablonec, auf Tschechisch unterhalten zu können, hat sich als illusorisch erwiesen.

In der mir von meiner Halbschwester übergebenen Geschäftskorrespondenz meines Vaters hatte ich zu meiner Freude auch die fünf Briefe meines Großvaters, die sich irgendwie in dieses Konvolut "verirrt" hatten, gefunden. Franz Josef Peukert, 1869 in Kukan geboren, beschreibt darin anschaulich das herannahende Ende der jahrhundertealten Welt der deutschsprachigen Bewohner in dieser Gegend.

Kukan, ein kleiner Ort am Fuße des Isergebirges, südlich von Gablonz, war bis zum Jahresanfang 1945 vom Kampfgeschehen des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben. Nun allerdings war es mit dem zivilen Leben auch hier vorbei. Am 16. Februar schrieb Franz Josef Peukert an seinen damals berufsbedingt in Weimar sich aufhaltenden Sohn: "Lieber Max! (...) Da die Lage etwas näher an uns rangerückt ist, will ich Euch zu Eurer Beruhigung mitteilen, dass wir noch gesund und voller Zuversicht sind."

Nicht nur der Flüchtlingsstrom aus Schlesien hatte Kukan erreicht: "Fremde haben wir im Orte mehr als Einheimische sogar 150 in der Schule, es war mit Breslau ein großer Ansturm und Wirrwarr eingetreten, wie man sagt, soll mit Schlesiern mit weiterem Zustrom nicht mehr zu rechnen sein. (...)

Flieger Angriffe letzter Zeit waren auch hier in folge der langen Dauer sehr anstrengend u. weißt Du ja, da lösen sich Zuversicht und Aussichtslosigkeit ab. Wie sonst sind die Ansichten sehr geteilt, so auch hier, die einen packen und bereiten sich für alle Ewentualitäten vor (...) dann kommen überall Panzerfallen u. Hindernisse, Gräben u.s.w. in vollen Betrieb gesetzt. Der Volkssturm ist zur Genüge beschäftigt u. immer 24 Stunden Dienst. Auch ist verlautbart worden, daß Frauen mit Kindern, ältere Leute, Kranke usw. sobald die sie jemanden haben, fort fahren, d. h. von hier weg können, auch sollen verschiedene in die Schweiz gemacht sein. Auch ist der Rundfunk jetzt bei Allarm eingerichtet, aber da gehört neben dem Radio noch der Telefon."

Zu den Briefzitaten sei gesagt, dass die Kukaner nicht Hochdeutsch, sondern einen "Paurisch", einen dem Schlesischen verwandten Dialekt sprachen. Das Schriftbild der Briefe von Franz Josef Peukert zeigt die "ausgeschriebene" Hand eines Vielschreibers, der sich um die Leserlichkeit seiner Botschaften nicht sorgte. Die originale Orthografie der Briefe wurde in den Zitaten unverändert übernommen. Unterschrieben sind die Briefe mit "Papá".

"Dort ist alles kriegsmäßig"

Bezüglich des unmittelbar Bevorstehenden folgt "Papá" skeptisch, aber doch der NS-Propaganda: "Es sollen in Kürze die jetzt herrschenden Gefahren u. zum Teil auch jetzt schon beseitigt sein und die Russen wieder rausgeworfen werden gebe es Gott, dass es sich bewahrheitet (...)."

Wie immer, wenn ich mich in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs orientieren möchte, habe ich auch in diesem Fall in den beiden Büchern zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs nachgelesen, die sich zum Parallellesen am besten eignen, im Tagebuch von Victor Klemperer und in den Tagebüchern von Joseph Goebbels. Victor Klemperer beschreibt für den Februar die Bombardierung Dresdens aus der Sicht eines von der Gestapo verfolgten jüdischen Romanistik-Professors: wie er und seine Frau durch das brennende Dresden irren, mit bereits angesengter Kleidung im Bunker auf dem Boden schlafen, sich immer wieder verlieren und wiederfinden – apokalyptische Szenen vom Untergang einer Stadt. Dem Propagandaminister Joseph Goebbels hat es im Februar 1945 tagebuchmäßig die Sprache verschlagen. Von Ende Jänner bis Ende Februar kein Eintrag. Erst am 28. Februar fährt er mit seinen Aufzeichnungen fort. Er äußert sich nicht konkret zur militärischen Lage, sondern schwadroniert vor sich hin: Göring sei gar kein Nationalsozialist, nie einer gewesen, schwärmt vom seelischen Gleichklang mit Himmler und von der Größe und von der Ruhe "des Führers" und davon, dass dieser Friedrich dem Großen immer ähnlicher werde.

