ÖH-Vorsitzende: "Wir würden gerne wissen, wohin das Geld geht"

Interview2. Oktober 2015, 09:00
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Alle Hochschulen sollen ihre Finanzierung offenlegen, sagt das neue Vorsitzteam der ÖH. Philip Flacke, Meryl Haas, Lucia Grabetz und Magdalena Goldinger starten in ihre Amtszeit

STANDARD: Für die nächsten zwei Jahre vertreten Sie die Interessen der Studierenden – was ist Ihr wichtigstes Anliegen?

Goldinger: Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Universitäten, Privatunis und Fachhochschulen ihre Finanzen offenlegen. Das wird ein längeres Projekt, weil man sich immer auf das Amtsgeheimnis beruft.

STANDARD: Wie soll das gehen?

Haas: Wir wollen in Österreich ein ähnliches Projekt wie die deutsche Initiative hochschulwatch.de forcieren. Indem wir Druck aufbauen, wollen wir eine Gesetzesänderung erreichen und das Amtsgeheimnis bei den Uni-Finanzen abschaffen.

Flacke: Die deutsche Regelung der Offenlegung der Finanzen wäre auch für Österreich eine sehr gute Lösung. Nachdem immer wieder gefordert wird, dass der Bildungssektor ausfinanziert wird, würden wir auch gerne einmal wissen, wohin das Geld geht.

STANDARD: Was wären weitere Schritte, falls die Hochschulen tatsächlich ihre Finanzen offenlegen?

Grabetz: Wir könnten Druck aufbauen und sagen, dass wir mehr Geld für die Lehre wollen – wir hätten dann eine bessere Argumentationsgrundlage, damit das Geld wirklich bei den Studierenden ankommt. Es wird ständig über "responsible science" gesprochen, aber man weiß nicht, was hinter diesem Begriff steht, wenn die Finanzen nicht offenliegen.

STANDARD: Wäre nach Vorbild der deutschen Zivilklausel auch für österreichische Unis wichtig, gewisse Geldgeber auszuschließen?

Flacke: Man muss sich bei Waffenherstellern oder Diktatorenregimen, die Forschung finanzieren, schon die Frage stellen, in welche Richtung da geforscht wird. Das amerikanische Verteidigungsministerium ist einer der größten Geldgeber für Forschung weltweit – mit exklusiven Zugriffsrechten auf die Ergebnisse vor der Veröffentlichung. Wenn man mit Forschern von technischen Hochschulen spricht, sagen die einem schon mal durch die Blume, dass sie auch Raketenleitsysteme entwickelt haben – da ist klar, wo der Auftrag herkommt. Ein Thema ist auch die Pharmaindustrie: In die Medikamentenentwicklung fließen Millionen an Drittmitteln, da wird aber nicht wirklich geforscht, sondern nur ein wenig die Zusammensetzung geändert und ein neues Patent beantragt – das sind Missstände, die wir offenlegen wollen. In Deutschland ist das möglich, in Österreich noch nicht.

Goldinger: Außerdem gibt es Fachhochschulstudiengänge, die von Unternehmen finanziert werden. Da geht es darum, den Studierenden klarzumachen, wer ihren Studienplatz finanziert.

STANDARD: Bei welchen Forschungsprojekten ist die Drittmittelfinanzierung ein Problem?

Haas: Im letzten Jahr wurde aufgedeckt, dass universitäre Forschung in Österreich vom Pentagon mitfinanziert wird. Im Zeitraum 2009-14 wurden 8,8 Millionen Euro an verschiedene Universitäten und an die Akademie der Wissenschaften vergeben.

STANDARD: Sie stellen den ersten Vorsitz der Hochschülerschaft (ÖH), der auch die Studierende von Privatuniversitäten vertritt. Diese haben allerdings wenig Interesse an der ÖH-Wahl gezeigt – warum?

Goldinger: Dazu muss man sich die Stimmung in der Gesellschaft ansehen. Jetzt haben wir ein Klima, wo Wählen an sich unattraktiv ist. Die Leute an eine Wahlurne zu bringen ist jetzt sehr schwierig.

STANDARD: Wie können Sie die ÖH attraktiver machen?

