"Inside Out": Das Chaos, das wir in uns selbst anrichten

2. Oktober 2015, 05:30
93 Postings

Mit dem Animationsfilm zeigt sich das Pixar-Studio wieder in Form. Er führt in die Innenwelt eines elfjährigen Mädchens und malt sich das weite Feld der Seele als kunterbunten Themenpark aus

Wien – Animationsfilme kennen keine Grenzen, abgesehen von jener allerletzten unserer Vorstellungskraft. Inside Out (Alles steht Kopf), der jüngste Film von Pixar, dem Vorreiterstudio auf dem Feld digitaler Animationen, stellt diese Möglichkeiten gleich in doppelter Hinsicht unter Beweis. Denn er führt dorthin, wo das Chaos unseres Ichs geordnet wird – in jene Welt, in der Wahrnehmungen prozessiert werden, bis daraus Entscheidungen und Taten reifen, sich endlich ein Charakter formt. Kurzum: in den Kopf.

In jenem der elfjährigen Riley sieht es allerdings anders aus, als man vermuten würde. Der Kontrollraum erinnert eher an jenen der Enterprise, nur dass hier nicht Kirk, Spock und Uhura Knöpfe drücken, sondern Freude, Angst, Ekel, Wut und Kummer. Während Freude (im Original Amy Poehler), eine Frau mit kurzem blauem Haar und unerschöpflicher Lebenslust, die Rolle des Kapitäns innehat, bringen die anderen vier Unsicherheitsfaktoren mit sich. Angst (Bill Hader), ein schmales Männlein mit Fliege, erklärt den Tag schon für gelungen, wenn ihn Riley überlebt.

Erinnerung als Lottokugel

Regisseur Pete Docter, der mit Up 2009 den letzten rundum originellen Pixar-Film verantwortete, bevor man mit Recycling vergangener Erfolge auf Nummer sicher ging, hat in der Ausgestaltung Rileys Innenwelt Erstaunliches vollbracht. Wie bei einer überdimensionalen Lottoziehung rollen hier ohne Ende Kugeln über unüberschaubare Bahnen, in denen Erinnerungen, die Bausteine für Rileys Persönlichkeit, konserviert werden. Wesentliche Grundpfeiler – Eishockey, ihr Lieblingssport, das Familienglück, eine Spaßinsel – werden wie Motoren regelmäßig aktiviert.

Von den fünf Emotionen, die Pixar mithilfe von Wissenschaftern als die bedeutendsten ausgemacht hat, ist Kummer (Phyllis Smith) – ein traniges Wesen, das sich am liebsten jammernd auf dem Boden wälzt – diejenige, mit der Freude, nun, wenig Freude hat. Eine naheliegende Gegnerschaft, die sich dank der psychologischen Expertise der Autoren jedoch als vielschichtiger erweist. Die Krise kommt dennoch. Riley zieht mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco, wo nicht nur ekliger Broccoli auf der Pizza gereicht wird, sondern auch die Familie aus der Spur gerät. Analog dazu verlieren sich Freude und Kummer im weiten Feld von Rileys Seelenhaushalt – mit drastischen Folgen für ihr Gleichgewicht.

Was dann einsetzt, könnte man auch als Roadmovie durch theoretische Gedankenwelten bezeichnen – es gibt sogar einen flotten "train of thought". Großartig ist auch jene Passage, die verblassende Erinnerung als Abstraktionsschub veranschaulicht, in dem die Figuren in kubistische Formen zerbrechen; oder das Wörtlichnehmen der Metapher von der Traumfabrik als TV-Studio, in dem Erfahrungen des Tages so richtig schlecht neu inszeniert werden – und sich rosa Einhörner wie Hollywooddiven benehmen.

Ein bewährtes Rezept von Pixar war es schon immer, an vertraute Referenzsysteme wie das der Popkultur anzuschließen, so weit es auch in die Fantasie geht. Und dass sie bei all dem Spaß nicht auf die Notwendigkeit von Wehmut vergessen, das ist vielleicht sogar das Schönste daran. (Dominik Kamalzadeh, 2.10.2015)

  • Die Angst (li.) schmeißt wieder einmal die Nerven weg: Im Kontrollraum im Kopf der elfjährigen Riley sind die Emotionen um Teamwork bemüht, Freude (Mitte, neben Ekel) ist in "Inside Out" die treibende Kraft für Ausgeglichenheit.
    foto: pixar

    Die Angst (li.) schmeißt wieder einmal die Nerven weg: Im Kontrollraum im Kopf der elfjährigen Riley sind die Emotionen um Teamwork bemüht, Freude (Mitte, neben Ekel) ist in "Inside Out" die treibende Kraft für Ausgeglichenheit.

  • disney deutschland

    Deutschsprachiger Trailer.

  • movieclips trailers

    Englischsprachiger Trailer.

Share if you care.