Die Alliierten hatten auf der Konferenz in Jalta von 4. bis 11. Februar bereits die Nachkriegszeit auf der Tageordnung, ohne dass für die Zivilisten oder für das Militär ein konkretes Ende des Krieges absehbar geworden wäre.

In der Osterzeit schrieb Großvater Peukert am 27. März an seinen Sohn, dass seine Tochter in Warmbrunn gewesen sei, um ihre "noch dorthabende Sachen zu holen u. ist gestern zu Haus gekommen; Dort ist alles kriegsmäßig und was sie über Lauban usw. vom Räumungskommando erfahren hat, ist weder durch Radio noch Zeitung imstande zu schildern, auch Räumungsbefehle sind ausgegeben, da man noch mit einem Großangriff rechnet, aber im Unklaren an welcher Stelle. Heute erzählte mir ein Gemeindebeamter, dass sie gestern bei uns die Kartei, die Frauen m. Kindern, Überalterte über 60 ausgeschrieben, so dass auch bei uns der Räumungsbefehl wird. Josi (Anm. d. Verf.: der Schwiegersohn) sagte, dass sie den Auftrag haben, so viele Leute als möglich fortzuschaffen, da es ja schon aus Ernährungsgründen notwendig ist. (...) Zu den bevorstehenden 'Ostern' die besten Wünsche und vergiss nicht, dass es für uns Cristen das Fest der Versöhnung ist."

Bezüglich der "Cristen" sei erläuternd hinzugefügt, dass "Papá" sich 1938 als "gottgläubig" registrieren lassen hatte. "Gottgläubig" war eine Erfindung der Nationalsozialisten. Als "gottgläubig" galt, wer sich von den anerkannten Religionsgemeinschaften abgewandt hatte, jedoch nicht glaubenslos war. Die Nationalsozialisten wollten mit dem Begriff eine Brücke für die Christen zur NS-Partei schaffen. Der Begriff "gottgläubig" wurde seit 1936 auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie den Personalpapieren verwendet. Seit 1938 wurde die Bezeichnung auch in den annektierten Ländern angewandt. "Gottgläubig" galt als Beweis des Naheverhältnisses zur NS-Partei.

Meine Kenntnis über die Person des Großvaters beschränkt sich auf die Einträge in Pfarrbüchern, Kopien von Fotos, die in meinen Besitz gelangt sind, und auf familieninterne Gerüchte. Geboren wurde Franz Josef Peukert am 31. Mai 1869 in Kukan. Seine beiden Eltern waren Kukaner, seine Mutter Barbara eine geborene Rößler. Sie gehörten zu jenen Familien in Kukan, die mit Schmuckfabrikation in der Gründerzeit zu einigem Vermögen gekommen waren. "Der kleine Franze", so wurde mir erzählt, sei von seiner Mutter sehr verwöhnt worden. "Die Dienstboten durften ihn in der Früh nicht wecken. Er sollte ausschlafen dürfen." 1892 heiratete Franz Josef Peukert. Seine Braut, Hermine, geborene Horn, kam auch aus einer Kukaner Schmuckherstellerfamilie. 1892 wurde zuerst ein Mädchen geboren und auf den Namen Adele getauft. Max, das zweite Kind, kam 1905 zur Welt.

Einstellung zu den Tschechen

Um 1900 gab es in Kukan 130 selbstständige Gürtler. Einer von ihnen war Franz Josef Peukert, der 1896 bis 1899 Vorsteher der Gürtlergenossenschaft war. Der Sitz der Genossenschaft befand sich im Haus Nr. 232. Gürtlermeister Peukerts Spezialität war Blechbijouterie – Fingerringe, Ohrgehänge, Broschen, Medaillons für Jahrmärkte. So steht es im Lieferantenverzeichnis von Kukan 1924. 1929 starb Hermine Peukert, 61-jährig, an Herzversagen. Seinen Briefen nach zu schließen kümmerte sich Papás Tochter Adele, "Elly", um den Witwer beziehungsweise, wie er schreibt, er sich um sich selbst.

