Jarosinski: "Von Twitter kann man ja nicht leben"

Interview2. Oktober 2015, 07:00
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Philosophie und Weltschmerz in 140 Zeichen verpackt Germanist und "Zeit"-Kolumnist Eric Jarosinski alias @neinquarterly

Wien – 35.500 Tweets pflastern seinen Weg: Eric Jarosinski hat 2012 seine akademische Karriere als Germanist und Philosoph an den Nagel gehängt, um sich auf Twitter ein globales Publikum zu suchen. Mit Erfolg: Der Persona "NeinQuarterly" mit dem Untertitel "A Compendium of Utopian Negation" folgen 118.000 Leute. Jetzt ist sein Buch mit dem programmatischen Titel "Nein. Ein Manifest" erschienen.

STANDARD: Zum Selfie schreiben Sie: "Porträt von einem, den man früher kannte. Gemacht von einem, den man früher respektierte." Trotz Twitter-Präsenz: Sind Sie kein Freund von Inszenierung?

Jarosinski: Solche Definitionen machen mir Spaß, weil es prägnante Formulierungen sind. Ich bin kein Fan von Fotos an sich. Ich lese auch Rezensionen über mein Buch nicht. Wird es schlecht besprochen, verletzt es, und man ist traurig. Ist es gut, muss man erst damit umgehen können.

STANDARD: Sind Sie ein Misanthrop oder spiegelt sich in Ihren Tweets nur Ihr Alter Ego wider?

Jarosinski: Nein, ich bin kein Misanthrop. In meiner Perspektive steckt auch eine gewisse Naivität. Manche Texte grenzen an Kitsch. Es geht um klassische humanistische Wünsche wie Liebe, Frieden, das Schöne. Ich kann solche Sachen nur ernst nehmen, wenn es von jemandem kommt, der weiß, wie hässlich diese Welt ist, und wie gemein wir alle sind.

STANDARD: Sie gehen also nicht permanent schlecht gelaunt durch die Gegend und schreiben darüber?

Jarosinski: Nein. Wenn es so wäre, könnte ich nicht so schreiben. Was man schon sagen kann: Es ist ein Produkt einer klassischen Midlifecrisis. Mit Mitte 40 bin ich im richtigen Alter und weiß nicht, wie es mit der Karriere weitergeht. Das steckt eine klassische amerikanische Depressionsgeschichte drinnen. Alltagstragik. Das gehört zu meiner Weltsicht. Ich halte die Texte nicht alle für deprimierend.

foto: standard/cremer
Eric Jarosinski.

STANDARD: Manche Aphorismen eignen sich als Slogans. Könnte es Sie in die Werbebranche ziehen?

Jarosinski: Zum Teil mache ich das bereits. Ich habe Slogans für den Tourismusverband geschrieben. Jetzt etwas für ein deutsches Institut in New York, das mit dem Austrian Cultural Forum kooperiert. Es ging um Postkartenslogans für ein Literaturfestival. In den USA ist der blöde Film Sound of Music eine weitverbreitete Assoziation zu Österreich. Am Ende hieß der Slogan: "Austria: Looks like German, sounds like Music".

STANDARD: Sie bleiben bei Twitter?

Jarosinski: Ich versuche, so gut es geht von Kurztexten zu leben, was ja nicht so einfach ist. Bei mir geht es nur, weil meine Freundin eine richtige Stelle hat und die New Yorker Miete zahlen kann. Twitter wird es wahrscheinlich auch nicht immer geben. Die haben ja finanzielle Probleme. Nicht einmal Twitter weiß, wie man von Twitter lebt.

STANDARD: Ihre 118.000 Follower sind Ihr soziales Kapital, reichen aber nicht aus, um Ihr Leben zu finanzieren?

Jarosinski: Die Follower sind natürlich mein Kapital. Das gehört zur Kulturindustrie und hat es ermöglicht, dass ein Verlag Interesse an einem Buch hat. Ich hoffe, dass er nicht davon ausgeht, 118.000 Exemplare zu verkaufen. Von Twitter allein kann man ja nicht leben. Viele Follower sind auch tote Accounts, also nicht mehr aktive. Das darf man meinem Verlag nicht verraten (lacht). Ein Buch wird nicht einfach zum Bestseller, weil man viele Follower hat. So gesehen hoffe ich, dass ich den Markt mit meinem Buch nicht für die vielen anderen Twitterer verderbe, wenn es nicht gut läuft.

STANDARD: Follower kann man ja auch kaufen.

