"Wolken lösen sich in Wasser": Tastende Kunsttentakel

1. Oktober 2015, 17:07
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Der Steirische Herbst präsentiert eine Ausstellung mit Performances im obersteirischen Leoben. Geschickt tastet sich das Festival in die Obersteiermark hinauf. Die Schau wurde von Ulla von Brandenburg gestaltet

Leoben – Wer in dieser Stadt aufgewachsen ist, weiß, dass Leoben die Entdeckung internationaler zeitgenössischer Kunst noch weitgehend vor sich hat. Jetzt sickert auf pionierhafte Initiative des Steirischen Herbstes eine Möglichkeit dafür ein: in Form der Ausstellung Wolken lösen sich in Wasser, die von der renommierten deutschen Künstlerin Ulla von Brandenburg gestaltet wurde.

Eine Voraussetzung dafür lieferte Leoben bereits 2013 selbst durch die Widmung einer alten Immobilie für Kulturveranstaltungen. Seit dem Vorjahr steht die Porubsky-Halle zur Verfügung, ein ehemaliges Kohlenlager im Vorort Leitendorf zwischen den Gemeinden Göß (Bier), Donawitz (Stahl) und Leoben-Stadt (Montanuniversität).

Bunte Hintergrundvorhänge

Bisher wurden dort meist Veranstaltungen à la Trachten-Clubbing geboten, also Ereignisse, die nicht wirklich eng an die Ästhetiken gegenwärtigen Kunstschaffens angebunden waren. Mit Wolken lösen sich in Wasser landet daher durchaus so etwas wie ein Kultur-Alien in Leitendorf.

Brandenburg hat die Halle in einen Ausstellungs-, einen Theater- und in einen Kommunikationsraum dreigeteilt – als Installation und damit als Kunstwerk, das auch Arbeiten anderer Künstler in sich aufnimmt. Das Publikum tritt durch hintereinander gehängte, teils rohe, teils bunte Bühnenhintergrundvorhänge in den knapp gehaltenen Ausstellungsteil aus Stellwänden, die streng geometrisch mit kräftigen Farben angestrichen sind. Von da öffnet sich der Theaterraum mit Sitzbänken und einer halbrunden Spielfläche.

Heilige Orte und Objekte

Zu den Highlights in dieser Installation zählt eine Büste aus ungebranntem Ton, die sich in einem Aquarium langsam auflöst: Length of a Legacy. Dieses Denkmal für Thomas Midgley, den Erfinder der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), stammt von dem Iren Stéphane Béna Hanly. Überzeugend ist auch ein Video aus dem Jahr 2007 von Harun Farocki. Seine Übertragung dokumentiert die Faszination heiliger oder angeblich Kraft oder Heilung bringender Orte und Objekte.

Mit zwei Arbeiten ist auch Mikala Dwyer vertreten. Eine lose hängende Farbkomposition schlägt die Verbindung zu ihrer Installation in der Schau Hall of Half-Life im Graz-Museum. Und eine Kostümserie, die auch für eine Performance genutzt wurde, referiert auf Dwyers Laufschriftband an der Vorderfront eines Eisenschmelzofens in Vordernberg. Das gesamte Projekt der Australierin heißt Saint Jude's Leftovers. So hat sich der Steirische Herbst geschickt mit thematischen Tentakeln von Graz in die Obersteiermark hinaufgetastet.

Noch in Leoben zu erleben sind eine "Bild-Prozession" der Gruppe Fourdummies, die installative Performance Etiquette der Briten Rotozaza, Márcio Carvalhos performative Arbeit Here After There, weiters Retrokino, Kleidertausch und ein Poetry-Slam. (Helmut Ploebst, 1.10.2015)

Ausstellung bis 17. 10.

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Steirischer Herbst

  • Vielfältig begehbar wird die Leobener Porubsky-Halle, ein ehemaliges Kohlenlager im Vorort Leitendorf.
    foto: gudrun becker

    Vielfältig begehbar wird die Leobener Porubsky-Halle, ein ehemaliges Kohlenlager im Vorort Leitendorf.


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