Ein heißer Tanzplatz der Sprache

2. Oktober 2015, 09:00
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Der französische Performancekünstler Joris Lacoste orchestriert in seiner "Suite N°2" die Wirkungen von Worten. Dazu nutzt Lacoste sein spezielles Archiv, in dem er Texte, Ton- und Bildaufnahmen gespeichert hat. Mit dabei: Hoffnung, Politik und Glück

Graz – Mit ideellem Reichtum gesegnet können jene sein, die über ein Archiv verfügen. Je nach Art der Erschließbarkeit haben Archive unterschiedliche Eigenschaften. Dazu gibt es viel Literatur, etwa Jacques Derridas Buch Dem Archiv verschrieben oder Das Rumoren der Archive von Wolfgang Ernst. Für den bibliothekarisch denkenden Philosophen Michel Foucault galt, dass Archive die Voraussetzung für die Existenz von Aussagen einer Kultur bilden.

Der 1973 geborene französische Performancekünstler Joris Lacoste hat ein spezielles Archiv mit Tausenden von gesprochenen Texten erstellt, die als Ton- oder Ton-Bild-Aufzeichnungen nach formalen Kriterien gespeichert sind. Ein unbezahlbarer Schatz, vor allem für einen, der diese Sammlung produktiv nutzen will und kann. Lacoste hat das Zeug dazu, wie er jetzt beim Steirischen Herbst zusammen mit dem 2007 von ihm ins Leben gerufenen Kollektiv Encyclopédie de la parole in Suite N°2 unter Beweis stellt.

Diese Arbeit ist Teil des Zyklus Suites chorales, in dem Sprache und Musik nicht in Form von Gesang, sondern als gesprochene, inszenierte und choreografierte Strukturen miteinander verknüpft werden. Im ersten Teil des Suiten-Projekts gibt es sogar einen Dirigenten, der bis zu 22 Sprecherinnen und Sprecher organisiert. Suite N°1, ABC ist ein Chor der Alltagssprache, der eine Hommage an die Vielfalt der oralen Ausdruckmöglichkeiten – zur Freude des Publikums inklusive verbaler Invektiven – vorträgt: die Aussagen von Kultur diesseits der Kunst.

In der zweiten Suite werden nun von fünf Performerinnen und Performern reale Sprachereignisse aus Lacostes Archiv orchestriert (der griechische Begriff "orchestra" bedeutet "Tanzplatz"), die alle auf unterschiedliche Art den Lauf der Geschichte beeinflusst haben. In gewisser Weise geht es dabei auch um den Sprechakt nach John L. Austin und John Searle, also um Worte, die – wie etwa bei Gerichtsurteilen – als Handlungen wirken. Im weiteren Sinn ist ein Sprechakt "ausgesprochene" Veränderung der Wirklichkeit. Dazu gehören auch Warnungen, Beleidigungen oder Versprechen.

Kriegs- und Liebeserklärung

Was Joris Lacoste hier in sich steigernder Form zur Aufführung bringt, ist eine kompositorische Umsetzung dieser Akte: von der Kriegs- bis zur Liebeserklärung, von einer Versteigerung über politische Reden bis hin zu Sex-Chats.

Es sind Worte, die zusammenführen oder trennen, die töten, kämpfen, Hoffnung machen, die tanzen, Glück bewirken oder Streiks bedeuten. Dabei kommen nicht weniger als fünfzehn Sprachen zum Einsatz. Die Körper bewegen sich hier nur wenig, aber die in den hier vorgetragenen Aussprüchen geladenen Wirkungen enthalten eine choreografische Dynamik, die es in sich hat. Und die auch zu spüren ist.

Das Vorgängerwerk des Suites chorales-Zyklus, aus dem sich dieser entwickelt hat, nannte Lacoste "Parlement". Darin sprechen hundert Stimmen aus einem Körper: ein Orchester, das jene zahllosen Einflüsse hör- und greifbar macht, die jedes Individuum choreografieren.

Darin brilliert Emmanuelle Lafon, die auch in der Suite N°2 auftritt – übrigens neben der kroatischen Choreografin Barbara Matijevic, die ihre ausgezeichneten Arbeiten auch schon in Österreich präsentiert hat. (Helmut Ploebst, Spezial, 2.10.2015)

Orpheum, 15. 10., 19.30 + 16. 10., 21.30


Spezial Steirischer Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

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