Dass das Strafgericht der Alliierten für die Verbrechen des NS-Regimes die Volksdeutschen am härtesten treffen würde, war noch vor Kriegsende mehr oder weniger beschlossene Sache. Die Betroffenen selbst waren, wie so oft in der Geschichte, weniger gut informiert. Mit dem Ausmaß der Rache der Tschechen schienen die Sudetendeutschen trotz der unmittelbaren Vorgeschichte im Protektorat Böhmen und Mähren nicht gerechnet zu haben. Dachten sie, dass nach Heydrichs Ausspruch von Anfang Oktober 1941: "Der Tscheche hat in diesem Raum nichts verloren", dem Massaker von Lidice 1942 und den letzten sechseinhalb Jahren deutscher Willkürherrschaft ein Übergang zu einem friedlichen Zusammenleben in der Tschechoslowakischen Republik möglich gewesen wäre?

1945 waren die verschiedenen in der Monarchie und später in der Ersten Tschechoslowakischen Republik entwickelten Pläne zur Lösung des Konflikts zwischen Tschechen und Deutschen – wie teilweise Gebietsabtretungen, das Kantonskonzept und Minderheitenschutz – endgültig vom Tisch. Für den aus dem englischen Exil zurückgekehrten Präsidenten Edvard Benes war mit der Niederlage der NS-Diktatur die Zeit gekommen, den tschechischen Alleinanspruch auf einen homogenen Siedlungsraum durchzusetzen. "Mein Programm ist es – und ich verheimliche dies nicht -, dass wir die deutsche Frage in der Republik endgültig liquidieren müssen." (Brünn, 12. Mai 1945) Die Alliierten gaben grünes Licht für die "Transfer-Lösung" oder "Evakuation" oder wie immer die Ausweisung der Deutschen genannt wurde. Das Prager Kabinett wollte noch vor dem Potsdamer Ankommen, das für August 1945 festgesetzt worden war, Fakten schaffen.

Über die Einstellung meines Großvaters zu den Tschechen konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Seine Frau war, wie erwähnt, eine geborene Horn. Dieser Familienname war im 19. Jahrhundert noch Horná geschrieben worden. Die Hornás waren aus dem tschechischsprachigen Gebiet nach Kukan zugewandert. In seiner Unterschrift verwendete "Papá" das lange a, einen tschechischen Buchstaben. Aus diesen Indizien auf eine tschechenfreundliche Einstellung zu schließen wäre aber sicher zu gewagt.

"Elly wird auch fort müssen"

Franz Josef Peukert beschreibt die Situation in Kukan in einem Brief vom 17. August 1945 an seinen Neffen, der sofort nach Kriegsende aus Kukan nach Bayern geflüchtet war: "Jetzt ist bei uns eine Verwandlung, nach der Du Dich nicht sehnen brauchst. Viele werden ausgewiesen, andere sind schon fort, oder wird die Wohnung beschlagnahmt. Wir sind vogelfrei und rechtlos, nirgends Schutz. Seit gestern sind die Russen fort." Seine Tochter plane mit ihrem Mann nach Österreich zu ihrem in Bad Ischl lebenden Bruder, meinem Vater, auszureisen. "Elly wird auch fort müssen. Bis dahin wird es ja besser sein. Auch ich werde nicht im Kukan bleiben, ob das Haus Eigentum bleiben wird, ist die einzige Hoffnung, weil Elly wieder Österreicherin geworden ist. Die Häuser werden geräumt (...) alles was darin ist. Schreibmaschine, Radio habe ich abgeben müssen. Die Uhren haben die Russen gestohlen. (...) (Anm. d. Verf.: Bekannte und Verwandte) alle mit 30 kg Gepäck abgefahren und Vermögen beschlagnahmt wurden die Häuser."

In einem Brief vom 8. Oktober kündigte Adele ihrem Bruder Max an, sie werde mit dem nächsten Transport zu ihm nach Bad Ischl ausreisen. Adele Lorenz, war von Beruf Hebamme. Sie und ihr Vater, wie er Max schrieb, seien zuversichtlich, dass sie in ihrem Beruf bald wieder Arbeit finden würde. Abgesehen davon war ihr Fall relativ problemlos, da sie durch ihre Ehe mit einem Österreicher nach dem Krieg wieder die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen hatte.

Im letzten Brief von Großvater Peukert an meinen Vater vom 18. Oktober schreibt er, dass sich seine Hoffnungen, Haus und Wohnung behalten zu dürfen, zerschlagen hätten: "die Verwaltung des Hauses muß ein Tscheche sein, ich nicht, mein (Anm. d. Verf.: unleserlich) (...) hat vorläufig keine Gültigkeit und weiß ich nicht, wie es mit meiner Wohnung wird, und ob ich im Hause bleiben darf, jedenfalls werdet Ihr ja trachten für mich dort Unterkunft zu schaffen, denn hier kann man nicht bleiben und will auch nicht (...). Hier würdest Du alles verändert finden. Die Bekannten meist fort durch Tschechen umgesiedelt, daß alles fremd erscheint (...). Auf baldiges allerseitiges Widersehen grüßt Euch alle herzlich Papá!"

