Wenn Mama und Papa im Studium mitmischen

5. Oktober 2015, 09:00
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Immer mehr Eltern wollen das Studium der Kinder mitbestimmen. Die Uni Graz setzt auf eigene Infoveranstaltungen für Eltern, an anderen Unis sieht man die Selbstständigkeit der Studierenden bedroht

Wien/Graz – Sie sind längst keine Schüler mehr und auch keine Studienanfänger. Die Menschen, die im Hörsaal der Universität Graz sitzen und sich über die verschiedenen Studienpläne informieren, wollen nicht selbst studieren. Sie kommen zu den Schnuppertagen vom Studien Info Service der größten Grazer Hochschule, um ein bisschen mehr über das Studium ihrer Kinder zu erfahren.

In den vergangenen Jahren hat sich das Interesse von Eltern an der Studienwahl und an dem Erfolg ihrer Kinder an österreichischen Unis vermehrt bemerkbar gemacht, berichten Beratungsinstitutionen.

Die Uni Graz ist daher aktiv geworden und bietet nun während der Schnuppertage für Studienanfänger auch einen Informationsabend für Eltern an. "Den Bedarf hat es gegeben, und wir haben darauf reagiert", sagt Victoria Reszler vom Studien Info Service der Uni Graz. Beim Elternabend stehen Servicefragen im Mittelpunkt.

Als "Eltern, die das Leben ihrer volljährigen Kinder mitbestimmen wollen, um ihre Kinder schwirren und allzeit bereit sind einzugreifen", umschreibt Miriam Burkia Stocker, Soziologiestudentin an der Uni Graz, den mittlerweile gängigen Begriff der "Helikoptereltern". Sie hat über das Phänomen ihre Masterarbeit geschrieben und dafür Eltern, die an den Schnuppertagen in Graz teilgenommen haben, interviewt und festgestellt, das die meisten Eltern, die das Studium ihrer Kinder intensiv mitbestimmen wollen, selber keinen akademischen Hintergrund haben.

Hintergründe ändern sich

Während bei Studienanfängern Eltern aus allen sozialen Schichten mitwirken, ändert sich das mit Fortschritt des Studiums. Ute Steffl-Wais, Leiterin des Studiensupport der Wirtschaftsuni Wien (WU Wien), erzählt von einem Fall, wo der Vater um die Note seines Sohnes kämpfen wollte.

Solche Einzelfälle seien symptomatisch, sagt Martina Beham, Soziologin der Universität Linz mit Schwerpunkt Familienforschung. "Die Tendenz, dass Eltern über den Bildungsweg ihrer Kinder bis ins Erwachsenenalter bestimmen wollen, ist bei der Mittel- und Oberschicht stärker ausgeprägt. Die Hemmschwelle, sich mit der Universität zu befassen, ist kleiner." Das liege auch daran, dass sich die Eltern-Kind-Beziehung gewandelt hat, Studierende sehen Eltern als Berater. Beham untersucht momentan gemeinsam mit ihren Soziologiestudierenden, wie sich ein die Selbstständigkeit behinderndes Erziehungsverhalten auswirkt.


Die WU Wien habe sich "bewusst gegen eine Serviceleistung für Eltern entschieden", sagt Steffl-Wais. Selbstständigkeit sei eine Fähigkeit, die Teil einer universitären Ausbildung ist. Diese würde schwerer zu erlernen sein, wenn Eltern während großer Prüfungen vor Sälen warten, bei der Fakultät anrufen und Noten erfahren wollen oder ihre Kinder zur Studienberatung und Sprechstunden begleiten. Gerade in diesen Situationen würden Studierende unselbstständiger und nur still neben ihren Eltern sitzen.

Gezieltes Training

Genau für solche Fälle wird bei der Österreichischen Hochschülerschaft geübt: "Wir gehen dann speziell auf die Studierenden ein", sagt der ÖH-Vorsitzende Philip Flacke (FLÖ). Für Fälle, in denen die Eltern mit zur Studienberatung kommen, werden die Berater der ÖH mittlerweile gezielt geschult, damit die Studierenden neben ihren Eltern bei der Beratung nicht zu kurz kommen. (Kristina Nedeljkovic, 5.10.2015)

  • Vorlesungen gibt es nicht mehr nur für Studierende. Auch Eltern dürfen mitkommen.
    foto: corn

    Vorlesungen gibt es nicht mehr nur für Studierende. Auch Eltern dürfen mitkommen.

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