Flüchtlinge im Niger: Nächstes Mal mit dem Flugzeug nach Europa

1. Oktober 2015, 10:00
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Junge Afrikaner machen sich von Agadez aus auf den Weg. Die Reise ist lang und beschwerlich, vielen fehlt das Geld

"Schau dir die an. Sie warten alle auf Geld. Es gibt welche, die den manchmal ganzen Tag warten und hoffen, dass die Familie anruft", flüstert Hamidou Ali. Vorsichtig zeigt er auf vier magere, junge Männer, die abgewetzte Jeans und zu große T-Shirts tragen. Tatsächlich spielt einer von ihnen mit seinem Handy und schaut zur Bankfiliale auf der anderen Straßenseite. Eigentlich versuchen die Migranten, so unauffällig wie möglich zu sein. Doch montags lässt die Vorsicht nach. Abends starten die überladenen Pick-ups, die sie ein Stück näher nach Europa bringen. Wer Glück hat, bekommt rechtzeitig Geld von der Familie geschickt und kann sich für umgerechnet 230 Euro einen Platz kaufen.

Hamidou Ali ist Schneider und hat sein ganzes Leben in Agadez verbracht. "Als die Touristen noch kamen, war es eine andere Stadt", erinnert er sich. Europäer reisten über Algerien in den Niger, um ihre Autos zu verkaufen. Banditen und Terrororganisationen haben den Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle in einem der ärmsten Länder der Welt, aber fast vollständig zum Erliegen gebracht.

Agadez ist trotzdem gewachsen und boomt – dank der Migranten. 1000 bis 2000 kommen Schätzungen zufolge jede Woche. Früher wollten längst nicht alle nach Europa, sondern suchten sich in Algerien oder Libyen Arbeit. Doch seit dem Sturz Gaddafis ist das nordafrikanische Land nur noch ein Zwischenstopp.

Schärferes Gesetz gegen Menschenhandel

Vor der Bank steht einer der Männer auf, um sich die Beine zu vertreten. Auf die Frage, was er von Europa erwartet, schüttelt er den Kopf. Öffentlich redet niemand gerne darüber. Seit Mai gibt es ein neues Gesetz im Niger, dass Menschenhandel mit bis zu 30 Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Daraufhin kam es in Agadez zu Verhaftungen, ausgerechnet nachdem ein BBC-Team eine Unterkunft für Migranten besucht hatte. Das Misstrauen ist groß.

Eingedämmt hat das neue Gesetz die Flucht nach Europa trotzdem nicht. "Ich habe einige Bekannte, die Ghettos betreiben", erklärt Hamidou Ali. Das sind Hinterhöfe, in denen die Migranten auf ihre Weiterreise warten. Für die Besitzer ist es ein gutes Geschäft. Sie vermitteln außerdem die Plätze auf den Pick-ups und bezahlen wiederum die Mittelsmänner, die die jungen Männer in ihre Quartiere bringen. Diese greifen sie vor den Toren von Agadez ab, wenn sie nachts aus der Hauptstadt Niamey ankommen.

Nach einigen Überlegungen sagt der junge Mann, der aus dem Senegal kommt, doch etwas: "Ich habe zu Hause keine Arbeit gefunden." Seit vier Wochen ist er unterwegs. Für die Reise hat er von seiner Familie ein Startkapital bekommen. Den Rest verdient er unterwegs. Ob es heute mit der Fahrt durch die Wüste klappt, weiß er noch nicht. Sein Bargeld reicht eigentlich nicht.

Endstation Libyen

Dass die Pick-ups montags fahren, weil es dann eine Eskorte bis an die Grenze gibt, weiß auch Idrissa. Er trägt eine graue Jogginghose und ein kariertes Hemd. Einmal hat er es schon nach Libyen geschafft und blieb einige Monate dort, um für die Überfahrt nach Europa zu arbeiten. Jetzt ist er auf dem Heimweg zurück in den Senegal. Der 30-Jährige krempelt die Ärmel hoch und zeigt mehrere Narben: "Der Mann, für den ich gearbeitet habe, wollte mir mein Geld nicht geben."

Wie viele Migranten ist Idrissa traumatisiert. Sein Blick ist leer, er wirkt müde. Dabei wollte er doch nur Geld für sich, seine Frau und die drei Söhne verdienen. "Arbeit gibt es bei uns nicht", klagt er. Es ist der am häufigsten genannte Grund für die Migration. Es gibt aber auch Senegalesen, die lästern: Die, die nach Europa wollen, sind sich für viele Arbeiten zu fein. Wenn der 30-Jährige wieder in seiner Heimat ankommt, will er noch einmal intensiv nach einem Job suchen. Nach Europa würde er es nur unter einer Bedingung noch einmal versuchen: "Wenn ich hinfliegen kann." (Katrin Gänsler aus Agadez, 1.10.2015)

  • Einer der Pick-ups in Agadez, der die zahlreichen Migranten in Richtung Norden an die Grenze bringt. Ein Platz auf den Lastern kostet umgerechnet 230 Euro.
    foto: reuters / akintunde akinleye

    Einer der Pick-ups in Agadez, der die zahlreichen Migranten in Richtung Norden an die Grenze bringt. Ein Platz auf den Lastern kostet umgerechnet 230 Euro.

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