Fakeüberfall: Schuldsprüche in Innsbrucker Geldtransporter-Prozess

2. Oktober 2015, 10:12
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Verdächtige sollen bei zwei Überfällen fast drei Millionen Euro erbeutet haben – Strafen zwischen zwölf Monaten bedingt und viereinhalb Jahren unbedingt

Innsbruck – Ein Kriminalfall wie aus einem Actionstreifen: Der Fahrer eines Geldtransporters wird auf der Inntalautobahn von Zivilpolizisten zum Anhalten aufgefordert. Die angeblichen Beamten sind aber ein Verbrechertrio, das den Fahrzeuglenker überfällt, fesselt und mit einer Beute von fast 300.000 Euro flüchten kann. Der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma ist traumatisiert, bekommt Schmerzensgeld, die Polizei tappt im Dunkeln. Das perfekte Verbrechen. Fast.

Monatelang war diese Geschichte so in den Medien zu lesen. Sie wäre zwar filmreif gewesen, ist allerdings gänzlich erfunden – von den Tätern selbst, wie sich später herausstellen wird.

Größte Beute in Tiroler Kriminalgeschichte

Einige Monate danach – kurz vor Weihnachten 2014 – ein zweiter Überfall: Zwei Unbekannte dringen in die Räumlichkeiten derselben Geldtransporterfirma ein. Die maskierten Männer sprühen Schaum auf die Linsen der Überwachungskameras. Es werden zahlreiche Tresore geöffnet, wobei die Codes den Tätern offenbar bekannt sind. Sie stehlen einen Millionenbetrag – die größte Beute in der Tiroler Kriminalgeschichte.

Beim Prozess am Freitag am Landesgericht Innsbruck setzte sich das Puzzle dann langsam zusammen. Die fünf Angeklagten waren alle geständig. Zwei von ihnen sind ehemalige Mitarbeiter der Sicherheitsfirma.

Fingierter Raubüberfall

Das erste Verbrechen ereignete sich laut Staatsanwaltschaft folgendermaßen: Der Fahrer ließ in Jenbach einen Komplizen zusteigen. Dieser öffnete während der Fahrt den Geldbehälter. Der Fahrer fesselte und schlug sich selbst, sprach vor der Polizei von einem Überfall. Der Komplize und ein weiterer Helfer versteckten währenddessen das Geld, das später aufgeteilt wurde.

Vielleicht wäre dieser Fall nie aufgeklärt worden, hätten die Männer es dabei belassen. Ihr zweiter Coup im Dezember war dann allerdings schon wesentlich durchsichtiger: Die Täter hatten einen Schlüssel zum Tor der Sicherheitsfirma, sie kannten die Zahlenkombinationen der Tresore – alles deutete darauf hin, dass sie Insider waren.

Festnahme im Juni

Im Juni wurde das Quintett festgenommen: die zwei Mitarbeiter der Geldtransporterfirma, zwei Komplizen und der Sohn des Fahrers, der einen Teil des Geldes eingemauert haben soll, um seinem panischen Vater zu helfen. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft: schwerer Diebstahl und Betrug, Geldwäsche, Hehlerei, falsche Beweisaussage sowie Urkundenunterdrückung.

Schlussendlich wurden alle fünf Angeklagten am Freitag schuldig gesprochen. Sie fassten zwischen zwölf Monaten bedingter und viereinhalb Jahren unbedingter Haft aus. Bei der Strafbemessung wurden laut dem Richter die Geständnisse und die hohe Schadenssumme berücksichtigt. Vier der fünf Urteile sind nicht rechtskräftig.

Unterschiedliche Angaben über Beute

Eine Sache konnte nicht geklärt werden: Die Täter behaupten, beim zweiten Überfall eine Summe von rund 2,2 Millionen Euro erbeutet zu haben. Die Sicherheitsfirma spricht aber von einer Schadenssumme von 2,7 Millionen Euro – was mit der Differenz geschehen ist, wird vielleicht doch ein ewiges Rätsel bleiben. (Katharina Mittelstaedt, 2.10.2015)

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