Grabetz: Ein großes Problem, das wir seit Jahren merken, ist, dass die ÖH eine Interessenvertretung ist, die auf Ehrenamtlichkeit basiert. Das macht den Zugang zur ÖH und zur ÖH-Arbeit nicht für alle möglich. Wir machen einen 70-Stunden-Job mit einer Aufwandsentschädigung von 550 Euro – da müssen wir ansetzen.

STANDARD: Das hört man oft zum Amtsantritt, dann kann sich das Vorsitzteam doch nie auf eine Neuregelung einigen – vertreten Sie nun eine gemeinsame Position?

Flacke: Meine Fraktion und ich selbst sehen die ÖH-Arbeit schon als ehrenamtliche Tätigkeit.

Grabetz: Ach so?

Flacke: Eine gerechte Bezahlung wäre finanziell gar nicht möglich. Durch das neue Hochschülerschaftsgesetz hat sich die finanzielle Lage der ÖH zugespitzt.

STANDARD: Inwiefern?

Flacke: Wir haben nun circa 100.000 Euro pro Jahr weniger zur Verfügung. Es gab früher eine Deckelung der Rückstellungen, die in unsere Rücklagen geflossen sind – die sind jetzt weg.

Goldinger: Wir müssten unsere Beratung einstellen, aber das ginge zulasten der Studierenden.

STANDARD: Trotz knapper Finanzen hat die ÖH zuletzt einen Hilfsconvoi für Flüchtlinge organisiert – inwiefern ist es Aufgabe der ÖH, Helfer an die ungarische Grenze zu schicken?

Grabetz: Das ist auf jeden Fall Aufgabe der ÖH, weil es Aufgabe von uns allen ist, jetzt etwas zu tun. Alles, was wir auf der ÖH dafür tun können, tun wir auch: Medikamente beschaffen, Deutschkursunterlagen zusammenstellen oder einfach vor Ort helfen.

Flacke: Die Opposition fordert immer, wir sollen uns den Problemen der Studierenden annehmen. Wenn ich jetzt Studierenden frage, was wir tun sollen, sagen sie, wir sollen Flüchtenden helfen – es ist ein Studierendenthema.

STANDARD: Herr Flacke, Sie sind der erste ÖH-Vorsitzende aus Deutschland – wird sich die ÖH künftig den Interessen ausländischer Studierender besonders annehmen?

Flacke: Nein. Ich differenziere nicht, aus welchem Staat ein Studierender kommt, sondern sehe mir seinen Status an und versuche, die beste Lösung zu finden.

STANDARD: Warum stellen Sie als Kandidat der viertstärksten Fraktion den Vorsitzenden? Der Wählerwille ist das wohl nicht.

Flacke: Es geht nicht um das Symbol, sondern um den Inhalt. Die Studierenden bekommen zwar mich zum Vorsitzenden, aber die Politik von uns vier Fraktionen.

Philip Flacke (35) von den Fachschaftslisten ist das erste Jahr Vorsitzender der ÖH – als erster Deutscher. Er studiert Psychologie in Klagenfurt.

Meryl Haas (27) stellt für die Grünen Studierenden die Vorsitzstellvertreterin. Sie studiert Molekulare Medizin in Wien.

Lucia Grabetz (24) ist zweite Stellvertreterin für die VSStÖ. Sie studiert Deutsch und Französisch auf Lehramt.

Magdalena Goldinger (28) studiert Lehramt Mathematik und Geschichte. Für die Fest stellt sie die Generalsekretärin. Sie hat eine fünfjährige Tochter.

  • Das neue Vorsitzteam der Österreichischen Hochschülerschaft (von links): Vorsitzender Philip Flacke (FLÖ), seine erste Stellvertreterin Meryl Haas (Gras), die zweite stellvertretende Vorsitzende Lucia Grabetz (VSStÖ) und Generalsekretärin Magdalena Goldinger (Fest).
    foto: cremer

    Das neue Vorsitzteam der Österreichischen Hochschülerschaft (von links): Vorsitzender Philip Flacke (FLÖ), seine erste Stellvertreterin Meryl Haas (Gras), die zweite stellvertretende Vorsitzende Lucia Grabetz (VSStÖ) und Generalsekretärin Magdalena Goldinger (Fest).

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