Ich lege nicht so viel Wert auf Besitz

2. Oktober 2015, 11:29
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Martin Erasmus, Leiter der Vienna-Comix-Messe, hat zu Hause eine "comiclose Zone"

Dieses Wochenende findet die Vienna Comix statt. In seinen eigenen vier Wänden in Wien-Hernals schätzt Leiter Martin Erasmus die comiclose Zone. Wojciech Czaja war in der inszenierten Leere zu Besuch.

"Das wichtigste Möbelstück bei uns in der Wohnung ist die Hängematte aus Ecuador. Wir waren schon einige Male auf Urlaub in Südamerika, immer und immer wieder. Hängematten sind in diesen Breitengraden so selbstverständlich wie für uns Bett und Couch. Ich finde das Baumeln in der Hängematte wahnsinnig angenehm. Manchmal mache ich sogar ein kleines Nickerchen darin. Es ist, als würde man schweben. Und nach ein paar Minuten verliert man den Boden unter den Füßen. Das braucht es schon ab und zu. Wunderbar!

foto: lisi specht
Martin Erasmus mit Barbapapa, Barbamama und (lebender) Hasendame Semmel in seiner Hängematte aus Ecuador. Die Altbauwohnung im 17. Wiener Bezirk ist comiclose Zone. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Eingezogen sind wir hier vor neun Jahren. Wir ... das sind meine Lebensgefährtin Ulli und ich. Das ist eine knapp 85 Quadratmeter große Mietwohnung im 17. Bezirk. Sie war ziemlich leicht zu finden und ist auch nicht allzu teuer. Das liegt wohl daran, dass sie in einem alten, mittlerweile leicht abgelebten Gründerzeithaus liegt – dritter Stock ohne Lift. Das schreckt viele Leute ab. Für uns passt das sehr gut. Denn dafür ist die Wohnung hell, und vom Wohnzimmer schaut man auf das Hernalser Dächermeer und, über die Schnellbahnlinie hinweg, bis ins Grüne hinaus.

Vorhänge haben wir keine. Das finde ich unnötig. Und so hat sich ohne die Vorhänge eines Tages das Spiel ergeben, dass wir zwischen S45 und Wohnung, wenn wir vorbeifahren, einander zuwinken. Man kann die Silhouette am Abend wirklich gut erkennen. Das ist eine Art Ritual für Ulli und mich. Das ist das Schöne an Hernals. Mit der Bim ist man in zehn Minuten im Wienerwald und in zwanzig Minuten mitten in der Stadt. Und auf der Straße gibt es Kopfsteinpflaster. Hier hat sich der Vorstadtcharme noch ziemlich gut erhalten.

Manche sagen, die Wohnung schaut noch leer und ungenutzt aus, und können es kaum glauben, dass wir hier schon so lange wohnen. Die Leere hat aber nichts mit Disziplin zu tun. Ganz im Gegenteil! In meinem Büro, nicht weit von hier, wo wir früher übrigens auch gewohnt haben, bis uns die Decke auf den Kopf und die Schlümpfe mehr oder weniger direkt ins Bett gefallen sind, schaut es ganz anders aus. Da stapeln sich die Kartons und Comicsammlungen und Comicfiguren bis zum Plafond.

Ich kann mich noch erinnern, eines Tages sind wir von einem Flohmarkt in Amsterdam heimgekommen, wo ich unzählige Schlümpfe und diverse andere Comicfiguren gekauft hab, und ich hab sie dann zu Hause so aufgestellt, dass sie möglichst wenig im Weg sind. Scheinbar ist mir das nicht gelungen. Schon am ersten Abend meinte Ulli damals: "Ich oder die Schlümpfe!" Nun, ich wollte beides, und so haben wir uns dann auf Wohnungssuche begeben.

Ich finde es schon gut, dass die Wohnung so weiß und leer geblieben ist. Nur die Barbapapas ... ohne die kann ich nicht existieren! Das sind meine absoluten Lieblinge. Schon als Kind, als ich Betthupferl im Fernsehen geschaut habe, war ich von der Wandelbarkeit dieser Geschöpfe, dieser gesamten Barbapapa-Familie fasziniert. Die Fähigkeit hätte ich gern! Deshalb dürfen Barbapapa und Barbamama ab und zu in der Wohnung sein. Ansonsten müssen sie, wie all die anderen Comicfiguren, ab in mein Büro. Insgesamt habe ich dort einige 10.000 Figuren zusammengetragen. Von den gefühlten Millionen Comicheften ganz zu schweigen!

Abgesehen von meinen Comics würde ich sagen: Ich lege nicht so viel Wert auf Besitz. Eine Wohnung hat für mich wenig mit Gegenständen zu tun – wir haben weder Couch noch Fernseher und schon gar keine Bilder an der Wand -, sondern eher mit dem sozialen Raum des Miteinanders, der sich zwischen den Menschen in einer Wohnung aufspannt. Der einzige Wunsch, den ich hätte, aber ich fürchte, er wird sich niemals erfüllen: ein Haus an der Küste der kanarischen Insel El Hierro." (2.10.2015)

Martin Erasmus, geboren 1965 in Wien, absolvierte die HTL für Nachrichtentechnik und arbeitete einige Jahre als Jugendbetreuer. Seit damals beschäftigt er sich überwiegend mit Comics. 1993 gründete er die Messe Vienna Comix, die am Samstag und Sonntag zum 76. Mal stattfindet. Heuriger Stargast ist der Dagobert-Duck-Zeichner Don Rosa. Marx-Halle, Karl-Farkas-Gasse 19, 1030 Wien.

Link

viennacomix.at

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