Chinas Wachstumsstory erzeugt Skepsis

1. Oktober 2015, 13:14
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Die Ratingagentur S&P rechnet für 2016 nur mehr mit einem BIP-Anstieg von 4,4 Prozent, die Führung in Peking ortet eine angemessene Spanne

Shanghai – Chinas Wachstum gibt vielen Experten Rätsel auf: "Wie kann die Wirtschaft um sieben Prozent zulegen?", fragt sich ein Firmenvertreter, der im Reich der Mitte Handelskontakte mit einheimischen wie auch ausländischen Unternehmen pflegt. Zurzeit laufen seine Geschäfte schlecht. Von Wachstum könne keine Rede sein und bei den Kunden wohl ebenfalls nicht. Er ist mit seiner Skepsis nicht allein.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat sich bei 13 Vertretern internationaler Konzerne und Finanzinstitute in China umgehört. Neun von ihnen schließen aus ihrem eher schwachen Geschäftsumfeld, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eher bei drei bis fünf Prozent anzusiedeln ist.

Dazu passt, dass die Ratingagentur S&P für 2016 nur noch mit einem BIP-Zuwachs in China von 4,4 Prozent rechnet. Die Führung in Peking betont jedoch stets, das Wachstum der Wirtschaft laufe weiter in einer "angemessenen Spanne". Die Regierung könne dieses Jahr ihr Ziel einer Zuwachsrate von sieben Prozent erreichen. Dies wäre allerdings das schwächste Wachstum seit einem Vierteljahrhundert für das Schwellenland, nachdem die Wirtschaft 2014 um 7,3 Prozent zugelegt hatte.

Licht und Schatten

Ökonom Zhou Hao, der für die Commerzbank in Singapur arbeitet, kann die veröffentlichten Wachstumszahlen nicht so recht nachvollziehen: "Viele üblicherweise als verlässliche Indikatoren geltende Kennzahlen wie etwa die Energieleistung und der Güterverkehr auf der Schiene weisen deutliche Abweichungen vom BIP-Wachstum auf." Doch in den einzelnen Wirtschaftssparten liegen Licht und Schatten eng bei einander. Ein Vertreter eines Einkaufscenter-Betreibers klagt in der nicht repräsentativen Reuters-Umfrage über stagnierende Umsätze gegenüber dem Vorjahr. Manager aus den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und E-Commerce berichten hingegen von weiterhin zweistelligen Wachstumsraten. "Es ist sehr gut möglich, dass das BIP von Faktoren angetrieben wird, die wir nicht sehen – zum Beispiel staatlichen Investitionen in die Infrastruktur", sagt ein Vertreter eines japanischen Textilgroßhändlers: "Wenn es so ist, kommt das Geld aber nicht richtig in der Wirtschaft an."

Umsatzplus im Einzelhandel

Die Umsatzzahlen im Einzelhandel weisen für die ersten acht Monate gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar ein Plus von mehr als zehn Prozent aus. Doch es mehren sich die Anzeichen, dass die Kauffreude der Konsumenten etwas nachlässt – vielleicht auch als Reaktion auf den Kursrutsch an den Börsen im Sommer. Diesen Eindruck gewinnt auch Xie Zongyao, der eines der großen Einkaufszentren in Shanghai leitet: "Die Verbraucher sind bei Edelmarken vorsichtiger geworden und schauen eher auf das Preis-Leistungsverhältnis." Auch der Automarkt, der größte weltweit, geriet ins Stocken. Seit Ende der 1990er-Jahre ging es steil bergauf, wovon auch deutsche Hersteller wie Volkswagen oder BMW stark profitierten. In den ersten acht Monaten 2015 stagnierte der Markt allerdings. Im August gab es sogar ein Minus von drei Prozent. Die deutsche Automobilindustrie hat ihre Absatzprognose für China angesichts der Flaute in den vergangenen Monaten bereits zurückgeschraubt.

Trotz all dieser Bremseffekte wird das Wirtschaftswachstum nach Ansicht der Statistiker in Peking vorerst nicht weiter abkühlen. Damit die Zweifel an dem offiziellen Zahlenwerk ausgeräumt werden, will China das BIP künftig nach neuen Regeln berechnen, die internationalen Standards genügen. Premiere ist bereits am 19. Oktober, wenn die Zahlen für das dritte Quartal anstehen. Der Zuwachs des BIP könne im dritten Quartal zwar von der im Frühjahr erreichten Zahl von sieben Prozent etwas abweichen, räumt der Sprecher des nationalen Statistikbüros jüngst ein: "Aber die Veränderung nach oben oder unten wird nicht groß sein." (APA, 1.10.2015)

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