Afghanistan: Die Rückkehr der Religionsschüler

Analyse30. September 2015, 17:26
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Mit der Einnahme von Kundus haben die 2001 von den USA entmachteten Taliban ihren Herrschaftsanspruch bestätigt. Der Westen steht vor den Trümmern seiner Afghanistan-Politik

Dass die Taliban nach ihrem Einmarsch in Kundus zuerst einmal beruhigende Botschaften an die Bevölkerung absetzten, ist Teil ihrer sozialen Anpassungsfähigkeit: Auch Bewegungen wie die ihre können nicht völlig ohne zumindest anfängliche Akzeptanz reüssieren. Das heißt nicht, dass, wenn für nötig erachtet, nicht sofort die Ausübung von Gewalt – unter anderem besonders gegen Frauen – abrufbar wäre: Jedem Widerstand wird durch Terror das Wasser abgegraben. Die Taliban sehen sich selbst als strenge, aber nach ihren Prinzipien gerechte Ordnungsmacht. So begann auch ihr Aufstieg im Afghanistan Mitte der 1990er-Jahre.

Afghanistan war nach der sowjetischen Besatzung 1979 zu einem der heißen Schauplätze des Kalten Kriegs geworden: Beim Kampf gegen die Sowjets stützten sich die USA über den Umweg von Saudi-Arabien und Pakistan auch auf Islamisten – die sich zu miteinander konkurrierenden Warlords entwickelten, die nach dem Abzug der Sowjets ihren eigenen Krieg weiterführten.

Die Taliban-Bewegung entstand unter jungen afghanischen Paschtunen, die, nach Pakistan geflüchtet, in Religionsschulen gesammelt und indoktriniert wurden. Ein radikaler Islam, untermauert vom extrem konservativen paschtunischen Sitten- und Rechtskodex (Paschtunwali), ergab die Ideologie, der eine erschöpfte afghanische Bevölkerung nichts mehr entgegenzusetzen hatte. 1994 setzten sich die Taliban in der Provinz Helmand und in Kandahar – die erste wichtige Stadt, die sie eroberten – fest. 1996 marschierten sie in Kabul ein und errichteten dort ihr "Islamisches Emirat". Anerkannt wurde dieses nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – aber auch in den USA gab es Leute, die unter dem Titel "Stabilisierung" Afghanistans das radikalislamistische Regime mit Interesse beobachteten.

Das Jahr 2001

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre setzten die Taliban ihren Eroberungszug in anderen Teilen Afghanistans fort – ihr wichtigster politischer und militärischer Gegner war Ahmed Schah Massud, der am 9. September 2001 – also zwei Tage vor den Angriffen Al-Kaidas in den USA – bei einem Attentat getötet wurde. Bereits im März 2001 hatten die Taliban die Buddhastatuen von Bamyan als "unislamisch" zerstört.

Die Taliban hatten der von Osama Bin Laden – einer der islamistischen Kämpfer, die der Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan geformt hatte – aufgebauten Terrororganisation Al-Kaida in ihrem "Emirat" Gelegenheit geboten, sich auf ihren Kampf, nun gegen den Westen, vorzubereiten. Nach 9/11 forderten die USA die Taliban auf, Bin Laden auszuliefern. Als sie dem keine Folge leisteten, griffen die USA im Oktober 2001 Afghanistan an, der Uno-Sicherheitsrat hatte zuvor das amerikanische Selbstverteidigungsrecht bestätigt. Auch in der Nato wurde der Verteidigungsfall ausgerufen.

Die Führung der Taliban und Al-Kaidas ging in Pakistan in den Untergrund – Mullah Omar starb 2013 (sein Tod wurde bis 2015 geheim gehalten) unbehelligt, während Bin Laden 2011 in Pakistan gestellt und getötet wurde.

Anfängliche Hoffnung

Im Vergleich mit dem Irak, wo sich die Lage bereits in den Monaten nach dem US-Einmarsch 2003 verschlechtert hatte, gab es in Afghanistan in den ersten Jahren Hoffnung auf eine langsame Entwicklung nach oben. Das Set von oft aus dem Exil kommenden afghanischen Politikern, unter anderem der spätere Präsident Hamid Karsai, war jedoch im Lande schlecht verankert und bald von Korruptionsvorwürfen belastet.

Ein taktischer Fehler der USA war auch, Taliban und die – arabisch geführte – Al-Kaida in einen Topf zu werfen: Die Taliban stilisierten sich hingegen als paschtunische Widerstandsbewegung gegen die neue Ordnung und gewannen an Kraft, als das Engagement der USA – das längste seit dem Vietnamkrieg – und der internationalen Truppe Isaf zurückgefahren wurde.

Einen Paradigmenwechsel stellt die Einsicht der afghanischen Regierung unter dem 2014 gewählten Ashraf Ghani, aber auch der USA dar, dass ein Dialog mit den Taliban nötig sei, will man Afghanistan befrieden. Die Taliban verfolgen in dieser Hinsicht keine klare Linie. Ihr neuer Führer Mullah Akhdar Mansur, der einen Teil der Familie des verstorbenen Mullah Omar gegen sich hatte, muss sich erst konsolidieren: Seine militärischen Erfolge werden ihm dabei helfen. (Gudrun Harrer, 30.9.2015)

  • Eine Gruppe Taliban im Juni 2001 nahe Kabul. Im Oktober 2001, kurz nach den Terroranschlägen von 9/11, griffen die USA Afghanistan an.
    foto: reuters/salahuddin

    Eine Gruppe Taliban im Juni 2001 nahe Kabul. Im Oktober 2001, kurz nach den Terroranschlägen von 9/11, griffen die USA Afghanistan an.

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