Jarosinski: Stimmt, aber es ist nicht nur wichtig, wie viele man hat, sondern wer sie sind. In den ersten Jahren habe ich viel zu viel getwittert und es nervt Leute, ständig Sachen vom selben Account zu sehen. Bei mir war das eine harte Suchtphase. Jene, die geblieben sind, müssen Gefallen daran gefunden haben, sonst wären sie schon längst abgehauen. In den USA haben zum Beispiel manche gesehen, dass es um deutsche Themen geht, da waren plötzlich US-Skinheads zur Stelle. Nachdem sie die politischen Sachen gesehen haben, waren sie nicht mehr so begeistert. Man muss ein Publikum erst finden.

STANDARD: Wie hat sich Ihr Twitter-Verhalten geändert? Vom Suchtfaktor zu einem normalen Maß?

Jarosinski: In der ganz harten Phase waren es wohl um die zwölf Stunden pro Tag. Ein paar Stunden tagsüber, dann bin ich ins Bett gegangen, um dann noch fünf Stunden auf Twitter zu verbringen. Dann kommen noch andere Zeitzonen ins Spiel. Leute sind zwar weit weg, wir sind aber im unmittelbaren Kontakt. Am Anfang war das ein kleines Wunder für mich. Ich war so begeistert, weil ich in meinem Akademikerleben sehr isoliert und unglücklich war. Es waren sehr, sehr viele Stunden auf Twitter, die mindestens eine Beziehung kaputt gemacht haben. Jetzt gehe ich vernünftig damit um und bin vielleicht drei Stunden pro Tag auf Twitter.

STANDARD: Es wird spekuliert, dass Twitter die 140-Zeichen-Grenze streicht, um mit längeren Texten leichter Geld verdienen zu können.

Jarosinski: Würde man anfangen mehr zu schreiben, wäre das ein Fehler. Das macht Twitter aus. Für mich war diese strenge Begrenzung erst die Befreiung. Ein Tweet ist nie zu kurz. Man sagt nicht: Das reicht nicht zum Tweet. So wie bei dem Buch. Es ist sehr schnell gelesen und man könnte sagen, das reicht jetzt nicht zum Buch. Deshalb habe ich den Namen "Nein. Ein Manifest." gewählt. Man schreibt kein sehr langes Manifest.

STANDARD: Mit welcher Strategie vermehren Sie Follower?

Jarosinski: Ich tweete nicht mehr gezielt so, dass mehr Follower kommen. Das war eine Weile so. Im ersten Jahr habe ich Tweets geschrieben, die bekannte Twitter-Persönlichkeiten gut finden könnten, um sie dann zu retweeten. So entstand ein Publikum. Wenn etwa ein Michael Moore mit Millionen Followern etwas retweetet, kommen bei einem selbst gleich ein paar Hundert dazu.

foto: standard / mark
Jarosinskis Standard-Widmung für den STANDARD.

STANDARD: Sie haben ein besonderes Verhältnis zu Sprache. Ein Aphorismus lautet: Deutsch ist die Sprache, die für die Philosophie erfunden wurde, aber für den Bau von Autos verwendet wird.

Jarosinski: Das ist ein Spiel mit verschiedenen Klischees. Man denkt einerseits an die großen Geister, gleichzeitig aber an die deutsche Technik. Das "Made in Germany": großes Denken und technologische Besessenheit in der deutschen Kultur.

STANDARD: Sehr schön ist Ihre Definition von Grammatik als "Ikea-Montageanleitungen, die in allen Ländern verschieden sind. Aber nur auf Deutsch erhältlich".

Jarosinski: Die Sprache leidet unter einer gewissen Strenge und Komplexität. Die ganz langen Komposita, also zusammengesetzte Wörter, schrecken ab, aber eigentlich ist es das Ergebnis von Flexibilität. Nicht Worte sind zu lange, sondern das Leben ist zu kurz. (Oliver Mark, 2.10.2015)

Eric Jarosinski (45) ist ein US-amerikanischer Germanist und Philosoph. Auf Twitter ist er als "NeinQuarterly" erfolgreich. In der "Zeit" veröffentlicht er wöchentlich Aphorismen. Sein Buch "Nein. Ein Manifest" erschien im Fischer-Verlag.

  • Aphorismen sind sein Brot: Eric Jarosinski alias @neinquarterly war in Wien, um sein Buch vorzustellen.
    foto: standard/cremer

    Aphorismen sind sein Brot: Eric Jarosinski alias @neinquarterly war in Wien, um sein Buch vorzustellen.

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