Bronzezeitliche Briten konservierten ihre Toten

1. Oktober 2015, 02:00
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Forscher finden Hinweise, dass Mumifizierung auf den Britischen Inseln weiter verbreitet war als bisher gedacht

Sheffield/Wien – Ausgrabungen in den Überresten eines bronzezeitlichen Dorfes namens Cladh Hallan auf den Hebriden haben 2001 einen gleichermaßen spektakulären wie mysteriösen Fund ans Licht gebracht: Britische Archäologen stießen unter dem Fußboden eines der sieben Rundbauten auf zwei gut erhaltene Skelette. Zur regelrechten Sensation geriet der Fund nach den folgenden Untersuchungen. Diese ergaben nämlich, dass die Toten erst 300 bis 600 Jahre nach ihrem Dahinscheiden unter die Erde gekommen waren.

Weitere Analysen der Knochen bestätigten den Anfangsverdacht: Bei den Gebeinen handelte es sich ursprünglich um Mumien – die ersten auf den Britischen Inseln und mit über 3.000 Jahren die ältesten Europas. Haltbar gemacht wurden die Leichen, indem man sie für mehrere Monate in einem Torfmoor versenkte. Richtiggehend unheimlich wurde es, als sich herausstellte, dass die beiden Skelette aus zahlreichen Einzelteilen von insgesamt sechs Personen unterschiedlicher Epochen bestanden. Was es mit diesem makabren Körperteile-Puzzle auf sich hatte, konnten die Wissenschafter noch nicht erhellen.

Ebenso wenig war bisher klar, ob der schottische Mumienfund als Ausnahmeerscheinung gelten sollte oder auch andere bronzezeitliche Briten ihre Toten mumifizierten. Der Archäologe Tom Booth und sein Team von der University of Sheffield sind nun überzeugt davon, dass Letzteres der Wahrheit näherkommt. In ihrer im Fachblatt "Antiquity" präsentierten Studie gelangen die Forscher sogar zu dem Schluss, dass Mumifizierung auf den Britischen Inseln weit verbreitet war.

Diesem Ergebnis gingen aufwendige Untersuchungen voraus, denn ob eine frühere Mumifizierung vorliegt, lässt sich auf den ersten Blick kaum sagen. Das Klima auf den Britischen Inseln wirkt sich nicht gerade günstig auf konservierte Körper aus. Früher oder später bleiben trotz aller konservatorischen Anstrengungen allenfalls die Knochen übrig.

Zum Glück für die Wissenschafter kann man auch an den Gebeinen eine lange zurückliegende Mumifizierung ablesen: Verwest ein Körper auf herkömmlichem Weg, hinterlassen Fäulnisbakterien typische Erosionsspuren auf den Knochen. Mumiengebeine zeigen diese Bioerosion hingegen nicht oder nur kaum.

Bronzezeit in neuem Licht

Mit diesem Wissen verglichen die Forscher 300 Proben aus bronzezeitlichen Gräbern aus ganz Europa mit einer prähistorischen Mumie aus dem Jemen, konservierten Körperteilen aus Irland und den Mumien von Cladh Hallan. Tatsächlich erwiesen sich 16 der 34 britischen Skelette als weitgehend frei von Bioerosion – sie waren also ursprünglich mumifiziert worden.

Für Booth hat das weitreichende Folgen: "Die Vorstellung, dass viele bronzezeitlichen Gesellschaften Ressourcen in die Konservierung ihrer Toten steckten, könnte ein völlig neues Licht auf diese Zeit und ihre Rituale werfen." (tberg, 1.10.2015)

  • Eine der Mumien von Cladh Hallan im Norden Schottlands. Rätselhafterweise bestand der Leichnam aus Teilen mehrerer Personen. Dass die Totenkonservierung auf den Britischen Inseln kein Einzelfall war, belegt eine aktuelle Studie.
    foto: mike parker pearson / sheffield university

    Eine der Mumien von Cladh Hallan im Norden Schottlands. Rätselhafterweise bestand der Leichnam aus Teilen mehrerer Personen. Dass die Totenkonservierung auf den Britischen Inseln kein Einzelfall war, belegt eine aktuelle Studie.

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