Straches Spiel mit dem Changiereffekt

Userkommentar30. September 2015, 18:12
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Wahlkampf kann und darf nicht heißen: "Alles ist erlaubt"

Mit der glasklaren Ansage vergangenen Sonntag im Hinblick auf die Wahlen in Wien, es sei "spätestens heute sichtbar geworden, dass wir dort erstmals seit 70 Jahren stärkste Kraft werden können", spricht Strache Klartext. Unverblümt werden also die politischen Wurzeln offengelegt. 1943 bis 1945 war Hanns Blaschke Bürgermeister von Wien, ein ehemals illegaler Funktionär der NSDAP und Mitglied der SS. Strache stellt sich also offen und ohne Hemmungen in die Reihe jener, die Europa in die größte Katastrophe gestürzt haben.

Wer solches tut, kalkuliert kaltblütig mit der Schwäche der Andersdenkenden. Während diese sich schockiert abwenden, überlegen, was sie sagen könnten, wie sie dazu Stellung beziehen würden, wenn sie es denn tun würden, hat der Haudegen schon seinen Sieg davongetragen.

Bewusstes Strickmuster

Das Strickmuster ist bewusst gewählt: "Seit 70 Jahren" gibt es auch die Demokratie in Österreich, vor 70 Jahren wurde der Nationalsozialismus besiegt. 1945 ist natürlich der Wendepunkt, auf den so oder anders Bezug genommen werden kann. Es ist aber kein Zufall, dass Strache hier bewusst mit dem Changiereffekt spielt. Die einen hören ein harmloses Statement, die anderen ein Zwinkern mit dem rechten Auge. Die "Richtigen" werden es schon verstehen. Die Diskussion darüber, wie das jetzt wirklich gemeint war, das Dementi und die neuerlichen Dispute sind eingeplant. Dennoch: Wer sich auch nur indirekt in die Nähe des Dritten Reichs stellt, darf für niemanden möglicher Ansprechpartner sein.

Sich in Österreich politisch sich zu disqualifizieren ist anscheinend unmöglich. Wenn selbst nach solch offenen Anknüpfungen an die braune Vergangenheit einfach nur weiter der Alltag des Wahlkampfs stattfindet, ohne dass jemand Stopp ruft, darf sich niemand über das sich abzeichnende blaue "Wunder" echauffieren.

Demokratische Grundwerte

Wahlkampf kann und darf nicht heißen: "Alles ist erlaubt." Wahlkampf muss immer die demokratischen Grundwerte achten und verteidigen. Wer sich in die Tradition der Feinde der Demokratie stellt, betreibt Wiederbetätigung. Lange bevor das juridisch verfolgbar wäre, müsste es politisch geächtet und wirksam zurückgewiesen werden. Aber wer an sich selbst kaum mehr glaubt, wird kaum mehr Glaubwürdigkeit vorspielen können.

Die demokratische Mehrheit muss aber unbedingt zu klareren Positionen finden, statt bloß den Kopf über Strache und die Seinen zu schütteln. Die demokratische Mehrheit muss nicht trotz, sondern gerade wegen der unmittelbar bevorstehenden Wahl klarmachen: Die Demokratie steht nicht zur Disposition. (Bernhard Jenny, 30.9.2015)

  • FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im "ZiB2"-Interview Sonntagabend: "Ich glaube, dass spätestens heute sichtbar geworden ist, dass wir dort erstmals seit 70 Jahren stärkste Kraft werden können."
    foto: apa/helmut fohringer

    FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im "ZiB2"-Interview Sonntagabend: "Ich glaube, dass spätestens heute sichtbar geworden ist, dass wir dort erstmals seit 70 Jahren stärkste Kraft werden können."

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