Musik aus Theresienstadt: Zerrissenheit und Würde

1. Oktober 2015, 17:33
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Der Verein "EntArteOpera" präsentierte im Wiener MuTh Musik, die ausschließlich im Lager Theresienstadt entstanden ist. Gegeben wurden Werke von Pavel Haas, Gideon Klein und Viktor Ullmann – Klänge, die ob ihrer Komplexität zutiefst bereichern

Wien – Wenn sich die Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten heute auf ihren langen Weg nach Europa machen, dann ist ihr Ziel ein Kontinent des Friedens und des Wohlstands. Und doch ist es nicht einmal ein Menschenalter her, dass dieser Kontinent während des Zweiten Weltkriegs seine dunkelste Zeit erlebte.

Im MuTh erinnerte der Verein EntArteOpera mit mehreren Veranstaltungen an jene Jahre, als etwa im Augarten noch die Geschütze auf den Flaktürmen feuerten, als in den vier Sammellagern im Zweiten Bezirk die jüdische Wiener Bevölkerung zusammengepfercht und von dort in die sogenannten Konzentrationslager abtransportiert wurde.

Theresienstadt war das "Vorzeigelager" des NS-Regimes, zur Demonstration eines "normalen Lebens" auf "jüdischem Siedlungsgebiet" – so die grausam-sarkastische NS-Amtssprache – durfte hier sogar musiziert werden. Neben einer Ausstellung in der Aula der Akademie der Bildenden Künste, Komm mit nach Terezin, präsentierte die von Susanne Thomasberger geleitete EntArteOpera drei Konzerte im MuTh, deren Programme ausschließlich Werke enthielten, die in Theresienstadt entstanden sind.

Am letzten Abend leitete mit Martin Sieghart ein Mitstreiter von Thomasberger das Georgische Kammerorchester Ingoldstadt. Sieghart hat in den letzten Jahren die tollen EntArteOpera-Produktionen von Franz Schrekers Der Schatzgräber und Walter Braunfels‘ Ulenspiegel in der Linzer Tabakfabrik dirigiert.

Der Österreicher und die großteils packend und energisch musizierenden Ingoldstädter präsentierten zuerst die mit motorischer Kraft erfüllte Studie für Streichorchester von Pavel Haas, welcher Sieghart in einer kurzen Ansprache eine "unglaubliche Zerrissenheit" attestierte. Die Partitur des Werks blieb verschollen, Dirigent Karel Ancerl rekonstruierte sie aus Stimmenmaterial, welches im Lager gefunden wurde.

Der tschechische Komponist Vojtech Saudek arrangierte Gideon Kleins letztes Werk, ein Streichtrio, zur Partita für Streicher um. Klein vollendete das Werk neun Tage vor seiner Deportation nach Auschwitz. Der Mittelsatz, ein Variationssatz, beeindruckte ob seiner Komplexität. Reiche, bereichernde Musik, die nicht nur zu Gedenkanlässen gespielt werden sollte.

Bei Viktor Ullmanns letztem Werk, dem Melodram Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, sprach Ingrid Habermann in eindrücklicher Weise die Prosadichtung von Rainer Maria Rilke. Zum Abschluss sang sich der Mozart Knaben- und Mädchenchor Wien (Leitung: Peter Lang) mit Hans Krásas kurzer Kinderoper Brundibár (in der Theresienstädter Fassung) in die Herzen der Zuschauer.

Vor 71 Jahren wurden die meisten Kinder, die diese Oper in Theresienstadt vor den Besuchern des Internationalen Roten Kreuzes gespielt hatten, danach nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hierüber kann man nur verstummen und danach seine Stimme dafür erheben, dass solche Zeiten nie mehr wiederkommen. (Stefan Ender, 1.10.2015)

  • Komponist Gideon Klein: Sein Streichtrio vollendete er neun Tage vor seiner Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz.
    foto: muth

    Komponist Gideon Klein: Sein Streichtrio vollendete er neun Tage vor seiner Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz.

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