Wenn die Vergangenheit ungefragt zurückkehrt

2. Oktober 2015, 09:00
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Der Argentinier Mariano Pensotti zeigt mit seiner Grupo Marea "Cuando vuelva a casa voy a ser otro"

Graz – Argentinien, Ende der 1970er-Jahre. Ein Revolutionär muss Gegenstände, die ihm gefährlich werden könnten, verschwinden lassen. Er vergräbt sie. Als er sie nach dem Ende der Militärdiktatur wieder ans Licht holen will, findet er sie nicht mehr. Die Zeugen seiner Vergangenheit tauchen aber später wieder auf, als er nicht mehr mit ihnen rechnet.

Das ist eine von mehreren Geschichten, die der als genialer Erzähler bekannte Regisseur und Autor Mariano Pensotti in seinem Stück Cuando vuelva a casa voy a ser otro ("Wenn ich zurückkomme, bin ich ein anderer") dem Publikum mitbringt. Die Geschichte des Revolutionärs hat ein historisches Vorbild und wird auf der Bühne Hintergrund für weitere: etwa jene eines Theaterchefs, der sein einziges erfolgreiches Stück wiederaufführen will.

Ein Problem, das Pensotti sicher nicht kennt, denn in der Karriere des 1973 Geborenen gibt es jede Menge erfolgreiche Stücke und Projekte. Dabei kam der Argentinier schon 2008 nach Graz, um das Stück kollege von niemand des Grazers Johannes Schrettle zu inszenieren. Auch 2010 war er mit einer Uraufführung in Graz beim Steirischen Herbst: Für die Enzyklopädie des ungelebten Lebens bat er 18 Schriftsteller und Dramatiker aus der ganzen Welt um ihre Versionen ungelebter Leben. Das Ergebnis war ein kluger und kurzweiliger Theaterabend. Damals war Pensotti freilich noch ein Geheimtipp, sieben Jahre später wird er an internationalen Bühnen herumgereicht.

Dabei tauchen die Themen Zeit, Vergangenheit und Lebensläufe wiederkehrend in Pensottis Arbeiten auf. So gesehen drängte sich eine Pensotti-Arbeit bei dem diesjährigen Leitmotiv des Festivals "Back to the Future – Relikte, Spuren und andere Hinterlassenschaften" geradezu auf.

El pasado es un animal grotesco ("Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier") hieß etwa eines seiner Stücke, dessen Handlung zum Teil in Buenos Aires spielt und in dem Pensotti ebenso mehrere Lebenslinien mittels Montage miteinander verschachtelt. Dabei wird geografisch und chronologisch kreuz und quer gesprungen.

Dass Pensotti Film und visuelle Künste studierte, bevor er vom Theatervirus infiziert wurde, merkt man seinen Arbeiten manchmal an – im positivsten Sinn. Eines seiner jüngeren Werke heißt Filmmakers. Dort sinniert er darüber, ob künstlerische Arbeiten nicht so etwas wie Zeitkapseln sind, in denen wir unser vergängliches Sein für die Nachwelt erhalten wollen. Für ein Festival, das sich auf die Suche nach Errungenschaften macht, die es zu konservieren gilt, ist das wohl der richtige Ansatz.

Kunst ist für Pensotti immer auch politisch, schon durch das Zusammenarbeiten mehrerer Menschen an einem Stück. In Cuando vuelva a casa voy a ser otro, das Pensotti mit seiner Grupo Marea auf die Bühne stellt, wird sie auch eine offensichtliche Rolle spielen: auch in der Geschichte eines erfolglosen Politikers. (cms, Spezial, 2.10.2015)

Mumuth, 9. & 10. 10., 19.30


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier, heißt es in einer älteren Arbeit Pensottis. Manchmal begegnet sie einem auch als Löwin.
    foto: beniamin boar

    Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier, heißt es in einer älteren Arbeit Pensottis. Manchmal begegnet sie einem auch als Löwin.



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