Zu diesem Wiedersehen ist es meinen Recherchen zufolge jedenfalls im Jahr 1945 nicht gekommen. Sohn Max hatte seinem Vater auf keinen seiner Briefe geantwortet, was Großvater Peukert verärgert und voll Sorge jedes Mal erwähnte. Max befand sich 1945 in größten privaten und beruflichen Krisen und wollte sich – eine mögliche Erklärung für seine Nichtreaktion – mit seinem Vater nicht darüber austauschen. Von meiner Mutter hörte ich, dass Max 1946 seinen Vater noch in Kukan besucht habe. Meine Halbschwester meinte gehört zu haben, unser Großvater sei nach Deutschland ausgewandert und von einer Frau aufgenommen worden. Wann und wo er gestorben ist, wusste sie nicht.

Einen Großteil der Zeit, die sich Thomas Schönhoff zur Befriedigung meines Wissensdurstes genommen hatte, verbrachten wir mit der Entzifferung der Handschrift meines Großvaters. Thomas Schönhoff hatte für meinen Besuch ein Überraschungsgeschenk vorbereitet: In der Sammlung des Isergebirgsmuseums hatte er ein Foto von meinem Großvater gefunden.

Am Nachmittag nach dem ersten Rundgang durch das Isergebirgsmuseum lud mich Thomas Schönhoff zum "Kukaner Kreis" ein. Alle vierzehn Tage treffen sich hier die "letzten Kukaner" – Menschen, die als Kinder die Vertreibung erlebt haben – in einer Kaffeestube für Pensionisten. Inzwischen ist der Kreis auf ein halbes Dutzend geschrumpft. Einige von ihnen sind seit dem Fall des Eisernen Vorhanges im Urlaub in ihre alte Heimat gefahren. Andere hatten dezidiert einen Schlussstrich gezogen und wollten nicht sehen, wie sich die Ortschaft nach 1945 verändert hatte. Beim Gespräch bei Kaffee und Kuchen erfuhr ich, dass heute in Kukan noch drei deutschsprechende Frauen lebten, die Thomas Schönhoff regelmäßig besuchte.

Nun leben die "Kinder" schon 70 Jahre in Neugablonz, Luftlinie 332 Kilometer, 4,5 Autostunden von der ehemaligen Heimat entfernt. Bis auf eine Teilnehmerin, bei der die Verbitterung über den Verlust der Heimat unschwer herauszulocken gewesen wäre, sprach der "Kukaner Kreis" entspannt über die Geschichte der Vertreibung aus Nordböhmen. Die Übersiedlung der ehemaligen Gablonzer Schmuckindustrie an ihren neuen Standort sei geglückt und nicht das Schlechteste, was ihnen hätte widerfahren können. Auf meine Frage, ob die Kukaner, also ihre Eltern, vor ihrer Aussiedlung geahnt hätten, was ihnen 1945 bevorstünde, antworteten die Anwesenden ohne zu Zögern mit Nein." (Katharina Riese, Album, 3.10.2015)

Katharina Riese, geb. 1946 in Linz, lebt als Autorin in Wien. Volkskunde- und Kunstgeschichtsstudium in Wien und Basel. Zuletzt erschien: "Vilma heiratet ihre Enkelin" (Sonderzahl, 2010).

  • "Elly wird auch fort müssen": Sudetendeutsche Flüchtlinge nach deren Vertreibung aus ihrer tschechischen Heimat.
    foto: apa / sudetendeutsche landsmannschaft

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  • "Meine Kenntnis über die Person des Großvaters beschränkt sich auf die Einträge in Pfarrbüchern, ...
    foto: privat

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  • ... Kopien von Fotos, die in meinen Besitz gelangt sind, und auf familieninterne Gerüchte. ...
    foto: privat

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  • ... Geboren wurde Franz Josef Peukert am 31. Mai 1869 in Kukan. Seine beiden Eltern waren Kukaner."
    foto: privat

    ... Geboren wurde Franz Josef Peukert am 31. Mai 1869 in Kukan. Seine beiden Eltern waren Kukaner."

  • Die letzten Kukaner.
    foto: privat

    Die letzten Kukaner.

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